Frank Beyer stand auf und lehnte sich an einen Pfeiler vor seinem Haus, so konnte er besser atmen. Man sah, dass ihm beim Reden die Luft knapp geworden war. Vor einigen Jahren war er deshalb operiert worden, und er musste die Arbeit an seiner Autobiografie für ein halbes Jahr unterbrechen. Das Buch "Wenn der Wind sich dreht. Meine Filme, mein Leben" erschien 2001. Nach längerer Pause wollte er wieder als Regisseur arbeiten. Seit 1998, seit "Abgehauen", hatte er nicht mehr gedreht. Er hätte so gerne noch einen komischen Film gemacht.Frank Beyer lachte gerne, kannte viele komische Geschichten und hörte mit Vergnügen zu, wenn andere Leute komische Geschichten erzählten. Er saß in seinem Haus in Reichenwalde zwischen Bücher- und Zeitungsbergen und wollte wissen, was in der Welt passiert. Immer mal wieder kamen Journalisten und fragten ihn nach seiner Meinung. Frank Beyer, 1991 mit dem "Filmband in Gold" für sein Gesamtwerk ausgezeichnet, war ein verlässlicher Zeitzeuge: Es gibt nicht viele Künstler aus der DDR, die so ungebrochen anerkannt und unbelastet auftreten können. Er musste nur immer öfter nach Luft ringen. In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag hat Frank Beyer mit dem Atmen aufgehört. Er wurde 74 Jahre alt."Möglicherweise bin ich in meiner Generation in der DDR der Filmregisseur mit den größten Erfolgen und den schlimmsten Niederlagen gewesen", schreibt er in seiner Autobiografie. "Das klingt anmaßend. Aber ich will mir das eine nicht als Verdienst und das andere nicht als Schuld anrechnen."1990, in der Wendezeit, schreibt die Filmkritikerin Rosemarie Rehahn in einem Porträt über Frank Beyer: "Es möchte heute mancher Kunstgefährte in solcher Glückshaut stecken." Und der Regisseur schreibt 2001, betroffen davon, wie viele seiner Kollegen in Vorruhestand und Arbeitslosigkeit geraten sind: "Für mich war die Wende der Weg in die Vollbeschäftigung."Der Mann in der Glückshaut ist da Ende fünfzig, mit breiter Brust und rötlichem, gewelltem Haar. Ein Sportsmann, der zum Winterbaden mit dem Beil das Eis im See aufhackt, schon vor vielen Jahren seine Freunde mit dem Erlernen des Wasserstarts beim Surfen beeindruckt hat und den Tauchschein machte. Er ist stark, er hat einen guten Ruf und keine Neider. Ein Regisseur aus der DDR mit Seltenheitswert.Frank Beyer sollte Maurer werden, das wünschte jedenfalls seine Mutter. Sein Vater verwaltete in der thüringischen Stadt Altenburg die Wagen der Müllabfuhr. Als Sozialdemokrat wurde er 1933 entlassen, die Mutter trug nun Milch aus. 1938 zog die Familie in ein Dorf, der Vater übernahm einen Laden. 1942 wurde er eingezogen. Er kam für einen Urlaub aus Polen zurück und fiel 1943 in Russland. Die Mutter war da schwanger mit dem zweiten Sohn Hermann, der später ein Schauspieler von Rang werden wird.Frank Beyer ist beim Tod des Vaters elf Jahre alt, bei Kriegsende ist er dreizehn, der Ernährer und Beschützer seiner Familie. Er klaut alles, was man essen kann, und dann klaut er noch eine Schreibmaschine und einen Filmprojektor aus einer Kaserne. Beides muss er zurückgeben, dafür bekommt er eine Ausbildung zum Schmalfilmvorführer. Beyer macht Abitur, und nach mehreren Berufsanfängen wird ihm 1952 ein Studienplatz an der Moskauer Filmhochschule angeboten.Er sitzt vor der Abreise auf seinem gepackten Koffer und liest im Neuen Deutschland, dass eine andere Gruppe nach Moskau gefahren ist. Ein organisatorisches Versehen. Nun wird ein Regiestudium in Prag daraus, zu dem er im Zug Vindobona mit zwei anderen Kommilitonen unterwegs ist. Alle waren dem gleichen Versehen zum Opfer gefallen, und alle reisen in langen, braunen Wintermänteln mit Kunstpelzkragen, mit denen sie zuvor für das Studium im frostigen Moskau ausgerüstet worden waren.Vier Jahre später ist Beyer Filmregisseur bei der Defa. Mit "Fünf Patronenhülsen" wird er bekannt, mit "Nackt unter Wölfen" international berühmt. Mit "Karbid und Sauerampfer" dreht er 1964 ein Roadmovie aus den ersten Nachkriegsmonaten, einen der größten Zuschauererfolge der Defa: In Dresden soll eine zerbombte Zigarettenfabrik wieder zusammengeschweißt werden. Zum Schweißen braucht man Karbid. Der Film erzählt die Odyssee des Arbeiters Kalle Blücher, gespielt von Erwin Geschonneck, der ohne Auto sieben Fässer Karbid von Wittenberge nach Dresden bringen muss. Elbaufwärts fährt er auf einem Boot zwischen den Amerikanern und den Russen hindurch, zwischen Kalinka und Glenn Miller. Und das Publikum hatte sein Freude an diesem komischen Moment mitten im Kalten Krieg.Beyer ist Anfang dreißig, dreht einen Film nach dem anderen, fährt auf internationale Festivals. Er hat noch viel vor.Ende Juni 1966 steht auf dem Berliner Alexanderplatz ein riesiges Gerüst mit einer Reklame - überlebensgroß der Kopf von Manfred Krug als Zimmermann und Brigadeleiter Balla in dem Film "Spur der Steine", eine konfliktreiche und witzige Gegenwartsgeschichte, die auf auf einer Großbaustelle spielt.Im Dezember 1965 hatte das 11. Plenum des ZK der SED stattgefunden, die halbe Jahresproduktion der Defa war danach verboten worden. "Spur der Steine" gerät in die hysterische, aufgescheuchte Atmosphäre der Wachsamkeit. Obwohl der Film vorher bei den Arbeiterfestspielen in Potsdam begeistert aufgenommen worden war, läuft jetzt hinter den Kulissen eine Abwehrmaschine warm.In die Premiere im Kino International in Berlin am 30. Juni 1966 werden Tumultmacher bestellt. In Leipzig läuft der Film am 1. Juli an, Im Kino Capitol sitzen Kampfgruppen und Parteischüler. Als Ballas Brigade auf der Leinwand wie eine Phalanx von Westernhelden aufmarschiert, wird sie mit Gebrüll empfangen: "Das sind nicht unsere Arbeiter!" Bei Manfred Krug rufen sie: "Geh endlich arbeiten, du Schwein!" Als die Ballas einen Polizisten in einen Teich werfen, fordern Schreier: "Den Regisseur einsperren!" Der Film wird abgesetzt und bis zum Herbst 1989 nie mehr aufgeführt. Beyer muss 1966 das Studio verlassen und geht ans Theater, zunächst nach Dresden.Das war der erste tiefe Riss in seinem Leben, andere werden folgen. Beyer ist SED-Genosse seit 1950. 1976 erhält er eine strenge Parteirüge, weil er seine Unterschrift gegen die Ausweisung von Wolf Biermann nicht zurückzieht. 1980 streicht ihn die SED als Parteimitglied. Weil er sich nicht von seinem Film "Geschlossene Gesellschaft" distanziert und weil sich bei Auftritten im BRD-Fernsehen gezeigt habe, "dass er von der klassenmäßigen Position über den Charakter der imperialistischen BRD abgerückt ist". So steht es im Beschluss der Parteigruppe Dramatische Kunst des DDR-Fernsehens. Erich Honecker wird zwei Tage später über den Vorgang informiert.Frank Beyer erhält danach ein Visum, um im Westen zu arbeiten. Er bewegt sich in einem ertrotzten Ausnahmezustand, zu dem es gehört, auch wieder für das Defa-Studio zu arbeiten. Sein erster Film dort ist "Der Aufenthalt", der letzte vor der Wende ist "Der Bruch".Als es mit der DDR zu Ende geht, werden seine verbotenen und verschwiegenen Arbeiten hervorgeholt, auf den letzten Drücker. Nun kommt "Geschlossene Gesellschaft" ins Fernsehen und "Spur der Steine" ins Kino. Manfred Krug darf zur Wiederaufführung einreisen.Wer die Autobiografie von Frank Beyer liest, bekommt eine Ahnung von der Anstrengung seines Lebens. Immer wieder gelingt es ihm, Filme von Belang zu machen und künstlerische Maßstäbe zu setzen. Mit "Jakob der Lügner" dreht er nach dem Buch von Jurek Becker einen berührenden Film über das Leben im jüdischen Getto, irgendwo in Polen 1944: Jakob gibt vor, ein Radio zu besitzen, und verbreitet die Nachricht, dass die Front jeden Tag ein Stück näher kommt. Weil die Hoffnung wichtiger sein kann als ein Stück Brot. Dieser Film bringt der DDR die einzige Nominierung für einen Oscar.Daneben arbeitet Beyer an Filmkindern, die nicht auf die Welt kommen. Zusagen platzen, Drehbücher werden mit unannehmbaren Auflagen versehen, die sogenannte Weltlage ändert sich - bei vielen Projekten hat er schon im Vorfeld Kraft vergeudet. Und mit fertigen Arbeiten ist er oft gegen Wände gelaufen: Die Ehegeschichte "Das Versteck" wird 1978 in der Presse verschwiegen, weil der Hauptdarsteller Manfred Krug inzwischen die DDR verlassen hat. Die "Geschlossene Gesellschaft", die Krise einer Ehe in den Farben der DDR, wird 1978 mit falscher Zeit im Fernsehen angekündigt. Niemand soll ihn sehen. In seiner Autobiografie liefert Frank Beyer die Dokumente einer Verschwörung gegen diesen Film."Der Aufenthalt" nach dem Roman von Hermann Kant gerät in andere unerwartete Komplikationen. Der Film erzählt von einem jungen deutschen Soldaten, der kurz nach Kriegsende 1945 unter falschem Verdacht in ein Warschauer Gefängnis kommt. Auf polnischen Wunsch wird der Film 1983 von der Berlinale in Westberlin zurückgezogen.Beyer hat sich seine Uneinsichtigkeit nicht nehmen lassen, seinen eigenen Blick auf die Welt. Er schreibt dem Generaldirektor der Defa, dass seine, Beyers, Kenntnisse über das, was die Leute bewegt, nicht kleiner sind als die seiner "jeweiligen staatlichen Leiter, die mich ständig darüber belehren, was gestaltungswürdig und was nicht gestaltungswürdig ist". Die jeweiligen staatlichen Leiter beißen sich an ihm die Zähne aus und proben eine Melange aus Lob und Tadel, einige beschwören die gemeinsame sozialistische Sache, andere wollen ihn loswerden. Man könnte auch sagen, dass sie ihn ernst genommen haben.Im Jahr 2000 schreibt Beyer an einen Schulfreund. Der hatte ihn gefragt, warum er nicht weggegangen sei aus der DDR. Beyer antwortet mit privaten Gründen, der Verbundenheit mit dem Publikum, mit seiner Abneigung, in Auseinandersetzungen den Platz zu räumen, und mit Erfahrungen im Westen beim Kampf um das Geld für Filme. Beyer endet damit, nicht zu wissen, wann sich bei ihm Hoffnung in Illusion und Illusion in Selbstbetrug verwandelt habe. "Aber ich denke viel darüber nach." So geht es auch anderen, die in der DDR gelebt haben.Nach der Wende ist Frank Beyer ein viel beschäftigter Mann. Aber seine Autobiografie beginnt er 2001 mit der Beschreibung eines gescheiterten Projektes. 1998 hatte er das Geld beisammen, um "Jahrestage" von Uwe Johnson als vierteiligen Fernsehfilm zu drehen. Die Rollen sind besetzt, die Drehorte gefunden. "Und nun wird das Projekt zu Fall gebracht. Der künstlerische Stab wird entlassen. Ich werde aus dem Projekt herausgedrängt", schreibt er. Er hatte Forderungen nicht nachgegeben, "die ich für unvereinbar mit meinen Überzeugungen, ja, wohl auch mit Würde und Anstand hielt". Auch die neue Zeit war nicht einfach für einen wie ihn.Danach wurde es um ihn still. "Abgehauen" bleibt der letzte Film von Frank Beyer. Und jetzt ist er gegangen.------------------------------"Ich könnte als Regisseur nie etwas machen, was mir nicht wichtig erscheint."------------------------------"Man kann sich nicht aussuchen, in welche Zeit man geboren wird."------------------------------Foto: Frank Beyer. Sein bekanntester Film "Spur der Steine" von 1966 war bis zum Herbst 1989 in der DDR verboten.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.