FRANKFURT (ODER). An die Guillotine erinnern nur noch zwei kleine Zapfen, die aus dem sandigen Fußboden des Raumes ragen. "Daran war das Fallbeil befestigt", sagt Arno Krone. Zwölf Männer wurde damit in frühen DDR-Jahren in Frankfurt (Oder) der Kopf abgeschlagen. Der heute 80-jährige Krone aus Berlin-Weißensee war bei etlichen dieser Hinrichtungen dabei - beispielsweise als der Chef der berühmt-berüchtigten Berliner Gladow-Bande und zwei seiner Komplizen exekutiert wurden. Denn Krone gehörte damals einem Sonderkommando der Volkspolizei an, das die zum Tode Verurteilten zum Scharfrichter brachte und der Hinrichtung beiwohnte. "In der Mitte des Raumes hing ein schwarzer Vorhang", erinnert sich Krone. "Dahinter stand das Fallbeil. Der Vorhang ging auf, wenn der Oberstaatsanwalt gesagt hatte: Scharfrichter, walten Sie Ihres Amtes!" Krone erkannte bei seiner Wiederkehr in Frankfurts altes Gefängnis nach gut 50 Jahren auch den heute mit Geröll verstopften Abfluss wieder, durch den das Blut der Hingerichteten rann. Die Guillotine und der schwarze Vorhang sind schon seit Jahrzehnten weg. Heute ist der Raum wie alle anderen in dem Trakt leer - und Baustelle. Denn seit Mitte April lässt die Stadt mit finanzieller Unterstützung von Land und Bund den dreistöckigen Ostflügel des Gefängnisses, das bis 1989/90 in Betrieb war, zu einem so genannten Kulturzentrum umbauen. Dazu soll auch ein Café gehören. Es ist vorgesehen, es ausgerechnet in dem Raum einzurichten, in dem nach Krones Angaben früher das Fallbeil stand.Joachim Stern ist entsetzt über diese Planung. Der 73-Jährige ist Vorsitzender des Beirates der Frankfurter Gedenk- und Dokumentationsstätte "Opfer politischer Gewaltherrschaft". Sie ist in einem bereits sanierten Flügel des Gefängnisses untergebracht. Dort wird an die Schicksale jener Menschen erinnert, die in der Nazi-Zeit von der Gestapo oder zu DDR-Zeiten vom Ministerium für Staatssicherheit dort inhaftiert wurden. Die Stasi nutzte das Haus bis 1969. Der Vorsitzende des Gedenkstättenbeirats kündigte an, beim Baudezernenten der Stadt gegen die Café-Pläne zu intervenieren. "Wir waren bestürzt, als wir davon erfahren haben", sagte Stern, der als junger Mann in Frankfurt (Oder) vom sowjetischen Inlandsgeheimdienst NKWD verhaftet und dann wegen angeblicher Spionage und antisowjetischer Propaganda zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Der Beirat sei zu den Planungen nicht befragt worden, sonst hätte man auf die besondere Bedeutung des Raumes hingewiesen. "Vielleicht wusste der Architekt gar nichts davon", sagte Stern. "Ich glaube nicht, dass er das nicht berücksichtigt hätte." Der Bauplan sieht vor, dass die Gedenkstätte im Ostflügel einen zusätzlichen Raum erhält. Er liegt neben dem einstigen Hinrichtungsraum. "Vielleicht sollten wir uns über die Raumaufteilung noch einmal Gedanken machen", sagt Hella Fenger vom Amt für Bauleitplanung, Bauaufsicht und Sanierung. Es sei ihr nicht bekannt gewesen, welche Bedeutung dieser Raum hatte. "Das ganze Gemäuer steckt voller Leid und Tod", sagt Architekt Hans Albeshausen. So seien die Bauarbeiter im Innenhof auf zahlreiche Knochen von Menschen gestoßen. Im Mittelalter, als das Haus als eine Art Hospiz genutzt wurde, seien dort wohl die Toten verscharrt worden. Albeshausen sagt, er sei bei der Planung davon ausgegangen, dass die Hinrichtungen in dem Raum stattfanden, den zukünftig die Gedenkstätte nutzen soll. In dem "Kulturzentrum" entstehen im ersten Stock Räume für die Musikschule, die schon den Großteil der anderen Gebäudeflügel nutzt. In den zweiten Stock soll die Volkshochschule einziehen, in den dritten die Musikbibliothek und ins Dachgeschoss die Kinderbibliothek. Die Gesamtkosten werden mit zwei Millionen Euro veranschlagt. Das Kulturzentrum soll im Frühsommer nächsten Jahres fertig sein. Gegenwärtig sind dort überall Bauarbeiter am Werk. "Für uns ist das eine Baustelle wie jede andere auch", sagt der Vorarbeiter. "Man sieht ja nichts mehr."Fünf Zellen und viele Schicksale // Im ehemalige Gefängnis von Frankfurt (Oder) in der Collegienstraße 10 gibt es seit Juni 1994 die kleine Gedenkstätte "Opfer politischer Gewaltherrschaft".In den fünf Zellen und auf dem Flur wird mit Schautafeln an die Schicksale von politischen Gefangenen zu Nazi- und DDR-Zeiten erinnert.Geöffnet ist die Gedenkstätte dienstags und donnerstags von 14 bis 16 Uhr und nach Voranmeldung unter 0335/6802712 oder 401560.Foto: BERLINER ZEITUNG/PATRICK PLEUL In diesem Raum des alten Gefängnisses wurden zwischen 1950 und 1952 zwölf Menschen hingerichtet. Jetzt wird er zu einem Café umgebaut.