Vegane Ei-Alternative aus Berlin: Kann das funktionieren?

Das Start-up Perfeggt aus Prenzlauer Berg stellt bei der Berlin Food Week seine pflanzenbasierten Eier vor. Wir haben nachgefragt, was dahintersteckt.

Alternative zum Frühstück? Das erste Perfeggt-Produkt ist eine pflanzliche Flüssig-Ei-Alternative, mit der sich Rührei, Carbonara, Pancakes oder Waffeln zubereiten lassen.
Alternative zum Frühstück? Das erste Perfeggt-Produkt ist eine pflanzliche Flüssig-Ei-Alternative, mit der sich Rührei, Carbonara, Pancakes oder Waffeln zubereiten lassen.Tobias König

Was kommt in der Stadt der Zukunft auf die Teller? Wie werden wir essen – und wie lässt sich unsere Ernährung nachhaltiger gestalten? Solche Fragen werden auf der Berlin Food Week diskutiert, einem der größten deutschen Food-Festivals. Seit 2014 kommen Köche, Gastronomen, Unternehmer, Manufakturen und Marken aus der ganzen Stadt dafür zusammen. Auch in diesem Jahr stellt sich die unausweichliche Zukunftsfrage: Wie werden sich Menschen künftig ernähren? Was sind Alternativen zum Fleischkonsum?

Antworten darauf sollen auch die Stände im „House of Food“ geben, das an diesem Freitag und Sonnabend im Bikini Berlin an der Budapester Straße residiert. Als größtes Event der Berlin Food Week und eine Art Marktplatz für innovative Food-Produkte kann man dort ganz neue Kreationen ausprobieren, jeweils von 10 bis 20 Uhr und bei freiem Eintritt. Unter den mehr als 40 Ausstellern ist auch das Start-up Perfeggt aus Prenzlauer Berg, das sich auf die Entwicklung von pflanzenbasierten Ei-Alternativen verlegt hat. Was es damit auf sich hat, haben wir Gründerin und CEO Tanja Bogumil gefragt.

Frau Bogumil, wann haben Sie Ihr letztes Hühnerei gegessen?

Vor zwei Tagen. Ich liebe Eier, sie sind fantastisch, nährstoffreich, ein Wunder der Natur. Ich esse also auch noch „richtige“ Eier, aber eben nur ab und zu und auch nur aus nachhaltiger Hühnerzucht. Man muss einfach sagen, dass wir uns den Eier-, Milch- und Fleischkonsum, den wir jetzt betreiben, nicht mehr leisten können. Die Umweltkosten sind schlicht zu hoch. Am Ei kann man das gut erklären: Für ein Ei werden 200 Liter Wasser benötigt, was vor allem durch das Hühnerfutter bedingt ist. 200 Liter, das sind vier Duschen am Morgen. Das verdeutlicht vielleicht den Wahnsinn ein wenig.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein veganes Ei herzustellen?

Bei Milchprodukten und Fleisch gibt es ja schon gute, pflanzliche Ersatzprodukte, ich dachte mir, das sollte doch für Eier auch funktionieren. Nur ist es nicht so leicht, ein Hühnerei zu imitieren: die Textur, den Geschmack, die bindenden Eigenschaften, das alles wollen die Konsumenten auch von unserem Produkt. Es ist also recht komplex. Nun komme ich aus der Landwirtschaft, meine Familie hat noch ganz klassisch angebaut und Tiere gehalten. Nachdem ich aber als Teenagerin mit meinem Onkel im Schlachtbetrieb war, wurde ich Vegetarierin und habe mich mit dem Thema Ernährung beschäftigt. Dass wir hier einen Paradigmenwechsel brauchen, ist, denke ich, inzwischen vielen klar. Heute kann ich beim Barista für meinen Kaffee ganz selbstverständlich zwischen Hafer- und Kuhmilch wählen, in den besten Burgerläden, aber auch bei McDonald’s gibt es Pattys auf Soja- und Weizenbasis. Das wollte ich auch fürs Ei schaffen.

Ihr Produkt haben Sie innerhalb eines Jahres entwickelt. Wie funktioniert das Ganze?

Mit unseren Co-Gründern Gary Lin und Bernd Becker haben wir uns Expertise ins Haus geholt. Gary hat schon vorher in Firmen investiert, die Tiere aus der Nahrung des Menschen verbannen wollen. Und Bernd war als Lebensmitteltechnologe bei der Rügenwalder Mühle für die Entwicklung der vegetarischen und veganen Produkte zuständig. Mit Sensorik-Experten haben wir versucht, den Geschmack eines Rühreis nachzuempfinden. Unser erstes Produkt ist flüssig und besteht aus Erbsenproteinen, es lässt sich verwenden wie ein aufgeschlagenes Ei – als Rührei in der Pfanne zubereitet und ebenso als Zutat im Teig für Pfannkuchen oder Waffeln, in Backwaren oder Soßen. Es ist also vielseitig anwendbar und schmeckt richtig gut.

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Patrycia Lukaszewicz
Zur Person
Tanja Bogumil, 38, kommt ursprünglich aus Münster und hat in Frankreich, Indien und Leipzig Betriebswirtschaft studiert. Nach ihrem Master-Abschluss kam sie 2010 nach Berlin, wo sie in die Start-up-Szene einstieg und mehrere E-Commerce-Firmen auf den Weg brachte.

2021 gründete sie Perfeggt, ein Foodtech-Unternehmen aus Berlin, spezialisiert auf die Erforschung, Entwicklung und Herstellung von pflanzenbasierten Ei-Alternativen. Die Firma sitzt auf dem ehemaligen Brauereigelände des Pfefferbergs in Prenzlauer Berg.

Also sind klassische Frühstückseier und Spiegeleier nicht möglich?

Daran arbeiten wir als nächstes. Wir haben uns erst mal aufs Rührei fokussiert, weil abgetrenntes Eiweiß und Eigelb noch mal komplizierter sind – und Rührei europaweit die größte Rolle bei den Konsumenten spielt. Derzeit können Gastronomen unsere Eier kaufen, Supermärkte kommen dann Anfang nächsten Jahres. Uns war wichtig, dass man das Produkt genauso verwenden kann wie ein Hühnerei, dass es die gleichen Proteinwerte hat und beim Backen die gleichen Eigenschaften entwickelt. Bisher mussten Veganer da auf Ersatzprodukte wie Pulver, Banane oder Leinsaat zurückgreifen. Mit der Erbse haben wir eine Grundzutat gewählt, die sich regional anbauen lässt. Dazu kommt Rapsöl als pflanzliches Fett, das ebenfalls ein gutes Nährstoffprofil hat.

Das klingt alles ein wenig technisch und laborhaft, nicht sehr sexy oder nach Genuss.

Da gebe ich Ihnen recht. Aber mit Bernd Becker haben wir einen Gewürzexperten im Boot, der das Geschmacksprofil des Hühnereis wirklich gut nachempfunden hat. Neben Erbsenproteinen und Rapsöl kommen natürliche Aromen zum Einsatz, so erhalten wir Umaminoten und eine gewisse Süße ohne zugesetzten Zucker, aber beispielsweise mit dem Einsatz von Zitronensäure. Die reagiert mit der Erbse zu einer richtigen Geschmacksexplosion.

In der Schweiz kam vor einem Jahr ein veganes Ei in die Supermärkte, das bei den Kunden komplett durchfiel. Einer schrieb: „Nice try, aber absolut ekelhaft.“ Die Produktion wurde gestoppt. Was macht Sie so sicher, dass Ihr Produkt besser ankommt?

Wir haben parallel zur Produktentwicklung die ganze Zeit Sensoriktests mit Experten gemacht. Daher werden wir keine Überraschungen erleben. Wir sind in Berlin ja auch schon in mehreren Restaurants erhältlich, die Rückmeldungen sind durchweg positiv.

Wo gibt es denn das Perfeggt-Ei in Berlin schon?

Zum Beispiel im Restaurant Ursprung bei Dussmann an der Friedrichstraße, im Café Erchy’s in der Choriner Straße und bei Frühstück 3000 am Nollendorfplatz, wo es einen veganen Frühstücksburrito mit unseren Eiern gibt. 

Wo rangiert das vegane Ei preislich?

Wir wissen, dass wir leistbar bleiben müssen. Wenn wir zu teuer sind oder es nicht schmeckt, dann kauft unser Produkt keiner, egal wie nachhaltig es ist. Daher bewegen wir uns auf dem Preislevel eines Premium-Eis und liegen bei etwa 56 Cent pro Ei.

Kritiker der veganen Ernährung merken an, dass auch der Pflanzenanbau sehr flächen- und wasserintensiv ist. Was entgegnen Sie dem?

Wir verbrauchen mit unserem Ei signifikant weniger Ressourcen: Wir sparen über 70 Prozent Wasser und über 60 Prozent in der Landnutzung gegenüber der Hühnerhaltung. Die ist ja so flächenintensiv, weil Sie nicht nur Ställe brauchen, sondern auch Futter. So eine Legehenne frisst wahnsinnig viel Soja, das erst mal angebaut werden muss.

Wie unterscheidet sich Perfeggt von anderen veganen Eiern, die es ja auch schon gibt?

Wir freuen uns, dass es eine breite Bewegung gibt, die Kunden brauchen schließlich Auswahl. Unser Produkt bietet das komplette Nährstoffprofil des Eis, kommt dabei aber ohne Kohlenhydrate aus, weil es nicht stärkebasiert ist. Bisher war es schwer, das Ei vernünftig zu ersetzen, es bedeutete beim Backen immer einen Kompromiss bei Textur oder Funktionalität. Das ist jetzt vorbei. Davon sind auch unsere Investoren überzeugt, die mehr als 3,6 Millionen Euro an Kapital in unser Unternehmen eingebracht haben.

In Berlin hat gerade eine New Food Conference stattgefunden, mit sehr vielen veganen Start-ups aus der Stadt. Warum gibt es gerade in Berlin so viele derartige Unternehmen?

Berlin ist immer wieder ganz oben in internationalen Ranglisten veganerfreundlicher Städte. Es gibt hier eine gute Infrastruktur und Netzwerke für Foodies und Talente. Die Tech- und die Food-Tech-Szene sind sehr stark. Ich hätte mir für meine Unternehmung keine andere Stadt außer Berlin vorstellen können.