Wie schmeckt die Mode? Unser Koch über Fashion- und Food-Trends

Zeiten ändern sich. Das gilt nicht nur für die Mode, sondern auch in der Kulinarik. Karl Lagerfeld liebte Coca Cola, Gerhard Schröder die Currywurst. Und was isst man heute?

Zu Tisch, bitte: Der Münchener Modemacher Rudolph Moshammer liebte Weißwürste und machte Werbung für McDonald’s. 
Zu Tisch, bitte: Der Münchener Modemacher Rudolph Moshammer liebte Weißwürste und machte Werbung für McDonald’s. Imago

Jede Zeit hat ihre ganz eigenwilligen Moden, nicht nur was Kleidung angeht. In den 50er-Jahren, noch gebeutelt durch die Kriegsjahre, war alle Mode (etwa das T-Shirt), was aus den USA kam. Marylin Monroe, Gregory Peck und James Dean waren die Stars und Modeikonen und gaben uns viel Anlass zu Träumereien. Auf dem Tisch ging es in Deutschland allerdings noch bieder zu. McDonald’s gab es in den USA schon, aber die Diner-Kultur hatte es noch nicht über den Atlantik geschafft.

Bei uns herrschte eine eher traditionelle Tischkultur, die Deutschen aßen, was sie auch vor dem Krieg gegessen hatten: Sauerbraten und Leberwurst. In den Swinging Sixties folgten Audrey Hepburn und Jackie O. als die Modeikonen, die Beatles kamen nach Hamburg und etablierten ihren Look in der jungen Bundesrepublik. Dass diese vier Jungs aus Liverpool bei ihren legendären Auftritten im Star Club nach Bockwurst, Bulette und Kohlrouladen rochen, ist vergessen und einfach auch nicht belegt.

Jede Woche schreibt Koch Felix Hanika für uns die Rezepte der Stunde auf.
Jede Woche schreibt Koch Felix Hanika für uns die Rezepte der Stunde auf.Cachete Jack für Berliner Zeitung

Auch das angesagte britische Model Twiggy, mit bürgerlichem Namen Lesley Lawson, wird sich noch verhältnismäßig klassisch ernährt haben. Schließlich gab es in London bis in die 90er mit dem River Café nur ein Restaurant, das wirklich genießbares Essen auf den Tisch brachte und immer noch bringt.

Karl Lagerfeld und Toast Hawaii: so schmeckt die BRD

Doch es tat sich was: Der deutsche Fernsehkoch Clemens Wilmenrod startete mit der ersten Kochshow in Deutschland durch und schenkte dem Wirtschaftswunderland den Toast Hawaii und arabisches Reiterfleisch. Schauen Sie sich seine Videos bei YouTube an. Ein Genuss! Von all dem Trouble unbemerkt wird ein junger deutscher Modeschöpfer der Creative Director des römischen Modelabels Fendi: Karl Lagerfeld. Später bekannt für seine Coca-Cola-Light-Diät und starke Gewichtsschwankungen.

Audrey Hepburn isst Scones (britische Rosinenbrötchen) 1961 während einer Drehpause zu „Frühstück bei Tiffany“. Im Film selbst frühstückte sie dann in der Rolle der Holly Golightly ein Croissant. 
Audrey Hepburn isst Scones (britische Rosinenbrötchen) 1961 während einer Drehpause zu „Frühstück bei Tiffany“. Im Film selbst frühstückte sie dann in der Rolle der Holly Golightly ein Croissant. Imago

1971 eröffnete dann (endlich) der erste McDonald’s in Deutschland. In München, wegen der Olympischen Spiele. Ob sich dort die Trendsetter der Zeit in Schlaghosen und langer Bee-Gees-Mähne trafen oder gemeinsam im Brauhaus mit konservativen Lederhosen- und Dirndl-Fanatikern saures Lüngerl und Obazda aßen, bevor es in die Disco ging, ist auch nicht empirisch belegt.

Zum Ende des 70er-Jahre schaffte es dann Eckard Witzigmann, in seiner Münchener Aubergine drei Michelin-Sterne zu erkochen, vorher unerreicht in Deutschland. Debbie Harry und Diana Ross sind jetzt angesagt, die Zeiten grundsätzlich ziemlich wild und neben Schlaghosen und Tuniken sind Maxiröcke und indische Gewänder bei der Schickeria beliebt.

BMX, Calippo und Dr.-Oetker-Pudding aus der Tüte

Unter den Hippies fanden sich damals schon viele Vegetarier, aber immer noch standen Hackbraten, Russische Eier, Fleisch in Aspik und Dr.-Oetker-Pudding in Deutschland hoch im Kurs. Langsam etablierten sich auch schon die ersten italienischen Restaurants, welche mit der überschwappenden Welle Italopop und mediterraner Lebenslust nun vollends Fahrt aufnahmen. In fliederfarbenen Sakkos mit Puffärmeln, Karottenjeans und unter einer Dauerwelle traf man sich nun also beim Stammitaliener und hörte Al Bano und Romina Power.

War zu Anfang auch schon talentiert, aber noch lange kein Asket. Dutzende Diäten später gab es nur noch Cola Light und frisches Obst für Karl Lagerfeld (l.).
War zu Anfang auch schon talentiert, aber noch lange kein Asket. Dutzende Diäten später gab es nur noch Cola Light und frisches Obst für Karl Lagerfeld (l.).

Die jugendliche Generation fuhr mit dem BMX ins Freibad und genoss Pommes und Calippo-Eis. Man träumte zum Sound von Dieter Meiers Band Yello davon, einmal so cool wie Ferris Bueller zu sein, und wer Glück hatte, ergatterte eine stylische Collegejacke. Hugo Boss, Versace und Calvin Klein etablierten sich international, und Karl Lagerfeld übernahm eine führende Rolle bei Chanel.

Honecker trinkt Westbier und Moshammer wirbt für McDonald’s

Es ist auch das Jahrzehnt des Umbruchs, mit dem Megaevent überhaupt: dem Fall der Berliner Mauer. Erich Honecker (der sich gern für Devisen Dortmunder Aktienbier hinter den Eisernen Vorhang liefern ließ) lud in beige-grauer Rentnermode Michail Gorbatschow zu einem letzten Staatsbankett in den Palast der Republik ein. Ein finaler, grauer Menüvorschlag sozusagen: Forellenröllchen, Putensuppe und Hühnermedaillons mit Pfirsichhälften kredenzt. Dazu gab’s zum Digestif, na klar: Wilthener Goldkrone (und dazu heimlich Cola). Das nennen wir mal konsequent! Tschüss graue Mittelmäßig- und Humorlosigkeit.

Und nach dem Essen mit Gorbatschow? Einen schönen Schluck Wilthener Goldkrone für die Verdauung. 
Und nach dem Essen mit Gorbatschow? Einen schönen Schluck Wilthener Goldkrone für die Verdauung. Imago

Kurz darauf, in den 90er-Jahren, trank man aber auch schon in Ost-Berlin Coca Cola Light, bestaunte den Aufstieg von Jil Sanders schlichten Schnitten und sah Rudolph „Mosi“ Moshammers Werbung für McDonald’s und Nescafé machen. Blümchen sang bauchfrei von einem Boomerang, und die Boybands trugen selbstverständlich Netzhemden und Jogginghosen. Natürlich nicht unbemerkt von Lagerfeld, der ja bekanntlich feststellte, man habe die Kontrolle über sein Leben verloren, wenn man Jogginghosen trüge. Wo der Mann recht hat ...

Dem Partymob der Loveparade war das ziemlich egal, aber die Party fand ja auch in Berlin statt, was interessiert also die Meinung eines Exil-Parisers? In Berlin wird der Döner (mit Pressfleisch von der Döner-Mafia) dann eine richtig große und nachhaltige Sache, obwohl dessen Ursprung natürlich irgendwo im Nahen Osten liegt. Nur eben ohne Rotkohlsalat.

Bunte Krawatte und weißer Rolls Royce: Der Modedesigner Rudolph Moshammer genießt ein Eis im Hörnchen. 
Bunte Krawatte und weißer Rolls Royce: Der Modedesigner Rudolph Moshammer genießt ein Eis im Hörnchen. Imago

Claudia Schiffer ist ein Star, Paris Hilton macht Prosecco

In den 2000ern kommt dann Kentucky Fried Chicken richtig in Deutschland an, Starbucks wird cool, und alle fühlen sich wie die lässige Truppe aus Friends. Nach den Boybands haben nun die Girls ihren großen Auftritt in Musik und Alltagsmode: Die Spice Girls, Christina Aguilera und Paris Hilton (und ihr Rich Prosecco aus der goldenen Blechdose) sind en vogue, die elegante Claudia Schiffer und ihre Supermodel-Kolleginnen gehören fast schon zum alten Eisen.

Gerhard Schröder, genau wie sein italienischer Amtskollege Silvio Berlusconi in Brioni-Anzüge gehüllt, startet mit seiner Agenda 2010 durch. In Wolfsburg (noch nicht mit Blattgold, das wird später in Düsseldorf erfunden) gibt es die beste Currywurst Deutschlands. Heidi Klum flirtet mit Flavio Briatore. Lagerfeld speckt mit Joschka Fischer um die Wette ab.

Soviel los also im vereinigten Deutschland. Da muss man erstmal ein wenig Berliner Luft holen, die ist nämlich total angesagt und gefällt auch den Gästen der Berliner Fashion Week, die 2007 das erste Mal in Berlin stattfindet. Die Gäste feiern Berlin als das neue New York, was natürlich Quatsch war und immer noch ist. Viele kleine Labels kommen und gehen, Bestand in der breiten Masse haben aber immer noch Rollmops, Broiler und Hackepeter.

Brioni-Anzüge und schnöde Bratwurst: Wir finden diese Kombination top, auch wenn wir den Russlandfreund Gerhard Schröder verurteilen. Nur Senf fehlt irgendwie.
Brioni-Anzüge und schnöde Bratwurst: Wir finden diese Kombination top, auch wenn wir den Russlandfreund Gerhard Schröder verurteilen. Nur Senf fehlt irgendwie.Imago

Thomas Gottschalk, Mario Adorf, Jürgen Prochnow und Isa Gräfin Hardenberg trinken Champagner im Borchardt, man trifft sich im (scheußlichen) Adlon, und Wolfgang Joop, den man damals peinlich findet, tritt als Blaupause für Harald Glööckler ins Rampenlicht. Und letzterer ist heute cool, gar nicht mehr peinlich. Aus Vegetariern sind inzwischen Veganer geworden. Ernährung und Mode sind heute nachhaltig und Bio sowie von politischer Bedeutung. Die Wolfsburger Currywurst ist einem Veggie Day gewichen, dafür trägt die Frau heute ihre Nippel und manchmal ihre Achselbehaarung zur Schau, und als Mann im Anzug benötigt man außerhalb des Regierungsviertels Personenschutz.

Borchardt und Adlon waren schon immer schlimme Adressen

Das Borchardt ist ein Schatten seiner selbst, das Adlon hat seinen Ruf längst verspielt, Lagerfeld ist längst im Himmel, und was wir rückblickend von der Mode der 2020er-Jahre halten werden, zeigt sich erst in der nächsten oder übernächsten Dekade ab. Kleiner Spoiler: Eigentlich ist alles nur noch Retro und nicht der Rede wert.

Als die Berliner Fashion Week 2007 in Berlin startete, war das Fernsehen noch voll mit Alkoholwerbung. Es war zwar schon Red Bull, das Flügel verlieh und den fliegenden Adler ablöste, der laut Fernet Branca magische Kräfte verleihen kann, aber Bier und Wein wurden noch ungeniert beworben. Besonders in Erinnerung sind die Spots für die Massenweine, welche zu dieser Zeit den Markt überschwemmten. Dazu kredenze ich Ihnen folgendes Rezept. Es passt zu einem Stehempfang und einer Fashionparty sowie als Snack zwischen zwei Modenschauen. Es ist einfach und zeitlos sowieso. Stellen Sie sich einfach vor, Kate Moss käme aus New York zu Ihnen zu Besuch:

Der gute alte Schrimp-Cocktail: Mal in, mal out, und immer wieder da!
Der gute alte Schrimp-Cocktail: Mal in, mal out, und immer wieder da!Imago

Krustentier-Artischocken-Spargel-Salat

Zutaten (für 4 Personen): 200 g Flusskrebsschwänze, 3 EL Mayonnaise, 1 Dose Artischockenböden, 1 Bund grüner Spargel (kommt jetzt aus Chile), 1 Zitrone, Dill, Salz und Cayennepfeffer

Zubereitung: Diesen Salat kann man schnell machen. Den Spargel schneiden wir in mundgerechte Stücke und kochen ihn einfach in Salzwasser schön knackig, am Ende am besten mit kaltem Wasser abschrecken. Den Dill hacken wir fein und geben ihn zur Mayonnaise, diese schmecken wir mit Salz, Cayenne, viel Zitronenabrieb und -saft ab.

Die Flusskrebse und Artischockenböden gießen wir ab, dann vierteln wir die Artischockenböden noch. Nun alles miteinander in einer Schüssel vermengen und vielleicht noch mit etwas Dill garnieren. Mit etwas Baguette und einem grauseligen, aber bitte eiskalten Weißwein haben Sie ein tolles Rezept für einen Laufstegempfang. Viel Spaß! Und nicht vergessen: Jogginghosen sind wirklich würdelos.

Felix Hanika: Koch aus Leidenschaft und Wahl-Mallorquiner, für den ein Pfund Butter sein Ein und Alles ist.
Felix Hanika: Koch aus Leidenschaft und Wahl-Mallorquiner, für den ein Pfund Butter sein Ein und Alles ist.Privat

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Felix Hanika war zunächst Investmentbanker, dann absolvierte er im Hotel & Restaurant Bareiss im Schwarzwald eine Kochlehre. Acht Jahre lang kochte er in den besten Restaurants der Welt. In der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung veröffentlicht er regelmäßig seine Lieblingsrezepte.