MELBOURNE, 4. März. Michael Schumacher hob den Daumen nur zaghaft, und er reckte ihn auch nicht in gewohnte Höhen, sondern brach sein berühmtes Siegerritual mittendrin ab. Der Daumen blieb quer in der Luft hängen. Halbe Freude, halbes Leid für den Ferrari-Piloten nach seinem Start-Ziel-Erfolg beim Großen Preis von Australien, dem fünften Rennsieg in Serie für ihn. Sekunden, bevor er mit David Coulthard und Rubens Barrichello das Podium erklomm, wurde den Piloten mitgeteilt, dass beim spektakulären Unfall von Jacques Villeneuve in der fünften Runde ein Streckenposten ums Leben gekommen war. Auch den Mönchengladbachern Nick Heidfeld und Heinz-Harald Frentzen, die sich ein packendes Duell um Platz fünf geliefert hatten, war trotz der ersten WM-Punkte für Heidfeld nicht mehr nach Feiern. Obwohl sie vier Stunden nach dem Rennen auf die Ränge vier und fünf hochrutschten, nachdem der Franzose Olivier Panis wegen Überholens unter Gelben Flaggen nachträglich auf Platz sieben zurückgestuft wurde.Riskantes ÜberholmanöverDer tragische Unfall passierte, als die Fernsehzuschauer in Deutschland gerade in die RTL-Werbepause verabschiedet wurden. Das erste Saisonrennen war gerade einmal zehn Minuten alt, als der auf dem sechsten Rang liegende Ralf Schumacher vor der Kurve drei routinemäßig aufs Bremspedal trat. Dann überschlugen sich die Ereignisse: Bei Tempo 300 folgte ihm im Zentimeterabstand der Kanadier Jacques Villeneuve. Dieser knallte mit seinem BAR auf das Hinterrad des BMW-Williams, wurde durch die Luft gewirbelt, touchierte die Schutzmauer und den Fangzaun, ehe der Rennwagens in der Auslaufzone liegen blieb. Die Räder wurden von der Wucht des Unfalls abgerissen, Splitterteile regneten auf die an dieser Stelle unmittelbar hinter der Barriere stehenden Zuschauer herab. Als die beiden Fahrer aus den Cockpits stiegen, machte sich erste Erleichterung breit. Das Rennen wurde nicht abgebrochen, das Feld aber durch das Sicherheitsfahrzeug für 25 Minuten neutralisiert. Erst nach Renn-Ende wurde bekannt, dass ein Rad einen 50-jährigen Streckenposten erschlug. Das Wrackteil flog mit voller Wucht genau auf den 30 Zentimeter hohen Ausschnitt im Zaun zu, aus dem der Mann seine Warnflaggen schwenken sollte. Durch den ungeheuren Aufprall wurde das stabile metallene Guckfenster, hinter dem der Helfer korrekt stand, noch ein ganzes Stück nach oben geschoben. Er hatte keine Chance. Ralf Schumacher schilderte den Unfall später so: "Ich bin beim Anbremsen auf die innere Spur gewechselt, als ich plötzlich einen Schlag von hinten bekam. Ich hatte Jacques im Rückspiegel gesehen und mich noch gefragt, was er da will. Da flog auch schon sein Auto über mich hinweg. Vielleicht wusste Jacques nicht, wo der Bremspunkt liegt, oder er wusste nicht, wo ich hinwill. Möglicherweise hat er sich verschätzt. Das ist ein Fehler, der immer passieren kann." Der Kanadier, der schon in einige spektakuläre Unfälle verwickelt war, sah den Sachverhalt so: "Ich wollte rechts vorbei, als Ralf plötzlich bremste. Als ich das merkte, versuchte ich es auf der linken Seite - zu spät. Es tut mir leid."Der Serie von Michael Schumacher, dem nur der neue, alte Rivale Mika Häkkinen einigermaßen folgen konnte, ehe er nach 25 Runden und dem Bruch der rechten vorderen Radaufhängung ebenfalls mit 305 km/h in die Reifenstapel knallte, steht damit eine andere, traurige entgegen. Im September 2000 in Monza war ebenfalls durch ein davonfliegendes Rad ein Feuerwehrmann getötet wordenDie sportlichen Kräfteverhältnisse an der Spitze der Königsklasse haben sich beim Saisonauftakt nur wenig verschoben. Dahinter, dafür stehen beispielhaft die Platzierungen von Heidfeld und Frentzen, wird allerdings bunt gemischt. Noch haben die neuen Michelin-Pneus ihr ganzes Potenzial nicht entwickeln können, noch beschert die neue Aerodynamik keine wirklichen Vorteile beim Überholen.Aber darauf kam es an diesem Sonntag auch nicht an. "Ich war schnell, wo ich schnell sein musste. Aber die Nachricht vom Tod des Streckenpostens schockiert uns alle, man sollte gar nicht über das Rennen reden", befand der Weltmeister und hielt sich daran. 128 500 Zuschauer, ein Toter, sieben leicht Verletzte. Es war ein Renntag, der keinen wirklichen Sieger kannte. Daumen runter.Großer Preis von Australien in Melbourne // 1. Michael Schumacher (Kerpen/Ferrari) 1:38:26,533 h 58 Runden a 5,303 km = 307,574 km (Schnitt 187,464 km/h) 2. David Coulthard (Schottland/McLaren-Mercedes) 1,717 s zur.3. Rubens Barrichello (Italien/Ferrari) 33,491 s zur.4. Heidfeld (Mönchengladbach/Sauber-Petronas) 1:11,479 min zur. ; 5. Frentzen (Mönchengladbach/Jordan-Honda) 1:12,807; 6. Räikkönen (Finnland/ Sauber) 1:24,143; 7. Panis (Frankreich/BAR-Honda) 1:27,050 (Zeitstrafe von 25 s); 1 Runde zurück: 8. Burti (Brasilien/Jaguar-Cosworth); 9. Alesi (Frankreich/Prost-Acer); 10. Verstappen (Niederlande/Arrows-Asiatech/25-s-Strafe).--Ausfälle: neun Fahrer, u. a. Ralf Schumacher (Kerpen/Williams-BMW) und Villeneuve (Kanada/ BAR/jeweils 5. Rd. /Kollision); Häkkinen (Finnland/McLaren/26. Rd. /defekte Aufhängung), Trulli (Italien/Jordan/39. Rd. /techn. Defekt), Montoya (Kolumbien/Williams/41. Rd. /Motorschaden).--Schnellste Runde: M. Schumacher 1:28,214 min (216,414 km/h) --Trainingsschnellster: M. Schumacher 1:26,892 (219,707 km/h) --Fahrerwertung (1. von 17 Läufen): 1. M. Schumacher 10 Pkt. ; 2. Coulthard 6; 3. Barrichello 4; 4. Heidfeld 3; 5. Frentzen 2; 6. Räikkönen 1.--Konstrukteurswertung: 1. Ferrari 14; 2. McLaren 6; 3. Sauber 4.--Nächster WM-Lauf: GP von Malaysia am 18. März in Sepang.REUTERS/JOSEPH PERA Der Unfall: Jacques Villeneuve (r. ) fliegt mit seinem BAR-Honda in die Fangzäune, nachdem er mit Ralf Schumacher (l. ) kollidiert war.