FRANKFURT (ODER), 3. April. Am liebsten möchte Dietmar Rösicke seinen Frauen den Blick auf die Tabelle verbieten. Aus Angst, dass es sie vielleicht allzu sehr nervös machen könnte. Denn fünf Spieltage vor Saisonschluss der 1. Bundesliga steht der Frankfurter HC auf einem Platz, auf dem ihn nicht einmal die kühnsten Optimisten erwartet hatten. Der Aufsteiger aus der Oderstadt ist nach zwei Jahren der Zweitklassigkeit Tabellenvierter. Von den Pluspunkten her gleichauf mit dem Dritten Buxtehude. Nur einen Zähler hinter dem Zweiten Nürnberg, vier hinter Tabellenführer Trier. Begeistertes PublikumDie Handball-Bundesliga der Frauen ist im Umbruch. Nach Jahren der Dominanz des TV Lützellinden und des HC Leipzig, die sich seit 1997 die Titel teilten (beide wurden je dreimal Meister), haben sich andere Teams an die Spitze geschoben. Trier und Aufsteiger Nürnberg verhalfen vor allem kräftige Finanzspritzen zum Höhenflug, "dem Frankfurter HC vor allem die unheimliche Begeisterung unseres Publikums", sagt Trainer Rösicke. Denn in der Stadt an der Grenze zu Polen bietet sich den Sportinteressierten kaum Gelegenheit, mit einheimischen Mannschaften mitzufiebern. Einzig im Judo und im Gewichtheben ist Frankfurt erstklassig. Aber das sind nicht gerade Sportarten, die mehr als zweitausend Zuschauer in Euphorie versetzen können, wie dies am Mittwochabend die Handballerinen taten, als sie den mit zehn Nationalspielerinnen angereisten TSV Bayer 04 Leverkusen 32:19 besiegten. Im Frühjahr 2000 schien die Ära des Frauen-Handballs in der Oderstadt für immer zu Ende gegangen zu sein. Der FHC hatte für eine traurige Premiere im deutschen Handball gesorgt, als er sein Europapokal-Heimspiel an den kroatischen Konkurrenten ZRK Osijek abtrat. Die heimischen Fans sahen sich vor den Kopf gestoßen, die Spielerinnen deprimiert. Am Ende der Saison traten sie auch national den Gang in die Zweitklassigkeit an. Trainer Dietmar Rösicke und Ehefrau Bianca Urbanke, Spielmacherin des FHC, verfolgten den Niedergang aus der Ferne: Die 199-malige Nationalspielerin hatte in Spanien eine neue Herausforderung gesucht - mit dem Versprechen, nach dem zweijährigen Engagement zurückzukehren. Urbanke/Rösicke hielten Wort, trotz Abstieg in die Handball-Niederung."Mein Ziel", sagt Rösicke, "war es, im ersten Jahr aufzusteigen, im zweiten Jahr einen einstelligen Tabellenplatz in der ersten Bundesliga zu belegen, im dritten Jahr mich an die Europapokal-Plätze heranzutasten." Er wird den Plan vorfristig erfüllen. Rang eins bis fünf garantiert die Teilnahme am internationalen Wettbewerb. "Wenn wir jetzt nicht überschnappen, sind wir dabei", ist sich Rösicke sicher. Die Mannschaft ist eine Mischung aus eigenen Talenten (Mandy Hering, Linda Lempke) und motivierten Ausländerinnen. Lina Spalviene (Litauen) und Raissa Tichonowitsch (Weißrussland) waren schon da. Hinzu gekommen sind Handballerinnen, die anderswo im zweiten Glied standen und für wenig Geld bereit waren, zu spielen: die Schwedin Madelene Olsson, zuvor in Dänemark verpflichtet, die Spanierin Ampara Aragon, in Valencia Team-Kollegin von Urbanke, die Dänin Maja Sommerlund, die erst im Januar zum Team stieß, nachdem sie sich in Valencia von ihrer rumänischen Trainerin auf das Abstellgleis geschoben sah. Der Kopf der Mannschaft aber ist nach wie vor die inzwischen 35-jährige Bianca Urbanke-Rösicke.WINFRIED MAUSOLF Kopf und Vollstrecker: Bianca Urbanke (l. ) warf neun Tore gegen Leverkusen.