Wenn Pharmagiganten den Arzneimittelkuchen neu aufteilen und die Märkte zur Monopolisierung drängen: Lässt das die Wissenschaftscommunity kalt? In Großbritannien hat der Kanzler der Universität Cambridge, unterstützt von zwei Londoner Kollegen, heftig gegen die AstraZeneca-Übernahme durch Pfizer gewettert. Forschung und Entwicklung seien in Gefahr, falls die Amerikaner sich das britische Unternehmen tatsächlich einverleiben.

Und hier? Die Universitätsmedizin hängt vielerorts zwar genauso am Pharma-Tropf wie in England, übt sich aber in vornehmer Zurückhaltung. Die Uniklinik Heidelberg möchte sich auf Anfrage zu den jüngsten Pharma-Deals genauso wenig äußern wie die Charité. An Spekulationen beteilige man sich nicht, heißt es, oder: keine Zeit. Das ist insofern kein Wunder, als es sich mit den Großen der Branche, also denen, die viel Geld zu vergeben haben, niemand verderben will. Denn Arbeitsplätze, Rankings, Ansehen und leistungsorientierte Mittelvergabe hängen daran, wenn die Pharmariesen in ihre Institute investieren. Deshalb buhlen die Hochschulen um sie und rollen ihnen den roten Teppich aus.

„Die Versuchung wächst, sich aktiv als Kandidat für eine strategische Partnerschaft oder gar Symbiose attraktiv darzustellen“, sagt Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal. Mit den Fusionen sinke der Wettbewerb und damit auch die Vergabe von Drittmitteln, prophezeit der Bildungsforscher.

Sinkende Budgets

Das Hauen und Stechen unter den Hochschulen werde zunehmen. Auch rechnet er in Zukunft eher mit qualitativ schlechteren Arzneimittelstudien, denn die riesigen internationalen Konzerne würden dann dafür eher in Länder gehen, wo es weniger unbequeme Auflagen und Regularien gibt. „Desto leichter entstehen Studien zu Themen und mit Ergebnissen, die den Auftraggeber zufriedenstellen“, sagt Kliche. Unliebsame Ergebnisse oder Nebenwirkungen würden dann natürlich schneller „eingemottet“.

Auch der Bremer Arzneimittelexperte Gerd Glaeske rechnet mit sinkenden Forschungsbudgets: „Fusionen haben bisher nie den Forschungsanteil wachsen lassen.“ Letztlich wirkten Fusionen „nicht wirklich forschungsfördernd“. Zudem habe sich bei „Big Pharma“ das Konzept durchgesetzt, kleinere potente Forschungsfirmen vor allem aus dem biopharmazeutischen und gentechnologischen Bereich zu kaufen. So ziehe man sich aus der teuren eigenen, kostenmäßig nur schwer kalkulierbaren Forschung immer weiter zurück.

Christiane Fischer vom Deutschen Ethikrat befürchtet, dass bislang ohnehin schon vernachlässigte Krankheiten wie Tuberkulose und Schlafkrankheit noch weiter ins Abseits rutschen, weil es sich hier um Krankheiten vor allem in armen Ländern handelt, für die nicht viel Geld fließt.

Mehr Forschung für Scheininnovationen

„Stattdessen werden wir das nächste überflüssige Medikament gegen Bluthochdruck oder Diabetes bekommen, das dann sechsmal so teuer ist wie das alte, aber keinen zusätzlichen Nutzen bringt.“ Die Medizinerin prophezeit „mehr Forschung für Scheininnovationen“ und weniger Forschung für Medikamente, die dringend gebraucht werden wie etwa Antibiotika. Letztere sind für die Firmen wegen ihrer nur zeitweiligen Einnahme bei weitem nicht so lukrativ wie Medikamente, die chronisch kranke Patienten schlucken oder spritzen müssen.

Alarm schlagen auch die Virologen. Mit dem Verkauf der Impfsparte durch Novartis an den ehemaligen Konkurrenten GlaxoSmithKline verringere sich die Zahl der Impfstoff-Hersteller von drei auf zwei. Die Monopolbildung sei „sehr kritisch“, warnt Hartmut Hengel, Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Freiburg und Vizepräsident der Gesellschaft für Virologie. Denn Impfstoffe seien keine gewöhnlichen Arzneistoffe.

Komme es zu Lieferengpässen, etwa aufgrund verunreinigter Chargen, wie dies im Winter bei etlichen Kinderimpfungen bereits der Fall war, so sei das Risiko von darauf folgenden Immunitätslücken in der Bevölkerung groß. Gebe es verschiedene Hersteller, so könne man in solch einem Fall immer noch auf einen anderen Produzenten zurückgreifen. Beim Berliner Robert-Koch-Institut zeigt man sich diesbezüglich gelassen. „Wir mischen uns nicht in die Sache von Privatunternehmen“, sagt die Sprecherin.

Völlig unverständlich findet Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg, die Sorglosigkeit des Bundesinstituts. Schließlich gehe es um den Impfschutz der Bevölkerung: „Warum schauen jetzt alle nur stumm zu, während sich bei großen Fusionen in anderen Sparten, etwa in der Telekommunikation, sofort Wettbewerbshüter einschalten? Auf Gesundheit kann man nicht verzichten, aufs Telefonieren schon.“

Einzig beim Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg blickt man optimistisch nach vorn. „Der Hintergrund der gegenwärtigen Fusionen ist: Die Pipeline der Unternehmen ist leer, aus eigener Forschung können sie nur noch wenige Produkte auf den Markt bringen“, sagt Vorstandsvorsitzender Otmar D. Wiestler. Das werde auch noch einige Zeit so bleiben. Selbst habe man aber eine „interessante Pipeline“ anzubieten, man würde „gern intensiver mit ausgewählten Unternehmen zusammenarbeiten“. Der Wettlauf um die Gelder von Big Pharma hat also längst begonnen.