Stress macht nicht alle Menschen krank. Ob jemand andauernder psychischer und körperlicher Belastung standhält oder dabei krank wird, scheint in hohem Maße von einem Hormon im Blut abzuhängen: dem Cortisol. Allergien, Asthma und chronische Schmerzen werden einem Mangel an diesem Hormon zugeschrieben. Auch Depressionen sind offenbar auf eine Fehlregulation des Cortisols zurückzuführen. Psychologen und Psychiater versuchen jetzt herauszufinden, warum einige Menschen besonders anfällig für ein Cortisoldefizit sind und wie sich der Mangel am besten beheben lässt.Cortisol ist eine dem Wirkstoff Cortison ähnliche Substanz, die in der Nebenniere gebildet wird. Den Beinamen "Stresshormon" trägt sie, weil sie normalerweise unter körperlicher oder psychischer Belastung vermehrt ausgeschüttet wird. Das Hormon passt in diesen Situationen die Körperfunktionen an die erhöhte Belastung an: Cortisol treibt Puls und Blutdruck in die Höhe und drosselt Verdauung sowie Immunsystem. Menschen mit niedrigem Cortisol-Grundpegel gelingt es in Stress-Situationen meist nicht, ausreichend von dem Hormon zu mobilisieren. Eine Gruppe des Forschungszentrums für Psychobiologie und Psychosomatik an der Universität Trier konnte in Tests zeigen, dass der Cortisolspiegel von Personen mit Cortisolmangel bei andauernder psychischer Belastung immer weiter absinkt. "Solche Menschen sind besonders gefährdet, durch häufigen Stress krank zu werden", sagt der Direktor des Forschungszentrums, Dirk Hellhammer. Nach den Erkenntnissen des Psychologen verursacht der Cortisolmangel drei charakteristische Symptome: "Die Betroffenen leiden schnell unter körperlicher Erschöpfung. Auch seelisch sind sie nicht sehr belastbar - ihre Nerven liegen blank", sagt der Forscher. Zudem seien sie schmerzempfindlicher als Menschen mit normalen Cortisolwerten. Zwillingspaare gesuchtHellhammer und sein Team möchten nun herausfinden, wie es zu dieser Stress-Anfälligkeit kommt. Sie vermuten, dass ein zu niedriger Cortisolspiegel auch genetische Ursachen haben kann. Eine Studie an Zwillingen, in der die Menge des Stresshormons Cortisol im Körper gemessen wird, soll diese Frage klären helfen. Zurzeit sind die Trierer Forscher in der Vorbereitungsphase des Projekts und suchen noch geeignete Versuchspersonen. Das Trierer Zentrum zählt in Deutschland zu den führenden Gruppen im Bereich der Stressforschung. Es war Hellhammers Arbeitsgruppe, die in den letzten Jahren nachweisen konnte, dass psychosomatische Leiden wie Allergien und Asthma und chronische Unterleibsschmerzen bei Frauen mit einem dauerhaft niedrigen Cortisolspiegel einhergehen. Kürzlich hat das Team um Hellhammer bei einer weiteren Krankheit Cortisolmangel nachgewiesen. Die Psychologin Andrea Geiss untersuchte Patienten, die sich einer Bandscheibenoperation unterzogen hatten. "Nach solchen Eingriffen leiden zwischen fünfzehn und dreißig Prozent der Operierten unter dauerhaften Schmerzen, für die sich keine körperliche Ursache finden lässt", sagt die Forscherin. Geiss fand heraus, dass Patienten, die vor der Operation einen niedrigen Cortisolspiegel im Speichel aufwiesen, nach dem Eingriff wesentlich öfter unter Schmerzen litten als Operierte mit normalen Werten des Hormons. Cortisolmangel scheint also auch erhöhte Schmerzempfindlichkeit zu provozieren.Hellhammers Befunde, denen zufolge nur bestimmte Personen auf Stress mit Krankheitssymptomen reagieren, werden durch Erkenntnisse der Trauma-Forschung gestützt. "Seit längerem weiß man, dass beim Entstehen der posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) zu niedrige Cortisolwerte eine Rolle spielen", sagt Andreas Maercker, Mediziner und Psychologe an der Technischen Universität Dresden und Vorsitzender der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie. PTSD-Betroffene, so Maercker, begännen Wochen oder Monate nach einem belastenden Erlebnis unter Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen und sich aufdrängenden Erinnerungen zu leiden. "Untersuchungen haben mehrfach gezeigt, dass nach traumatischen Erlebnissen nicht alle Betroffenen an einer Belastungsstörung erkranken, sondern nur zwanzig bis dreißig Prozent von ihnen", sagt der Psychologe. "Messungen des Cortisolspiegels direkt nach dem belastenden Ereignis ergaben bei diesen Personen deutlich niedrigere Werte des Hormons als bei Betroffenen, die in der Folgezeit nicht an PTSD erkrankten."Falls sich Cortisolmangel bei der Zwillingsstudie zumindest in einigen Fällen als genetisch bedingt herausstellen sollte, haben die Forscher die Hoffnung, eines Tages neue Angriffspunkte zur Behandlung der Cortisolmangels zu finden. Derartige maßgeschneiderte Medikamente, die an der Wurzel des Defizits ansetzen und den Defekt eines Gens ausgleichen, sind jedoch noch reine Zukunftsmusik. Vorerst können Ärzte bei der Therapie lediglich an den Symptomen ansetzen und beispielsweise das fehlende Hormon verabreichen. Doch auch diese Art der Behandlung steckt noch in den Kinderschuhen und wurde erst an wenigen Patienten erprobt. "In einer Studie haben wir kürzlich acht Frauen, die unter chronischen Unterleibsschmerzen litten und bei denen sich ein Mangel an dem Hormon nachweisen ließ, mit der synthetischen Form des Cortisol, dem Hydrocortison, behandelt", berichtet Christine Heim, Psychologin am Trierer Forschungszentrum. Die behandelten Frauen litten deutlich weniger unter Schmerzen als eine unbehandelte Kontrollgruppe. "In einer Studie testen wir derzeit, ob eine niedrigere Dosis ebenso wirksam ist", sagt die Forscherin. Noch weit von klinischen Tests entfernt ist dagegen ein Medikament, das den Cortisolspiegel reduzieren soll. Wissenschaftler haben beobachtet, dass bei manchen Personen Stress den Pegel des Hormons dauerhaft erhöht. "Zahlreiche Studien belegen, dass depressive Patienten einen beständig erhöhten Cortisolspiegel aufweisen", sagt Sieglinde Modell, Forscherin am Münchener Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Bei diesen Patienten werde im Gehirn ein bestimmter Botenstoff im Übermaß produziert, das "Corticotropin Releasing Hormone" (CRH)", erläutert Modell, die in der Arbeitsgruppe um Institutsleiter Florian Holsboer seit längerem die Vorgänge bei der Entstehung von Depressionen erforscht. Das CRH-Molekül bewirkt über eine Reaktionskette, dass die Nebenniere Cortisol ausschüttet (siehe Grafik). "Studien an Affen und auch an Menschen belegen, dass traumatische Erlebnisse in den ersten Lebensjahren - also Stress - die CRH-Überproduktion verursachen können, welche wiederum zu einem erhöhten Cortisolspiegel führt", so die Forscherin. Das CRH regt nicht nur die Cortisolproduktion der Nebennierenrinde an, sondern aktiviert auch bestimmte Hirnareale - vor allem den Blauen Kern und den Mandelkern. "Über die Erregung dieser Nervenzellgruppen ruft das CRH Symptome wie Anspannung, Angst und Traurigkeit hervor", erläutert Sieglinde Modell. Wie die Trierer Forschergruppe so arbeitet auch das Team um Holsboer und Modell an Therapien, um den Cortisolhaushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. "Wir entwickeln Substanzen, welche sich gezielt an die CRH-Rezeptoren im Gehirn koppeln. Die Rezeptorzellen wären damit für das CRH blockiert - der Botenstoff kann seine Wirkung nicht entfalten", erläutert Modell. Die Forscherin dämpft jedoch die Erwartungen: "Bis die ersten Medikamente auf den Markt kommen, werden noch Jahre vergehen."Was ist Stress? // Die Bezeichnung Stress (englisch für Druck, Belastung) bezeichnet eine Beanspruchung des Körpers, die durch körperliche oder seelische Reize ausgelöst werden kann, etwa Infektionen, Verletzungen, Freude, Ärger, Angst. Nicht jede Art von Stress macht krank; auch reagiert jeder Mensch unterschiedlich auf Stress. Studien zeigen, dass vor allem solche Belastungen krank machen, die immer wieder auftreten und die der Betroffene als unkontrollierbar empfindet.Gemessen wird Stress durch psychologische Verfahren, etwa mithilfe detaillierter Fragebögen, bei denen unter anderem nach Gefühlen von Ohnmacht und Kontrollverlust gefragt wird. Ebenso lassen sich körperliche Stress-Anzeichen messen, etwa Herzrate, Blutdruck, Schweißproduktion der Haut oder die Menge der Hormone Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin im Blut. (frb. )Bei Stressreizen stimuliert der Hypothalamus mit der Substanz CRH die Hirnanhangdrüse, Corticotropin abzugeben. Corticotropin bewirkt in der Nebennierenrinde die Bildung des Stresshormons Cortisol, das ins Blut gelangt.Ein erhöhter Cortisolspiegel signalisiert dem Gehirn, weniger Corticotropin auszuschütten.Stressanfällige bilden zu wenig Cortisol, Depressive produzieren zu viel CRH. CRH löst dann in Hirnbereichen wie dem blauen Kern und dem Mandelkern Gefühle wie Angst und Traurigkeit aus.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.