ROSTOCK, 21. Juni. Die SPD hat die optimistischen Prognosen von Bundeskanzler Helmut Kohl zur wirtschaftlichen Entwicklung in den neuen Ländern scharf kritisiert. SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder sprach bei einer Veranstaltung des "Forum Ost" seiner Partei in Rostock von einer "zur Schau gestellten Zuversicht des Kanzlers". Die Zahl der Arbeitslosen sei nur im Westen gesunken. Inzwischen sei der Arbeitsmarkt in Deutschland gespalten. Die derzeitige Bundesregierung sei das größte Hindernis dafür, "daß das zarte Pflänzchen Aufschwung wachsen und auch die neuen Länder erreichen kann", sagte Schröder am Sonnabend unter dem Beifall von 1 200 Zuhörern. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Rolf Schwanitz, in Schröders Wahlkampfteam für die neuen Länder zuständig, griff Kohl an. Beim Wirtschaftstag Ost am Freitag in Schwerin habe er "nur alte Hüte" geboten. Systematisch überhöhe und glorifiziere Kohl die positiven Veränderungen in den neuen Ländern. Jedoch sei die wirtschaftliche Aufholjagd des Ostens zum Stillstand gekommen. Alle Ansätze für eine Korrektor der bisherigen Politik würden von der Bundesregierung "abgewürgt", sagte Schwanitz. Der Anstieg der Zahl der offenen Stellen in Ostdeutschland beruhe zu zwei Dritteln auf der Ausweitung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM). Schwanitz nannte dies "Wahlkampf-ABM" und sagte: "Hier wird mit den Hoffnungen der Ostdeutschen gespielt". Mecklenburgs SPD-Landeschef Harald Ringstorff sagte, Kohls Aussagen erinnerten ihn "an alte Zeiten". Die relativ positive Entwicklung der Arbeitslosenstatistik im letzten Quartal sei rein saisonal bedingt. "Offenbar sieht es der Bundeskanzler schon als sein Verdienst an, wenn es Sommer wird".Gerhard Schröder war in seiner Rede sichtlich darum bemüht, auf die Befindlichkeiten der Ost-SPD einzugehen. So erklärte er mehrfach, daß die Erfahrungen der Menschen im Osten für die notwendigen Reformen in ganz Deutschland wertvoll seien. Im Zusammenhang mit der Lehrstellenproblematik lobte er ausdrücklich Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Reinhard Höppner, der es durch die Kooperation von Landesregierung und Wirtschaft geschafft habe, jedem Jugendlichen einen Ausbildungsplatz anzubieten. Demonstrativ versicherte Schröder dem Brandenburger Ministerpräsidenten Manfred Stolpe, der vergangene Woche in einem Prozeß um seine Stasi-Kontakte unterlegen war, die Solidarität der SPD. Zwar könnten Stolpes Gegner offenbar den Schutz des Rechts in Anspruch nehmen, um den Ministerpräsidenten zu diffamieren, aber moralisch würden solche Angriffe dadurch nicht richtiger. Als zentrale Punkte seiner Politik für die neuen Länder nannte Schröder die Stärkung mittelständischer Strukturen, die Bereitstellung von Wagniskapital für Existenzgründer und die Konzentration der Wirtschaftsförderung auf Forschung, Entwicklung und Absatzförderung. Zudem wolle er die zersplitteten Kompetenzen für den Aufbau Ost im Kanzleramt konzentrieren. "Das muß Chefsache werden, wenn wir da wieder Dynamik reinbringen wollen", sagte Schröder. Der SPD-Politiker versprach, daß eine von ihm geführte Regierung die Ergebnisse der Bodenreform nicht antasten werde. Am Rande sprach Schröder sich für die Realisierung des Transrapidprojektes Berlin-Hamburg aus. Der Transrapid sei ein "hochinteressantes technisches Projekt", sagte er. Anfangs sei er selbst skeptisch gewesen, ob es auch finanzierbar sei. Da dies geklärt scheine, "werden wir ihn bauen". Die SPD werde nicht zulassen, daß daraus eine Investitionsruine werde.