Frank Beyer verfilmt an Leipziger Originalschauplätzen Erich Loests noch unveröffentlichten Wende-Roman "Nikolaikirche": "Macht um Gottes willen kein Heldenepos!"

Sandfarbene Windjacke, präzis geschnittene Haare, leerer Blick. Der Mann muß ein Spitzel sein - so auffällig unauffällig wie er da im Kirchenschiff sitzt. Vorn läuft jemand vorbei, der trägt ein mittelblaues Jackett und ein Paar jener Halbschuhe mit Kreppsohle, die zweifellos in der DDR produziert wurden. Jetzt beginnt vorm Altar der Pastor zu reden, ein schmächtiger Mann, der trotzig die Hände in die Hosentaschen stopft und mit seiner Fellweste aussieht wie ein Alternativer. "Warum nur seid ihr so verstockt, ihr Herrschenden. Warum macht ihr euch so unnahbar", fragt er mit fester Stimme, "habt ihr Angst vor den Menschen hier? Seht ihr nicht, daß sie das Land freundlicher und fröhlicher machen wollen?" Hinter seinem Rücken flackern Kerzen, ein handgemaltes Pappschild fordert "Schwerter zu Pflugscharen" zu schmieden. "Seht ihr nicht das Volk, das gehört werden will, gehört werden muß?" Das "Amen" kommt anschließend etwas zögerlich. Ulrich Mühe ist Schauspieler und kein Pfarrer. Sterbende DDR Rekonstruktion einer bewegten Zeit. Frank Beyer verfilmt Erich Loests Roman "Nikolaikirche". Dieser Tage dreht der Regisseur an den Leipziger Originalschauplätzen. Das Buch kommt im September auf den Markt, Ende Oktober wird die ARD Beyers Film in zwei Teilen senden. Die Erwartungen an Buch und Film sind riesig - noch ist es niemandem gelungen, die Geschichte der sterbenden DDR überzeugend in einem Roman oder Spielfilm zu spiegeln. Die zeitliche Nähe zu den Ereignissen, die sich kaum gesetzt haben, hemmt den Umgang mit dem großen Stoff.Regisseur Beyer und Romancier Loest haben sich auf Umwegen gefunden. Vor drei Jahren drückte Loest auf der Leipziger Buchmesse einem Freund, dem Drehbuchautoren Eberhard Görner, sein halbfertiges Manuskript in die Hand, wenig später landeten die 300 Seiten bei Beyer. Den reizte sofort die "spannende Geschichte" des damals noch unvollendeten Romans. "Die war sehr genau und stimmig erzählt", sagt er, "die ideale Grundlage für einen Film." Gemeinsam mit Görner schrieb Beyer dann das Drehbuch.Loest erzählt in seinem Roman die Geschichte der Leipziger Familie Bacher in den unruhigen Jahren 1985 bis zur großen Demonstration am 9. Oktober 1989. Beyer hat in seinem Drehbuch den Roman, der sich in umständlichen Rückblenden und einer Vielzahl einzelner Handlungsstränge verliert, entschlackt. Er konzentriert die Handlung auf die Jahre 1987 bis 1989. Im Mittelpunkt stehen die erwachsenen Geschwister Astrid und Alexander, gespielt von Barbara Auer und Ulrich Matthes, deren Leben sich sehr gegensätzlich entwickelt. Unzufrieden mit ihrer Arbeit als Architektin in der verfallenden Stadt, schließt sich Astrid der Friedensbewegung an. Alexander arbeitet hauptamtlich für die Staatssicherheit und läßt jene oppositionellen Kreise bespitzeln, in denen seine Schwester sich engagiert.Die Familie zerreißt, Lebenslügen werden aufgebaut. Die alte Mutter Bacher glorifiziert die frühen Aufbaujahre der DDR und will nicht wahrhaben, daß ihr Mann, hochdekorierter Offizier der Volkspolizei, an kriminellen Machenschaften beteiligt war. Alexander Bacher zweifelt bis zuletzt nicht an seiner Aufgabe als Stasi-Mann. Sogar die Liebesbeziehung opfert er der Karriere. Großes Mißverständnis Aus den Friedensgebeten von Menschen wie Astrid erwächst die alles entscheidende Großdemonstration am 9. Oktober. Die fiktiven Schicksale im Buch werden mit der allgemeinen gesellschaftlichen Bewegung im Herbst der Wende verflochten. Genau das, sagt Regisseur Beyer, habe ihn an dem Stoff gereizt. "Da wird eine zugespitzte Geschichte vor einem gesellschaftlich brisanten Hintergrund erzählt. Das hat mich an die ,Spur der Steine` erinnert."Eigentlich will der 62jährige Regisseur, dessen Arbeit in der DDR behindert und verhindert wurde, nur eine "Geschichte erzählen, die mir sehr nahe ist". All das große Gerede vom notwendigen Aufarbeiten der Vergangenheit, vom Brücken-Schlagen und Verständigen liegt dem geradlinigen Filmemacher fern. Dennoch hofft er, daß möglichst viele Westdeutsche den Film sehen werden. "Da gibt es einfach noch große Mißverständnisse. Die Rolle der Stasi wird total überschätzt. Ich habe am Telefon, das abgehört wurde, auch nichts anderes gesagt, als in der Parteiversammlung." Keimzelle der Opposition Direkt gegenüber der Nikolaikirche lebt Christian Führer. Satzfetzen von den Dreharbeiten unten auf dem Kirchplatz wehen durch die offenen Fenster des Pfarrhauses. "Ruhe bitte, wir drehen". Führer ist jener Pfarrer, unter dem die Nikolaikirche zur Keimzelle der Opposition in Leipzig wurde. In Buch und Film heißt er Ohlbaum und trägt eine Fellweste beim Predigen. "Dabei trage ich grundsätzlich nur Jeanswesten", sagt der Pfarrer, dem die kleine Verzerrung im Grunde ganz gelegen kommt, denn es geht ja nicht um eine Dokumentation, sondern um Fiktion. Als Requisiten für den Film hat Führer unlängst jene Schrifttafeln aus dem Keller hervorgekramt, die Sankt Nikolai zum Symbol des Widerstandes machten: "Nikolaikirche - Offen für alle". Die kurze Formel steht für das Konzept der "Offenen Stadtkirche", das Führer und ein paar Gleichgesinnte Anfang der achtziger Jahre begründeten. Damals öffneten sie die Kirchentüren für Jugendliche, die lieber Strickwesten als Blauhemden trugen. Für Leute, denen Ökologie, Menschenrechte oder etwa die Rettung der Leipziger Altstadt am Herzen lagen. Für Querdenker und Nonkonformisten.Sie alle haben in der Kirche geistige Freiräume gefunden, die sie im Staat nicht hatten. Redeten sich frei am "Mikrofon der Betroffenheit", obwohl sie genau wußten, daß die Staatssicherheit jedes Wort protokolliert. "Die verkniffenen Gesichter der Stasi-Leute zu sehen, die zuhören mußten und nichts unternehmen konnten - das war so befreiend", erinnert sich Führer. Auch die Weinkrämpfe derer, die zum ersten Mal aus sich herausgingen und vor einem Publikum sprachen, wird er nie vergessen. Jede Woche versammelten sie sich zu den Montagsgebeten. Mal kamen nur drei Leute, manchmal dreißig, dann dreihundert und als es zu Ende ging mit der DDR, waren es Tausende. Entscheidend wurde schließlich der Gesprächskreis für Ausreisewillige, den Führer 1987 gründete. Da kamen bestens angepaßte DDR-Bürger, die sich einen Dreck um Christentum und Menschenrechte scherten, die nur noch raus wollten aus dem Land. Verworrene Wege "Zum Schluß saßen neunzig Prozent Nicht-Christen in meiner Kirche. Der Loest hat das in seinem Roman gut herausgearbeitet: Nicht allein die Freaks von den Basisgruppen haben zum Schluß den Druck ausgeübt, sondern sie haben es zusammen mit den vielen Ausreisewilligen getan. All diese verworrenen Wege, die schließlich zur großen Notgemeinschaft und zu den Friedensgebeten führten, zeigt der Loest in seinem Buch sehr schön", sagt Christian Führer, dessen Bürstenhaarschnitt hervorragend zu dem Tarnnamen paßt, unter dem ihn jahrelang die Stasi bespitzelte: OPK "Igel". Führer verspricht sich ein bißchen Aufklärung von Buch und Film. Die "innere Wahrheit" werde hoffentlich deutlich, die "Zwischentöne". "Heute werden viel zu schnell die Etiketten ,schuldig` und ,unschuldig`aufgeklebt. Viele Betrüger haben noch zu DDR-Zeiten erkannt, daß auch sie betrogen worden sind. Manche haben sich geändert. Bei mir haben sich zum Schluß sogar stramme Genossen für die Montagsgebete bedankt." Angst hat Führer höchstens, daß die Ereignisse um die Nikolaikirche im Roman als kleine Oktoberrevolution verklärt werden. "Macht um Gottes willen kein Heldenepos daraus!" hat er deswegen den Filmleuten gesagt.In gewisser Weise ist Führer Urheber des Romans. Als Erich Loest im Frühjahr 1990 zu einer Dichterlesung in die Nikolaikirche kam, forderte der Pfarrer ihn auf, ein Buch über die sterbende DDR zu schreiben. "Nur du kannst das, weil du für die einfachen Leute schreibst", meinte der Geistliche. Loest zierte sich erst, ich war ja nicht dabei, hat er gesagt, ich lebe ja schon lange in Bonn. Dann begann er schließlich doch zu recherchieren. Stöberte im Privatarchiv des Pfarrers, las alte Predigttexte und Briefe, Aufzeichnungen und Flugblätter. Sprach mit Bürgerrechtlern und studierte Stasi-Akten. Am Ende war er überrascht, wie hilflos der Staat in den entscheidenden Wochen tatsächlich war. "Der 9. Oktober war der Tag der Stellvertreter. Niemand wollte Verantwortung übernehmen." Der Schriftsteller will mit seinem Roman keine neue Sicht auf die Ereignisse präsentieren. Auch nichts bewerten. "Ich will erzählen, was war." Abschied des Romanciers Erich Loest läuft in dunklem Anzug, Krawatte und Regenmantel über das Set. Irgendwie ist das hier auch seine Abschiedsvorstellung als Romancier, wie sich der Schriftsteller selbst bezeichnet. 42 Bücher hat Loest geschrieben, nächstes Jahr wird er siebzig, irgendwann muß Schluß sein. "Filmen ist ja so langweilig!" seufzt er einmal, "aber es ist schon lustig, daß ich die Astrid erfunden habe und jetzt läuft die da so rum." +++