Frankreich: Der Imam reist in den Vatikan

Um in der Moschee in Drancy Religionsfrieden zu predigen, statt an Feindbildern herumzumalen, braucht es eine Menge Courage. Muslimische Einwanderer, die in der unruhigen Pariser Vorstadt gestrandet sind, haben Hassen Chalghoumi schon mehrfach spüren lassen, was sie von ihm und seinem Aufruf zum Brückenschlag zu Juden und Christen halten: nichts nämlich. Als Ungläubigen und Verräter haben die Hitzköpfe den muslimischen Geistlichen geschmäht, seine Wohnung verwüstet, die Reifen seines Autos zerstochen. Auf einer Tunesienreise wurde er als „Judenfreund“ auf offener Straße verprügelt. Doch der 39-Jährige mit der weißen Kappe über der kantigen Stirn bleibt auf Kurs. An diesem Mittwoch wird er gemeinsam mit neun Kollegen den Papst besuchen.

In Zeiten weltweit zunehmender Christenverfolgung will der Imam ein Zeichen setzen. „Es ist nicht der Islam, der die Kalaschnikow erfunden hat, und es steht auch nicht im Koran, dass man Christen ermorden soll“, sagt er. Papst Franziskus weiß das vermutlich bereits. Gleichwohl wird er Hassen Chalghoumi in Ehren im Vatikan empfangen.

„Mit dem Islam verbindet man zurzeit leider, dass in Kenia, Pakistan, Nigeria oder auch Ägypten Christen umgebracht werden“, hat der Imam vor der Abreise gesagt und angekündigt: „Wir werden das Bild eines Islam dagegensetzen, der Andersgläubigen die Hand reicht.“

Chalghoumi stammt aus Tunesien. 1996 kam er nach Frankreich, vier Jahre später ließ er sich auch einbürgern. Dankbar registrierten erst rechtsbürgerliche und dann sozialistische Regierungspolitiker, dass es in der von Armut und sozialen Spannungen gezeichneten Pariser Banlieue einen freundlichen, glattrasierten Imam gibt, der Toleranz predigt. Ob draußen in der Welt islamistische Attentäter morden oder in Frankreich die Integration der Muslime nicht vorankommt: Chalghoumi ist um Aufklärung bemühten Politikern, Soziologen oder Fernsehmoderatoren stets ein hochwillkommener Gast.

Chalghoumi sei auf seine Art genauso fanatisch wie die Dschihadisten, gegen die er antrete, sagen hingegen seine Gegner. Er lasse sich als Vorzeige-Imam herumreichen, sei eine Marionette in der Hand konservativer Katholiken und Zionisten. Dass der Papst dem Religionsfriedensstifter aus Drancy nun auch noch eine Audienz gewährt, passt perfekt in ihr Bild.