Rom - Aus den Lautsprechern tönt die Nationalhymne, ein Dutzend Trikoloren flattert im Wind. Die fünfzig bis hundert Leute, die seit einer Woche in einem Protestcamp vor dem Bahnhof Ostiense in Rom ausharren, nehmen für sich in Anspruch, für Italiens Zukunft zu kämpfen.

Es ist eine merkwürdige Mischung: Geschäftsleute, Bauarbeiter, Rentner, Arbeitslose, Studenten, Rechtsextreme genauso wie Linksautonome. „Uns verbindet der Zorn“, sagt Patrizia Cicchetti, eine 58-jährige Geschäftsfrau. „Wir sind hier, um der Regierung klarzumachen, dass sie weg muss. Wir zahlen wie verrückt Steuern, aber es kommt nichts zurück vom Staat. Unsere Jugend hat keine Zukunft, und die Politiker stopfen sich die Taschen voll.“

Das Camp vor dem Bahnhof ist Teil einer Protestwelle, die seit Anfang vergangener Woche über Italien schwappt. Angefangen hatte es mit Aktionen der sogenannten „Mistgabel“-Bewegung aus Sizilien, Bauern, Transportunternehmer und Lkw-Fahrer, die gegen hohe Spritpreise und Steuern demonstrierten. Inzwischen hat sich eine breite und höchst heterogene Front von „Wutbürgern“ gebildet – die Leidtragenden der jahrelangen Krise und Rezession, die bislang in Italien überraschend ruhig geblieben waren.

Sie protestieren gegen gegen Politikerprivilegien, weitere Liberalisierungspläne, Arbeitslosigkeit, wachsende Armut und fehlende Zukunftsperspektiven. Ihr Ziel ist, die Koalition von Regierungschef Enrico Letta zu stürzen. Und viele von ihnen sind zornig auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, die für das europäische Spardiktat und die Probleme Italiens verantwortlich gemacht wird.

In der vergangenen Woche war es in zahlreichen italienischen Städten zu Blockaden von Straßen, Bahnhöfen und Geschäften und zu Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen, bei denen Dutzende verletzt wurden. Besonders betroffen waren Turin, Mailand, Genua, Palermo. Mindestens fünf Demonstranten kamen in Haft, 55 wurden festgenommen. Am Donnerstag hatten Protestierende stundenlang den Grenzübergang zu Frankreich in Ventimiglia versperrt, am Freitag lieferten sich Studenten in Turin Schlachten mit der Polizei.

Gut sichtbare Rechtsextremisten

Premier Letta spricht von einer Minderheit, die die Demokratie zerstören wolle, aber nicht das Land repräsentiere. Innenminister Angelino Alfano warnt vor der Gefahr, dass sich eine rebellische Stimmung ausbreite, die gegen nationale wie europäische Institutionen gerichtet sei und von Populisten und Extremisten ausgenutzt werde.

Tatsächlich haben sich neofaschistische Gruppen wie Casa Pound und die rechtsextreme Partei Forza Nuova sichtbar den Protesten angeschlossen. Und einer der Anführer der Bewegung, die sich inzwischen „9. Dezember“ nennt, ein piemontesischer Bauer, löste mit der Bemerkung, Italien sei „Sklave jüdischer Banken“ Empörung aus. Auch der Kopf der Protestbewegung Fünf Sterne, der Ex-Kabarettist Beppe Grillo, der ein Referendum gegen den Euro fordert, versucht den Zorn vieler Italiener für sich zu nutzen, ebenso der frisch in die Opposition gegangene Silvio Berlusconi.

Bisher allerdings sind die Aktionen noch unkoordiniert und sporadisch, von einem Aufstand kann nicht die Rede sein. Am Mittwoch will die Bewegung „9. Dezember“ die Unzufriedenen aus ganz Italien in Rom zu einer Großdemonstration versammeln. Dann wird sich zeigen, ob die Regierung möglicherweise ein Problem bekommt.