Vegane Fleischerei: „Ist doch schön, wenn sich alte weiße Männer aufregen“

In Dresden sorgt eine Neueröffnung für Furore: Ein Laden namens „Die vegane Fleischerei“ erhitzt die Gemüter, es gab auch Morddrohungen. Ein Gründer berichtet.

Die Schlangen sind lang: „Die vegane Fleischerei“ hat in der äußeren Neustadt in Dresden eröffnet.
Die Schlangen sind lang: „Die vegane Fleischerei“ hat in der äußeren Neustadt in Dresden eröffnet.dpa/Sebastian Kahnert

Die Telefone stehen in Dresden nicht mehr still. Deutsche Zeitungen rufen an, aber auch das Schweizer Fernsehen hat sich angekündigt und will vor Ort drehen – in Sachsens erster veganer Fleischerei, die vor knapp zwei Wochen erst eröffnet hat und schon überall Schlagzeilen macht. 

Der Streit entzündet sich auch am Namen des Ladens, der im hippen Innenstadtbezirk Neustadt angesiedelt ist, dem Prenzlauer Berg Dresdens sozusagen. „Die vegane Fleischerei“ haben die vier Gründer Andreas Henning, Stephan Meyer-Goetz, Daniel Quis und Nils Steiger ihr Geschäft getauft.

Der Aufschrei in den Kommentarspalten der sozialen Medien, besonders bei Facebook, ist groß. „Vegane Fleischerei ist Irreführung des Verbrauchers und muss angezeigt werden“, findet ein Nutzer namens Torsten. Und ein Hanns-Michael echauffiert sich, der Name Fleischerei müsse verboten werden. „Es ist maximal ein Nahrungsergänzungsladen!“

Viel zu tun: Die Mitarbeiter der veganen Fleischerei sind vom Ansturm der Kunden überrascht worden. Der Laden produziert nach eigenen Angaben 70 Prozent der verkauften Produkte selbst – auf rein pflanzlicher Basis.
Viel zu tun: Die Mitarbeiter der veganen Fleischerei sind vom Ansturm der Kunden überrascht worden. Der Laden produziert nach eigenen Angaben 70 Prozent der verkauften Produkte selbst – auf rein pflanzlicher Basis.dpa/Sebastian Kahnert

So weit, so erwartbar, finden die Gründer. Den Ärger und die Aufregung hätten sie bei der Namensfindung einkalkuliert, sagt Nils Steiger der Berliner Zeitung. Dass das Echo nun allerdings weit über seine Heimatstadt hinausgeht, dass ganz Deutschland jetzt über seinen Laden spricht, das überrascht Steiger und seine Mitstreiter dann doch.

Vegane Schnitzelbrötchen sorgen für lange Schlangen

Leider ist es nicht bei abwertenden Facebook-Kommentaren geblieben. „Wir haben per E-Mail Morddrohungen bekommen“, berichtet Steiger. Sie versuchen das nicht zu nah an sich ranzulassen in Dresden, haben den Hass, der auf sie einprasselte, erst mal gelöscht. „Wir wollen das nicht in unsere Gedanken- und Gefühlswelt hineinlassen“, sagt der 27-Jährige. In Zukunft müsse man sich aber wohl doch überlegen, strafbare Handlungen auch anzuzeigen.

Auf der anderen Seite seien die Aufmerksamkeit und die Berichterstattung auch gut, sagt Nils Steiger. Nicht nur, weil sie dem Laden ordentlich Zulauf bringen, sondern auch weil sich zeige, dass das Thema vegane Ernährung offenbar immer noch besprochen und gesellschaftlich diskutiert werden müsse. „Wir dachten ehrlich gesagt, die Gesellschaft sei bei dem Thema schon weiter, aber sie ist es offenbar nicht. Es gibt immer noch die ewig Alten, die sich am Fleischkonsum und der Diskussion darüber festklammern. Einer unserer Gründer hat gesagt, er freue sich, wenn alte weiße Männer am Laden vorbeigehen und sich darüber aufregen.“

Die Provokation, das Konfliktpotenzial ist also in der veganen Fleischerei bereits eingepreist. Dabei ist der Laden längst voll, gerade am Wochenende bilden sich lange Schlangen. Der Renner sind die veganen Schnitzel- und Fleischkäsebrötchen, auch die Sauer- und Rollbraten aus eigener Produktion seien gefragt. Die Gründer arbeiten für ihre Würste, Aufstriche und Braten ausschließlich mit pflanzlichen Produkten: Soja, Seitan, Erbsenprotein, Gewürze.

Gefragt: Die veganen Schnitzelbrötchen aus Soja liegen nie lange in der Auslage. 
Gefragt: Die veganen Schnitzelbrötchen aus Soja liegen nie lange in der Auslage. dpa/Sebastian Kahnert

Man wende sich gar nicht hauptsächlich an Veganer, „die haben wir ja eh schon überzeugt“, sagt Nils Steiger, der sich selbst seit langem vegan ernährt. Er wolle Vorurteile abbauen und besonders Leute erreichen, die neugierig sind: „Wenn ihnen unsere Sachen schmecken, dann können sie sie nicht mehr ablehnen.“ Der Laden solle es leichter denn je machen, tierische Produkte vom Esstisch verschwinden zu lassen.

Die gegen sein Team vorgebrachten Vorwürfe findet er absurd. Das Wort „vegan“ stecke ja im Namen, „wo soll da eine Irreführung sein? Eindeutiger geht’s eigentlich nicht.“ Einzig zwei Holländer hätten sich bislang in den Laden verirrt, weil sie etwas anderes erwartet hatten, ansonsten sei das Konzept klar verständlich. Man zwinge niemandem etwas auf, verbiete nichts, nehme nichts weg. „Wir haben auch keinen alteingesessenen Fleischer verdrängt. Hier war vorher ein Nagelstudio drin.“

Ihnen gehe es darum, eine nachhaltige, klimafreundliche, gesunde und tierleidfreie Alternative für all jene Menschen aufzuzeigen, die nicht auf ihre gewohnten Küchenklassiker verzichten wollen, mit denen sie aufgewachsen sind, schreiben die Gründer auf ihrer Website. „Jeder kann doch machen, was er will. Man kann auch unsere vegane Roulade mit Speck füllen, wenn einem danach ist“, sagt Nils Steiger.

Auf wirtschaftlichen Erfolg jedenfalls seien er und seine Mitstreiter nicht angewiesen, sie alle hätten noch weitere Unternehmungen, seien in der Gastronomie und anderen Branchen tätig. Steiger betreibt neben der veganen Fleischerei auch ein Fitnessstudio und eine Physiotherapie. Er gibt sich am Telefon entspannt: „Ich mach das alles doch für die gute Sache. Die Reaktionen zeigen, dass viele Leute sich mit dem Thema noch nicht richtig auseinandergesetzt haben. Und wenn nun die Omis von Freunden über uns lesen und anfangen, darüber zu reden, dann freut mich das.“

Nils Steiger betreibt neben dem Laden auch noch ein Fitnessstudio und eine Physiotherapie in Dresden.
Nils Steiger betreibt neben dem Laden auch noch ein Fitnessstudio und eine Physiotherapie in Dresden.Createsome Community UG

Höchstens mal ein Witzchen: In Berlin hält sich die Aufregung in Grenzen

In Berlin übrigens gibt es das Konzept der veganen Metzgerei schon etwas länger. Einige Läden haben eröffnet und wieder aufgegeben oder sich auf den Vertrieb im Internet verlegt. Ein Geschäft, das sich seit 2017 hält und im Prenzlauer Berger Helmholtzkiez großer Beliebtheit erfreut, ist die Vetzgerei in der Raumerstraße.

Auch dort hat man schon vom neuen Dresdener Laden und der Aufregung darum gehört. Von den Morddrohungen zeigt man sich überrascht, so etwas habe sie in Berlin nicht erlebt, erzählt eine Mitarbeiterin. Manchmal mache ein Neukunde vielleicht einen Witz, aber sonst käme die Stammkundschaft und erledige ganz normal ihren Wocheneinkauf: Einmal das Bio-Soja-Gyros, bitte, und einmal die „Lebervurst“ im Glas.


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