Eine von siebzig bis achtzig Geburten ist eine Zwillingsgeburt. Warum es solch ein Phänomen gibt, ist noch immer ein großes Rätsel. Eineiige Zwillinge gibt es nur beim Menschen, sie kommen bei keinem anderen Säugetier vor. Man weiß zwar, wie die Doppelschwangerschaften entstehen - bei eineiigen Zwillingen trennt sich die befruchtete Eizelle in zwei Hälften, bei zweieiigen Zwillingen werden zwei Eizellen zugleich befruchtet. Auch wird schon länger eine genetische Veranlagung vermutet, da in einigen Familien Zwillinge gehäuft auftreten. Aber bislang hat kein Forscher ein "Zwillingsgen" gefunden. Berliner Wissenschaftler haben jetzt eine heiße Spur zu einem solchen Gen. Auf dem Campus des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Buch beschäftigt sich ein Forscherteam um Andreas Busjahn von der Firma Infogen und Friedrich Luft von der Franz-Volhard-Klinik der Charité seit einigen Jahren mit Zwillingsstudien. Jetzt haben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature Genetics" ihr neuestes Ergebnis vorgestellt. Busjahn und seine Kollegen identifizierten auf dem Chromosom 3 eine Region, die entscheidend für das Entstehen zweieiiger Zwillinge zu sein scheint. In dieser Region liegt auch das so genannte PPAR-Gamma-Gen. Daher vermuten die Bucher Forscher, dass dieses Gen eines der seit langem gesuchten "Zwillingsgene" ist.Seit mehr als hundert Jahren sind Zwillinge begehrte Studienobjekte, für Psychologen wie Mediziner. Sie wachsen unter den gleichen Bedingungen auf und sind gleichaltrig. Deshalb lassen sich an ihnen genetisch beeinflusste Merkmale (zum Beispiel Bluthochdruck) und das Ausmaß ihrer Erblichkeit besonders gut untersuchen. Forscher vergleichen hierfür bestimmte Abschnitte im Erbgut von eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Eineiige Zwillinge haben das gleiche Erbgut, zweieiige haben - wie andere Geschwister auch - fünfzig Prozent ihres Erbguts gemeinsam. So lässt sich abschätzen, wie stark jeweils der Einfluss der Gene, der familiären Bedingungen und der Umwelt ist. Busjahn und seine Kollegen haben für ihre Arbeit 222 Zwillingspaare, darunter 122 eineiige und 100 zweieiige Paare, untersucht. Aus Blutproben entnahmen sie Erbmaterial und isolierten daraus einen Teil des Chromosoms 3. Auf diesem Teil des Chromosoms untersuchten die Forscher kurze DNA-Abschnitte, die in verschiedenen Varianten vererbt werden, die sich also in der Abfolge der DNA-Bausteine unterscheiden. "Diese so genannten Mikrosatelliten werden als Marker oder auch zur Identifizierung der Abstammung eingesetzt", erläutert Busjahn. Auch bei kriminaltechnischen genetischen Untersuchungen wird der genetische Fingerabdruck mit Hilfe der Mikrosatelliten erstellt. Bei eineiigen Zwillingen haben die Mikrosatelliten immer die gleiche Abfolge von DNA-Bausteinen. Bei zweieiigen Zwillingen und anderen Geschwistern dagegen treten gleiche Mikrosatelliten nach der Vererbungslehre nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent auf. Busjahn und seine Kollegen entdeckten nun jedoch, dass im Bereich des PPAR-Gamma-Gens bei zweieiigen Zwillingen häufiger identische Mikrosatelliten auftraten, als es nach der Vererbungslehre zu erwarten gewesen wäre. Die Forscher schließen daraus, dass diese identischen Erbgutabschnitte auch gleiche Voraussetzungen für die Entwicklung der Embryonen schaffen. "Unsere Entdeckung könnte erklären, warum es bei Zwillingsschwangerschaften oft zum Absterben eines der Embryonen kommt", sagt Busjahn. Neueren Erkenntnissen zufolge geschehe dies bei etwa vierzig Prozent der Zwillingsschwangerschaften - ein Phänomen, das im Englischen "vanishing twins" (verschwindende Zwillinge) genannt wird und das oft unbemerkt bleibt. Denn der überlebende Zwilling entwickelt sich dann meist ganz normal. "Unterschiedliche Genvarianten könnten also für einen der Zwillinge einen Entwicklungsvorteil bedeuten, so dass dieser sich gegenüber dem anderen ,durchsetzt ", sagt Busjahn.Von dem PPAR-Gamma-Gen ist bereits bekannt, dass es an Wachstumsprozessen beteiligt ist. Für Busjahn und seine Kollegen ist das PPAR-Gamma also ein "dringender Kandidat" für ein Zwillingsgen. Möglicherweise, so Andreas Busjahn, spielt das Gen auch bei Schwangerschaftskomplikationen eine Rolle.Die Infogen-Forscher wollen nun ihre Studien an dem PPAR-Gamma-Gen fortsetzen. Denn man kennt erst wenige Varianten, in denen es vorkommt. Vor zwei Monaten hat Infogen, beziehungsweise die amerikanische Mutterfirma ValiGen, einen Vertrag mit Craig Venters Firma Celera Genomics geschlossen. Dadurch haben die Forscher Zugriff auf eine große Datenbank mit Informationen über das gesamte Erbgut des Menschen. Nun wollen die Berliner Wissenschaftler ihre genetischen Zwillingsstudien auf andere Bereiche ausweiten, etwa die Krebsforschung, Studien zum Übergewicht, aber auch auf psychologische Fragestellungen.Nature Genetics, Bd. 26, S. 398Zwillinge gesuchtFür Fragebogenstudien und für klinische Untersuchungen in der Franz-Volhard-Klinik suchen die Forscher noch Zwillingspaare. Unter den Teilnehmern verlost die Firma einen Flug in die USA zu einem Zwillingstreffen - Twinsdays - im August 2001 in Twinsburg (Ohio). Interessenten können sich melden bei: Infogen, Robert-Rössle-Str. 10, 13125 Berlin, Tel. 0800/4 63 64 36 E-Mail: zwilling@infogen.deDas Eiweißprodukt des möglichen Zwillingsgens PPAR-Gamma. Das Bild zeigt die dreidimensionale Struktur, zu der sich die Eiweißbausteine falten. Das Eiweiß kontrolliert die DNA im Zellkern. Es bestimmt zum Beispiel, ob bestimmte Gene aktiviert werden und es beeinflusst Wachstumsprozesse.