Meine polnischen Freunde wundern sich manchmal: Wie kannst Du in diesen Zeiten russisch essen gehen? Wie kannst Du Puschkin lesen? Und wie kannst Du überhaupt noch Tschaikowsky hören? Ich lache dann immer ein bisschen und denke mir: Genau das ist es, was man jetzt tun sollte. Tschaikowsy hören, Puschkin lesen und russisch essen gehen, damit im ganz Kleinen Putin genau das nicht erreicht, was er eigentlich will: uns spalten. Uns zu Menschen zu machen, die mit Hass im Bauch durch die Welt laufen.

Deswegen lese ich jetzt noch mehr russische Literatur, esse noch mehr russisches Essen und höre noch mehr russische Musik als jemals zuvor. Genauso verhält es sich mit dem Ukrainischen. Noch nie hat das ukrainische Kulturgut so viel Platz in meinem Leben eingenommen wie jetzt. (Einer meiner Lieblingsschriftsteller ist übrigens Juri Andruchowytsch.)

Wenn Sie schlechte Laune haben, sollten Sie die Lensky-Arie aus der Oper „Eugen Onegin“ von Tschaikowsky in der Ausführung des polnischen Sängers Piotr Beczala aus der Metropolitan Opera in New York anhören. Russischer Herzschmerz gepaart mit polnischer Melancholie. Umwerfend!

Russisches Essen in Berlin

Was das russische Essen betrifft, kann ich Ihnen unbedingt das Restaurant Samowar in Charlottenburg empfehlen. Russen sagen, dass es das beste russische Restaurant in Berlin ist. Und nach meinen Tests kann ich das nur bestätigen. Das Restaurant wirbt damit, dass es das älteste russische Restaurant in der Hauptstadt ist. Das könnte stimmen, immerhin hat sich doch historisch die russische Diaspora traditionsgemäß in Charlottenburg, oder: Charlottengrad, aufgehalten.

Die Gerichte übrigens erinnern mich schwer an jene auf polnischen Speisekarten. Natürlich finden sich sehr viele Suppen und Fleischgerichte darauf. Für einen Vegetarier ist die russische Küche also nicht besonders geeignet, aber es gibt vegetarische Pelmeni, also ganz alternativlos ist die russische Küche hier nicht.

Die Hauptspeisen sind ebenfalls vorzüglich

Ich bin aber wegen des „Borschtsch-Ukrainskij“ hier. Er ist in ganz Deutschland sehr berühmt, weil es sich um einen Borschtsch-Ukrainskij handelt, der so authentisch schmeckt wie in Russland (oder der Ukraine). Ich habe ihn bestellt und probiert und kann nur sagen: Es stimmt! Die sogenannte Rote-Beete-Weißkohl-Rindfleisch-Suppe mit Smetana und Kräutern schmeckt hervorragend, die Sour Cream ist perfekt abgestimmt und gibt der Suppe den nötigen Fettgehalt. Die rustikale Einrichtung des Restaurants passt sich dem traditionellen Geschmack der Suppe gut an. Wer rote Beete nicht mag, den empfehle ich die Soljanka.

Tomasz Kurianowicz
Soljanka (vorne) und Borschtsch-Ukrainskij (hinten)

Die Hauptspeisen sind ebenfalls vorzüglich. Es gibt Bliny mit Hackfleisch oder Blattspinat, sehr viele Pelmeni-Variationen, Wareniki (gekochte Teigtaschen mit Kartoffelfüllung, Röstzwiebeln und Smetana) und natürlich den Kotleta po Kiewski. Dabei handelt es sich um ein Hähnchenbrustfilet mit Buttermischung gefüllt, paniert und gebacken, mit frischem Grillgemüse, Cremechampignons und Bratkartoffeln. Klar, das Gericht ist nicht besonders ausgefallen und wird keine Gourmet-Preise gewinnen, aber es schmeckt einfach und macht gute Laune. Auch das Beef Stroganoff ist zu empfehlen. Die Atmosphäre ist gemütlich und das Personal sehr nett. Also: Dringende Empfehlung! Gehen Sie ins Restaurant Samowar russisch essen. Und am nächsten Tag ukrainisch. Und am übernächsten Tag polnisch.

Wertung: 4 von 5 Punkten

Restaurant Samowar, Luisenpl. 3, 10585 Berlin, montags bis sonntags, 12-23 bzw. 00 Uhr.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de