Tempel gibt es viele in Berlin: Technotempel, Kunsttempel, Shoppingtempel. Dieser hier ist aber schon etwas Besonderes. Versteckt in einem Ackerstraßenhinterhof, führt ein schwarzer Gang vorbei an mit Kordeln abgetrennten Séparées in einen verspiegelten Vorraum. An der Decke angebrachte japanische Dachziegel symbolisieren Schutz, daran angrenzend öffnet sich der mehrere Meter hohe Hauptraum, spärlich beleuchtet von Oberlichtern, mit einem üppigen Bonsaibaum in seiner Mitte.

Essen nach buddhistischer Tradition

Entworfen wurde das Restaurant Oukan vom Architekten Huy Thong Tran Mai, einem der vier Geschäftsführer. Vorbild waren ihm die Arbeiten des japanischen Architekten Tadao Andō und das unlängst aus der Johannisstraße vertriebene Zenkichi sowie das noch viel schummrigere 893 Ryotei. So oder so: Das Oukan ist ein irre aufgeladener Ort. Hip, ja, aber auch meditativ, und somit kein Widerspruch zur hier servierten buddhistischen Tempelküche. Diese richtet sich nach den fünf Elementen (Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser), ist saisonal und frei von tierischen Produkten, was nach Instagram-Hashtag klingt, tatsächliche aber auf eine jahrtausendealte buddhistische Tradition zurückgreift.

Tran Mai hat seine ersten neun Lebensjahre in einem vietnamesischen Tempel verbracht, kulturelle Aneignung kann man ihm also kaum vorwerfen. Chefkoch Martin Müller (ehemals Tisk) allerdings ist Deutscher. Gemeinsam kreieren sie neue Speisen, die sie von einem buddhistischen Kloster in der Nähe von Frankfurt absegnen lassen müssen. So auch der gut angegrillte grüne Spargel mit Petersiliencreme, karamellisierten Birnen und Friséesalat, der so auch auf der Karte vieler Sharing-Dish-Restaurants stehen könnte. Auch der frittierte Tofu mit einer solide abgeschmeckten Sauce aus getrockneten Tomaten eröffnet keine neue Geschmackswelten. Dem beigefügt sind Reisbällchen, belegt mit Koriander und Tonburi, einer Art veganer Kaviar, gewonnen aus einer Zypressenart.

Nils Hasenau.
Unbedingt probieren: Kartoffeln und Trüffel.

Am Weißer-Spargel-Gang überzeugt vor allem die Soße aus Shiso, Wasabi, Spinat und Kakao. Die anschließend servierte Aubergine ist, anders als das sonst oft passiert, bis zum Ende durchgegart und wird mit Erbsen- und Kapuzinerkresse und Tupfen einer Yuzu-Mayonnaise serviert. Noch eine Entdeckung ist Yamabushitake, ein eher zäher Pilz, der aber, Kaustärke vorausgesetzt, in Kombination mit zweierlei Sellerie und einem umamilastigen, mit Kaffeeöl verfeinerten Pilzfond einen stimmigen Hauptgang ergibt.

Auf Gemütsausgleich bedachte Tempelküche

Ist das nun diese Tempelküche, von der jetzt alle reden? Vor einigen Jahren hatte ich mal das Glück, bei Jeong Kwan zu essen, jener durch die Netflix-Sendung „Chef’s Table“ bekannt gewordenen Nonne, deren Gerichte ich als viel feiner, bescheidener, weltentrückter in Erinnerung habe. Das Oukan dagegen ist anschlussfähiger und auch für Menschen geeignet, die Berührungsängste mit einer veganen Küche haben.

Auf Erklärungen wird komplett verzichtet, was schade ist, wenn man gerne mehr über die auf Gemütsausgleich bedachte Tempelküche erfahren würde, aber gut, wenn man ermüdet ist vom allgemeinen Dozieren in Berliner Gastronomiebetrieben. Extrapunkte gibt es für die von Tee-Sommelière Joyce von Beuningen verantwortete Teebegleitung. Mit Kirschblüten verfeinerter Sencha, ein chinesischer Kräutertee, der an Spreewaldgurken mit Dill erinnert, oder gerösteter Buchweizentee, der unerwarteterweise prickelt und ganz anders schmeckt, als er riecht – das ist wirklich große Klasse und in dieser Form in Berlin bislang einzigartig. Regelrecht geflasht war ich vom warmen (alle anderen Tees sind kalt), zum Dessert servierten Jiaogulan-Tee, gewonnen aus dem sogenannten Unsterblichkeitskraut, der mit seiner extremen Bitterkeit den Magen aufräumt. Drei Punkte fürs Essen, fünf für den Service, den Tee und die Atmosphäre, macht zusammen vier für Berlins neuesten Tempel.

Wertung: 4 von 5 Punkten


Oukan, Ackerstraße 144, 10115 Berlin

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 18–23 Uhr, Sonntag 10–19 Uhr, Tel.: 030 54 77 47 16 contact@oukan.de.

Preise: 7-Gänge-Menü: 89 Euro pro Person, 3-Gänge-Menü: 49 Euro pro Person, Karte: Vorspeisen ab 10 Euro, Hauptgerichte ab 24 Euro