FORST. Akten vergessen nichts. Doch oft wird vergessen, in die Akten zu schauen. In Forst (Spree-Neiße) sorgt nun ein Aktenfund für eine Debatte über den Umgang mit der Nazizeit. Ein Hobbyhistoriker entdeckte im Stadtarchiv einen 76 Jahre alten Beschluss der Stadtverordneten. Die hatten Adolf Hitler am 28. März 1933 zum Ehrenbürger ernannt. "Wir haben das bisher nicht gewusst", sagte Bürgermeister Jürgen Goldschmidt (FDP) gestern der Berliner Zeitung.Flächendeckend EhrenbürgerZwar gelte eine Ehrenbürgerschaft formal-juristisch nur zu Lebzeiten und müsse nicht extra aberkannt werden. Trotzdem wollen die Stadtverordneten am 24. September den Beschluss ihrer Vorvorgänger aufheben. "Es ist ein symbolischer Akt", sagte Goldschmidt. "Wir wollen ein klares Zeichen setzen." Denn Hitler habe nicht nur viel Unglück über die Welt und Deutschland gebracht - auch die Stadt Forst wurde im Zweiten Weltkrieg zu 85 Prozent zerstört. "Kriegsbedingt war auch das Stadtarchiv ausgelagert, danach fehlte die Hälfte", sagte er. "Deshalb fehlten auch Listen über Ehrenbürger."Im Naziregime wurde der Diktator quasi flächendeckend zum Ehrenbürger ernannt - insgesamt in 4 000 deutschen Orten. Auf wie vielen Listen er noch geführt wird, ist unklar. Im Potsdamer Innenministerium heißt es, Ehrenbürgerschaften seien Sache der Kommunen.Viele Kommunen, die die Kriegsverbrecher nicht extra streichen wollen, berufen sich auf die Direktive 38 des Alliierten Kontrollrates vom Oktober 1946. Die legt fest, dass alle Kriegsverbrecher ihre Ehrenbürgerschaft automatisch verlieren. Trotzdem tilgten bis 1949 fast 100 deutsche Kommunen die Obernazis von ihren Ehrenlisten. In Berlin verloren Hitler, Göring und Goebbels posthum 1948 diese Auszeichnung. Fast 40 Jahre später wurde dem damals noch lebenden ehemaligen DDR-Staatschef Erich Honecker die Ehre aberkannt.Die Stadt Lübben wurde "ihren Hitler" lange nicht los. "Unsere saarländische Partnerstadt hatte uns versichert, dass wir diese Ehrenbürgerschaft nicht extra aberkennen müssen", sagte Lübbens Bürgermeister Lothar Bretterbauer (CDU). Doch diese Rechtsauffassung bestritt ein Internetnutzer im Onlinelexikon Wikipedia. Er schrieb, dass Hitler immer noch Ehrenbürger sei. "Immer, wenn wir das bei Wikipedia gestrichen hatten, stand es gleich wieder drin", sagte Bretterbauer.Im Vorjahr fassten die Stadtverordneten den Beschluss, Hitler offiziell von der Ehrenliste zu nehmen. "Das empfehle ich jeder Stadt", so Bretterbauer. "Es bringt Klarheit, es ist nicht viel Aufwand und es sind auch noch alle dafür."Auch andere empfehlen den Kommunen, ihre Ehrenbürger-Listen zu überprüfen und alle NS-Kriegsverbrecher zu streichen. "Das wäre auch ein ermutigendes Zeichen für alle Initiativen vor Ort, die sich alltäglich mit Rechtsextremisten auseinandersetzen", sagte Anna Spangenberg, Leiterin des landesweiten Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.Das Vorgehen von Forst sei vorbildlich, sagte auch Karl-Ludwig Böttcher, Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes. "Es ist der richtige Weg, diesen Ehrenbürger mit einem politischen Akt symbolisch zu streichen." Städte sollten nicht "paragrafenreiterisch" darauf beharren, dass die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod erlischt. Das Argument sei überholt, weil es dazu keine Bestimmungen gab. "Aber seit Oktober 2008 ist die Aberkennung von Ehrenbürgerschaften in der Kommunalverfassung geregelt", sagte Böttcher.Übrigens war Hitler auch Ehrenbürger in vielen ehemals deutschen Städten im heutigen Polen - etwa in Breslau, Stettin und Danzig. Eine offizielle Aberkennung gab es nicht. "Die Ehrenbürgerwürde der Stadt Breslau, die einst Hitler und anderen Nationalsozialisten verliehen wurde, ist mit den Nürnberger Prozessen automatisch erloschen", sagte Magdalena Strach vom Stadtrat Breslau. (mit xkaz.)------------------------------Hindenburg durfte bleibenBrandenburg: Potsdam tilgte Hitler 1990 als Ehrenbürger, die Streichung des Reichspräsidenten Hindenburg scheiterte 2003. Brandenburg/Havel und Frankfurt (Oder) strichen 1991 die Naziführer, später folgten Wittstock (1999) und Neuruppin (2004). In Cottbus stehen die Ehrenbürger im Goldenen Buch - in der DDR wurde die Seite mit den Kriegsverbrechern überklebt.Berlin: Die Hauptstadt hat derzeit 116 Ehrenbürger. Zuletzt wurde im August Werner Otto, Gründer des Hamburger Otto-Versands, ausgezeichnet. Gestrichen wurden bislang vier Naziführer, aber auch die DDR-Oberen Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Erich Honecker, dazu zwei Ost-Berliner Bürgermeister sowie ein Dutzend sowjetische Soldaten, Generäle und Funktionäre.