PARIS. Frankreich bewegt sich. Als Ende des vergangenen Jahres die französische Autorin Marie Ndiaye mit dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs ausgezeichnet wurde, erfuhren die Franzosen überrascht, dass viele ihrer Landsleute - wie Marie Ndiaye und ihr Mann, der Schriftsteller Jean-Yves Cendrey - lieber in Berlin als in Paris wohnen. Und dass, so Cendrey, "im Prenzlauer Berg Französisch eine Verkehrssprache" geworden sei. Das Paar ist 2007 nach Berlin zurückgekehrt - nachdem ein erster Versuch 1993 an grassierender Ausländerfeindlichkeit gescheitert war und sich Cendrey mit dem Buch "Vergesst Berlin" verabschiedet hatte. Inzwischen ist Berlin "wieder freundlicher geworden".Wie die beiden Autoren kommen viele Franzosen - dauerhaft oder zu Besuch - gern ins Berlin der geografischen und gesellschaftlichen Brachflächen, wo sie sich "intellektuell, materiell und sozial freier" fühlen als im engen und homogenen Paris. Das bestätigt Jean-Louis Georget, Wissenschaftler am Pariser Zentrum für interdisziplinäre Deutschlandstudien und Redaktionsmitglied der renommierten Zeitschrift Allemagne aujourd'hui - Deutschland heute: "Berlin ist sexy, Berlin fasziniert - und macht Deutschland als Ganzes interessanter."Auch Deutschland ist den Franzosen sympathischer geworden. Die vergangenen Monate haben das wohlwollende Interesse noch einmal verstärkt: "Selten wurde so viel und so positiv über Deutschland berichtet wie zum Jahrestag des Mauerfalls am 9. November", lässt die Pariser Botschaft wissen. Auch Kanzlerin Angela Merkel erhält in Frankreichs Presse gute Noten. Die Konsens-Kanzlerin gilt für Kritiker des polarisierenden französischen Präsidenten als "das Gegenmodell zu Sarkozy".Dem breiten französischen Publikum nötigt aber weniger die Kanzlerin als der deutsche Fußball Bewunderung ab. Umfragen zeigen regelmäßig, dass die Deutschen in den Bereichen Sport, Wirtschaft, Klassische Musik und Umweltbewusstsein als führend gelten. Die Vergangen ist zwar negativ besetzt, wird aber differenzierter beurteilt: Auch Filme wie "Operation Walküre" haben dazu gewiss beigetragen.Das positive Deutschlandbild ist ohne Zweifel das Ergebnis der seit dem Elysée-Vertrag im Jahr 1963 betriebenen Verständigung, der europäischen Einigung und eines in Frankreich mit Nicolas Sarkozy vollzogenen Wechsels hin zu einer Generation, die den Zweiten Weltkrieg nicht mehr selbst erlebt hat. "Ein Kanzler wie Schröder oder ein Präsident wie Sarkozy haben gelegentlich versucht, die enge Partnerschaft mit Frankreich durch Beziehungen zu Großbritannien oder zu den USA aufzubrechen. Das ist immer gescheitert", sagt der Wissenschaftler Georget. Dazu komme, dass sich Deutschland und Frankreich unter dem Druck von Globalisierung, Einwanderung oder amerikanischer Positionen auch als Wertegemeinschaft des alten Europa verstünden.So sind die französischen Deutschlandfreunde nicht nur unter den Karajan-, Bosch-Küchen- und Fußballfans, sondern auch im Verfassungsrat zu finden, dem französischen Verfassungsgericht. "Frau Merkel ist allseits sehr geachtet", stellt Verfassungsrichterin Dominique Schnapper fest. "Und Deutschland ist, zwei Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg, eine respektablere Demokratie als Frankreich. Das macht mich etwas melancholisch, ist aber so. Frankreich hat auf dem Gebiet der Demokratie viel erfunden, aber de Gaulle hat ein Regime eingeführt, das von Sarkozy zu einem monokratischen Regierungsstil genützt wird." Dominique Schnappers Erklärung für diese Respektabilität: "Westdeutschland fing damals wieder bei null an, übernahm die Verantwortung für die Verbrechen des Dritten Reiches und vermied es, sich und anderen etwas vorzulügen. Frankreich dagegen behauptete, es habe den Krieg gewonnen und in den Vichy-Jahren sei eigentlich nichts passiert."Das positive Image Deutschlands hat Folgen - nicht zuletzt für Bildung und Kultur: 15,4 Prozent aller französischen Schüler lernen derzeit Deutsch. Damit sei "die Talsohle überschritten", bestätigt die Deutsche Botschaft. Die Popgruppe Tokio Hotel hat dafür wohl mehr getan als alle Goethe-Institute zusammen. An den Universitäten und in der französischen Wissenschaft übernehmen Deutsche selbstverständlich Posten in den verschiedensten Disziplinen und spielen eine wichtige Vermittlerrolle. Für Jean-Louis Georget sind "Deutschland und das Deutsche nicht mehr nur Sache der Germanisten".Verlockende deutsche Kunst"Auch kulturell ist die Zeit des internationalen Understatements vorbei", konstatiert Georget. Als Herausgeber einer Sondernummer der Zeitschrift Allemagne aujourd'hui zum deutschen Kino beobachtete er das von "Good Bye, Lenin!" und "Lola rennt" eingeleitete und von "Das Leben der Anderen" bestätigte Comeback des deutschen Films, der seit Wenders und Fassbinder von den französischen Leinwänden verschwunden war.Das Interesse an zeitgenössischer Kunst aus Deutschland, die auf dem Markt die französische Produktion in den Schatten stellt, ist ein weiterer Hinweis. Theater aus Deutschland - allen voran Inszenierungen der Berliner Schaubühne und der Volksbühne - zieht ein breites Publikum an. "Berlin hat Paris als künstlerisches Zentrum abgelöst", behauptet der Kulturhistoriker, "und Deutschland ist, dank Berlin, keine europäische Provinz mehr."------------------------------"Berlin ist sexy und macht Deutschland als Ganzes interessanter." Jean-Louis Georget, Kulturwissenschaftler