Es gibt Jahreszahlen, die sind für Berlin so prägnant, dass sie jeder Grundschüler kennt: 1918, 1933, 1945, 1961, 1989. Aber was war los im Jahr 1922? Ganz einfach, da hat Kommissar Kappe eine mysteriöse Mordserie unter in Berlin lebenden Chinesen aufgeklärt."Das schöne Fräulein Li" (Jaron-Verlag) spielt 1922. Der Autor Peter Brock, Redakteur der Berliner Zeitung, hat den siebten Teil der Krimireihe um Kommissar Hermann Kappe übernommen. Kappe löst alle zwei Jahre einen Fall - die Idee für den Kettenroman hatte das Berliner Krimi-Urgestein Horst Bosetzky. Er schrieb unter anderem auch das erste Buch, das 1910 spielt.Neben dem spannenden Krimiplot lernt der Leser, dass 1922 für die Stadt sehr wohl eines mit einschneidenden Ereignissen war. So fällt etwa in die Ermittlungen der Mord an Außenminister Walther Rathenau (24. Juni). Der liberale Kappe flucht über die rechten Freikorps, die es auf die Weimarer Republik abgesehen haben. Und in einem furiosen Finale gerät der Kommissar in einen grauenhaften Unfall auf der Ringbahn. Den gab es tatsächlich, am 27. Juni, als zwischen Schönhauser Allee und Gesundbrunnen rund 40 Menschen getötet wurden - bis heute einer der schwersten Bahnunfälle in der Geschichte der Stadt.Manchmal wirkt Kappes Berlin aktuell, etwa, wenn Streiks im öffentlichen Dienst den Verkehr zum Erliegen bringen. Oder wenn der Ehekrisen-geplagte Kommissar und zweifache Vater durch Nachtclubs zieht und den Leser in eine Welt entführt, die der von heute gar nicht so fremd ist. (elm.)Lesung: Morgen lesen Peter Brock (Das schöne Fräulein Li, 1922), Wolfgang Brenner (Stinnes ist tot, 1924) und Petra A. Bauer (Unschuldsengel, 1926) um 20 Uhr in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung, Turmstraße 5 in Moabit.