Es war einmal ein 61jähriger, vielgereister dänischer Märchenonkel, der besuchte in Paris ein Bordell: "Eine Dame erschien, welche Menschenfleisch verkaufte, vier Frauenzimmer traten vor mir auf, die jüngste, hieß es, war achtzehn Jahre; sie war so gut wie im bloßen Hemd; sie tat mir sehr leid." Und so zahlte der Märchenonkel fünf Franc an die Menschenfleischverkäuferin und obendrein fünf Franc an das bemitleidete Mädchen. Das Mädchen aber nahm das Geld, tat seine spärlichen Kleider ab und verwunderte sich gar sehr über den Onkel, der es nur betrachtete. Diese Begebenheit hat Hans Christian Andersen aufgeschrieben - nicht in eines seiner erfolgreichen Märchenhefte, sondern in sein Tagebuch von 1866. Aber dass dem Dichter die Textgattungen zusammenschmolzen, zeigt sich am Titel seiner Autobiografie: "Das Märchen meines Lebens". Jetzt beschäftigt sich Frank Castorf, ein anderer Verschmelzer, mit Andersen. Der große Verwirklicher unter den Theaterregisseuren versenkt sich in die beladene, verklausulierte, schwüle Motivwelt des Märchenerfinders. Der Konkretisator fühlt dem Andeuter auf den Zahn. Der Schmerzspieler zeigt dem Hypochonder die Instrumente. Und jener gibt sein Innerstes, Unterstes preis. Castorf spielt, so dass Andersen singt. Der Abend, der mitten in der Vorweihnachtszeit unter dem Titel "Meine Schneekönigin" an der Volksbühne herausgekommen ist, vereint mühelos Besinnlichkeit mit Besinnungslosigkeit, klärt einem den Verstand, bis der sich um sich selber bringt - und in wesensfremde Gefilde entschwebt. Auch Andersen pflegte im Theater zu entschweben: "Man lacht, man weint, es tut einem wohl wie ein Kirchgang, man wird ein besserer Mensch; man fühlt, dass Gott in der Kunst ist, und wo Gott Angesicht gegen Angesicht vor uns steht, da ist eine heilige Kirche."Bei Bert Neumann ist die Kirche ein flaches Wohnzimmer. Mit edelhölzern sich gebender Kassettendecke, die im Laufe des Stücks Federn lässt; mit warmbrauner Wohnzimmervertäfelung, die von der Wand gerissen wird und den Blick auf ein Scherenschnittangesicht (vom Autor? oder vom Regisseur? oder von Mao Tsetung?) freigibt; mit einer zusammengewürfelten Klubsesselgarnitur samt Schlafcouch, unter deren Kissen der Abgrund gähnt, der übrigens auch als Auftritt dient. Ein zweiter Weg führt über eine abklappbare Treppe hinauf und hinaus in dröhnendes Kunstschneetreiben, in etwas ganz außerhalb Liegendes, etwas von Wort und Bild, von Verstand und Traum Ungefasstes. Zu Beginn taut jenes Andere nur tropfenweise durch die Kassettendecke. Leise zerplatzen die Lawinenvorboten im Blechtopf. Dann stürzt ein dicker Tropfen aus teuflischem Spiegelglas vom Himmel, zerscherbt auf dem Couchtisch, schießt je einen Splitter erst ins Auge von Herbert Fritsch, der sich als Andersen erkennen lässt, und dann in seine Brust. Wie er es im Märchen aufgeschrieben hat, vereist dem Märchenerfinder prompt das Herz, so dass dem Entzauberten alles hässlich und ekelhaft erscheint - und das bei größtmöglicher Emotionsunfähigkeit. Ähnliches widerfährt dem Kleinen Kay (Alexander Scheer), dem die Schneekönigin (Jeanette Spassova) mit Kälteküssen das Herz, das eigentlich für Gerda (Birgit Minichmayr) schlägt, schockfrostet. Ähnliches widerfährt jedem, der erwachsen wird.Der Abend ist so verhängnisvoll einladend und zugänglich wie Neumanns Rutschtreppe. Die Geschichte von der Schneekönigin gibt einen zwar vagen, aber durchgezogenen roten Faden ab, auf den Motive aus Andersens Märchen gefädelt sind. Diese sind dem Zuschauer seit seiner Kindheit wärmstens vertraut. Und nun gibt es ein Wiedersehen, aber eines durch Castorfs Röntgenbrille. Triebe und Ängste, die in handhabbaren Bildern und Geschichten abgepackt und ins Unterbewusstsein gelagert waren, liegen nun wieder blank vor Augen. Die großen und tiefen Schmerzen der Existenz können - zumal mit Kindern - nur im als unwahr verabredeten Märchen behandelt werden. Die Bühne verfügt über eine ähnliche Verpackungsanlage von Erkenntnissprengsätzen - auch hier sind wie im Märchen wahr und falsch keine anwendbaren Kategorien, auch hier gelten außermoralische Verabredungen. Genau diese vor der nackten Wahrheit schützenden, die nackte Wahrheit umhüllenden Verabredungen versucht Castorf mit seinem Theater der Realität jedoch aufzureißen. Nirgendwo wird kindlicher, also schonungsloser gespielt, nirgendwo ist der Unterschied zwischen Behauptung und Wirklichkeit so klein, dass er manchmal verschwindet: Stolz zeigt Alexander Scheer ein melonengroßes Hämatom am Innenschenkel vor, den er sich bei einem seiner Stürze, Würfe, Anfälle verletzt hat. Das Kichern, das Birgit Minichmayr schüttelt, als ihre Kollegin Irina Kastrinidis sagt: "Ich liebe Ziegen, weil ich eine Ziege bin", hat eine wirkliche, in dem Fall denunzierende Dimension. Die Wahrnehmungsparadoxien bündeln sich frappierend in dem auf die Bühne gebrachten Motiv vom Kaiser mit den neuen Kleidern: Der eine glaubt, dass er die neuen Kleider angezogen hat, der andere trägt seine Nacktheit als Kostüm, dann ziehen sie sich gegenseitig an den Penissen und sind als Schauspielerpersonen entblößt. "Meine Schneekönigin" kommt als erste Castorf-Inszenierung seit langem ganz ohne Video aus. Die Schichten der Wahrnehmung von Wirklichkeit lassen sich genauso gut auch vom lebendigen, leibhaftigen Schauspielerkörper schälen. Allesamt bedanken sich freundlich bei Georg Buchmann, der den Kunstschnee rieseln lässt und mit Schaum- und Nebelkanonen um sich schießt. Das ist recht! Lobet den Flockenmeister, denn der Flockenmeister ist wahr und wirklich, weil er sich bei der Herstellung von Illusion zeigt.Wem die Welt ein Theater ist, und die Wahrheit ein Märchen, der hat es geschafft, der kann in Schmerz und Freude abgehen und mit Hans Christian Andersen sagen: "Mehr hat die Erde mir nicht zu geben". Der ist am Ziel seiner Sehnsucht, dessen Trieb ist gebrochen, der darf und muss, wie Kay und Gerda, am Tage seines höchsten Glückes sterben. Und wenn er nicht gestorben ist, lebt er - ob er will oder nicht, was auch immer er behauptet - noch heute.------------------------------Meine Schneekönigin // Ein Märchen nach Hans Christian AndersenRegie, Bearbeitung Frank Castorf Bühne, Kostüme Bert NeumannDramaturgie Jutta WangemannLicht Lothar Baumgarte Es spielen Herbert Fritsch (Kragen), Irina Kastrinidis (Räubermädchen), Birgit Minichmayr (Gerda), Alexander Scheer (Kleiner Kay), Jeanette Spassova (Schneekönigin) und Volker Spengler (Agent des Schattens) Koproduktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mit der Hans Christian Andersen 2005 Foundation, die den bevorstehenden 200. Geburtstag des Dichters ausrichtet.Nur für Erwachsene und Kinder in Begleitung von Erziehungsberechtigten.Vorstellungen 18./19./25./26. Dez., 2./8./14./22. Jan., 19.30 Uhr in der Volksbühne, T.: 247 67 72------------------------------Foto: Gerda (Birgit Minichmayr) und der Kleine Kay (Alexander Scheer) - ein frierendes und ein gefrorenes Herz.