Berlin/Landau-Godramstein - Wer in den 90er-Jahren was von sich hielt, trank Chianti oder Pinot Grigio aus Italien. Deutscher Wein galt als provinziell oder altväterlich. Heute hat er sich von diesem Image längst befreit. Die deutschen Winzer sind international hoch anerkannt und exportieren ihren Wein in alle Welt. Doch guten Wein herstellen ist gar nicht so leicht: Es braucht handwerkliches Geschick und Gespür für die Natur und ihre Launen. Die Berliner Zeitung am Wochenende wollte vom pfälzischen Winzer Gunter Keßler wissen, wie man guten Wein erkennt und was eine Flasche eigentlich kosten muss. Keßler betreibt das Weingut Münzberg in Landau-Godramstein als echten Familienbetrieb. Seine Weine werden regelmäßig ausgezeichnet, die Philisophie des Weinguts beschreibt Keßler so: „Tradition bewahren, ohne Innovationen zu vernachlässigen.“

Berliner Zeitung am Wochenende: Herr Keßler, was muss eine gute Flasche Wein eigentlich kosten?

Gunter Keßler: Für einen Winzer nie genug … Spaß beiseite: Eine gute Flasche Wein muss so viel kosten, dass die Natur – unsere Reben, Böden und das Kleinklima – geschützt und gepflegt und jeder am Produktionsprozess Beteiligte zufriedenstellend entlohnt werden kann. Selbstverständlich müssen auch die Kosten für Flaschen, Verschlüsse und Etiketten gedeckt werden. Für mich ist eine „gute Flasche Wein“ im Geschmack rebsorten- und bodentypisch sowie  handwerklich fehlerfrei hergestellt, ohne zu viel in den Gär- und Reifeprozess einzugreifen. Es fällt mir schwer, Ihnen da eine Hausnummer zu nennen, vor allem weil „gut“ schwer zu definieren ist und ich Wein in seinen unterschiedlichen Qualitäten und Facetten sehe, aber ein Wein aus Deutschland darf beziehungsweise muss mindestens 6 Euro pro Flasche kosten. Unser Gutswein kostet 8,80 Euro – da haben Sie im Einstiegssegment das beste Preis-Leistungsverhältnis.

Im Discounter gibt es Wein aus Deutschland bereits ab 2 Euro, die Flasche Sekt gibt es bereits für 2,49 Euro – wie ist das möglich?

Zieht man die Mehrwertsteuer, Gestehungs- und Ausstattungskosten ab, beim Sekt kommt außerdem noch ein Euro Sektsteuer dazu, geht das eigentlich gar nicht. Es ist traurig, dass ein Produkt, in dem so viel Tradition und Kultur steckt, so verramscht wird. Tatsächlich sind das Weine und Sekte, die in riesigen Mengen größtenteils maschinell geerntet und verarbeitet werden, in einer minderwertigen Verpackung stecken und über eine Mischkalkulation im Portfolio so günstig angeboten werden können. Schade, dass es Konsumenten gibt, die diese Angebote wahrnehmen und das Produkt Wein nicht wertschätzen. Da Wein ein Speisebegleiter oder Getränk für besondere Momente darstellt, bitte nicht nur auf den Preis, sondern auch auf den Genussfaktor achten!

Weingut Münzberg
Gunter Keßler schreitet durch seine Reben. „Es ist traurig, dass ein Produkt, in dem so viel Tradition und Kultur steckt, so verramscht wird“, sagt er.

Das Thema Inflation ist in aller Munde: Wird nun auch der Wein teurer? Und was sind die Preistreiber?

Auf unserem Weingut haben wir die Preise für den neuen Jahrgang moderat erhöht; zum einen aufgrund des geringen Ertrags 2021, zum anderen wegen gestiegener Preise bei Flaschen, Papier für Etiketten und Kartonagen, Verschlüssen, Transport und Versand, Energie- und Personalkosten. Dementsprechend muss auch Wein teurer werden.

Finden Sie gerade genügend Erntehelfer? Und wann geht es los?

Für die Ernte im Herbst – noch lässt sich der Lesestart nicht prognostizieren – haben wir einen Teil unserer Lese-Mannschaft zusammen. Unsere fest angestellten Mitarbeiter werden bei der Handlese unterstützt von einer erfahrenen Crew aus langjährigen Helfern. Im letzten Jahr hatten wir weitere Unterstützung von Saisonarbeitern, die hoffentlich auch 2022 wieder mit uns Trauben schneiden.

Wie haben die Winzer eigentlich die Corona-Zeit überstanden? Es hieß ja immer, dass die Qualitätswinzer weniger zu leiden hatten, weil ihre Kunden im letzten Jahr besonders viel Wert auf Qualität gelegt hätten. 

Auch bei den Qualitätswinzern gab es Unterschiede. Wer seinen Vertrieb hauptsächlich auf Gastronomie ausgerichtet hat, litt mit den Gastronomen. Auch Großhändler, die die Gastronomie beliefern, hatten durch Corona natürlich eine geringere Nachfrage an die Weinbaubetriebe. Mit einem breit gefächerten Kundenportfolio – Privatkunden, Einzelhandel, Weinhändler und Gastronomie – ließ sich die Pandemie-Zeit gut überstehen. Unsere in der Pandemie geborenen Online-Verkostungen „Münzberg fer dehääm“ ließen keine Langeweile aufkommen und konnten Ausfälle in anderen Bereichen kompensieren.

Wird 2021 ein guter Jahrgang?

Die 2021er, die ich bereits verkostet habe, präsentieren sich außerordentlich gut. Wobei 2021 ein Winzerjahrgang und kein Weinjahrgang war; das heißt, 2021 kam es sowohl im Weinberg als auch im Keller auf gute Arbeit an. Insbesondere im zweiten Jahr unserer Umstellung zum biologischen Weinbau hat uns das Wetter vor große Herausforderungen gestellt. Wir haben es geschafft, einen rebsorten- und bodentypischen Wein auf die Flasche zu bringen, der ein hervorragendes Reifepotential zeigt.

Wenn ich mich für Wein interessiere, aber noch nicht so viel Erfahrung habe: Wie fange ich an und worauf sollte ich achten?

Das ist eine schwierige Frage. In einer Weinregion wie der Pfalz wird man mit diesem Kulturgut groß. Durch die allgegenwärtigen Weinberge und Reben, die geselligen Weinfeste sowie die Tatsache, dass viele Familien im Haupt- oder Nebenerwerb im „Weinbereich“ beschäftigt sind, wird schon früh das Interesse an der Traube und am Wein geweckt. In der Pfalz beginnt man oft mit der Weinschorle – halb Wein, halb sprudelndes Mineralwasser in geselliger Runde –, aber es gibt kein Geheimrezept. Ich empfehle den Wein erst mal pur zu trinken. Wichtig ist, viel zu probieren und auf die eigene Nase und den eigenen Gaumen zu vertrauen.

VDP-Weingut Münzberg, weitere Informationen: https://www.vdp.de/de/die-winzer/pfalz/muenzberg – die Weine vom Weingut Münzberg bekommt man in Berlin beim Weinlobbyisten, der Weinlobbyist - Bistro&Weinbar, Kolonnenstraße 62, 10827 Berlin, donnerstags bis montags, 17 bis 23 oder 24 Uhr. Webshop: https://www.weingut-muenzberg.de/webshop/vdp-gutsweine.html