GRAZ, 11. Februar. Franz Fuchs schreit nicht mehr. Er kommt auch nicht mehr in den Gerichtssaal. Fuchs sitzt in seiner Zelle, während im Gebäude nebenan über ihn verhandelt wird. Der Vorsitzende Richter verliest einen Brief der Gefängnisleitung, in dem es heißt, der Angeklagte verhalte sich im Gefängnis "ruhig, angepaßt und höflich".Er hat seinen Willen bekommen. Jetzt schweigt Franz Fuchs. Er habe seine Schreierei gezielt eingesetzt, sagt der psychologische Gutachter Reinhard Koller über Fuchs. "Er hat Angst vor dem Gericht. Er klammert sich an seine Überzeugungen. Je lauter er sie hinausschreit, desto weniger muß er sich dem stellen, was man Gewissen nennt." Am Dienstag morgen um 9.12 Uhr betrat Fuchs zum vorerst letzten Mal den Saal 1 im Grazer Landesgericht. Zwei Sicherheitsbeamte führten ihn die Stufen hinab bis vor das Absperrgitter, hinter dem Fotografen und Kameraleute sich postiert hatten. Sie waren gekommen, um Fuchs beim Schreien abzulichten. Und Fuchs schrie. "Es lebe die Bajuwarische Revolution! Es lebe die deutsch-österreichische Volksgruppe!" Richter Heinz Fuhrmann sprach den Angeklagten an: "Herr Fuchs " Der rief: "Ausländerflut, nein danke!" Fuhrmann bat: "Ich ersuche Sie " Fuchs brüllte: "Minderheitenprivilegien, nein danke!" Dann schloß Fuhrmann den Angeklagten wegen vorsätzlichen Störens von der Verhandlung aus. Der Richter hat inzwischen einen Brief an das Gefängnis geschickt. Darin heißt es: Wenn Fuchs wieder an der Verhandlung teilnehmen wolle, möge sich die Gefängnisleitung unverzüglich beim Gericht melden. Die Gefängnisleitung hat sich nicht gemeldet. So müssen sich der Senat und die Geschworenen ein Bild von Franz Fuchs machen, ohne ihn zu sehen. Sie müssen nach dem urteilen, was die Zeugen erzählen und was aus den Verhörprotokollen vorgetragen wird. "Ein Einzeltäter"Staatsanwalt Johannes Winklhofer sagt, Fuchs habe zwischen 1993 und 1996 insgesamt 24 Briefbomben verschickt, zwei Sprengfallen aufgestellt und eine Rohrbombe deponiert. Er sei ein Einzeltäter. Anwalt Gerald Ruhri will zumindest beweisen, daß es Fuchs niemals alleine geschafft haben kann, Österreich drei Jahre lang zu terrorisieren. Fuchs sei Mitglied der "Bajuwarischen Befreiungsarmee" (BBA) gewesen. So heißt die Gruppe, die sich in mehreren Briefen zu den Anschlägen bekannt hat. Staatsanwalt Winklhofer hält die BBA für ein Hirngespinst. Die Briefbomben gingen an Menschen, in denen der Absender eine Bedrohung der "deutsch-österreichischen Volksgruppe" sah. Prominentestes Opfer war der frühere Wiener Bürgermeister Zilk, dem es beim Öffnen des Umschlags die linke Hand zerfetzte. Auch in Deutschland explodierten zwei Briefbomben, eine davon in den Händen einer Mitarbeiterin der farbigen Fernseh-Moderatorin Arabella Kiesbauer. Bei einem anderen Attentat starben vier Menschen. Es waren vier Roma in dem Ort Oberwart im Burgenland. Sie hatten am 2. Februar 1995 auf der Straße ein Schild entdeckt mit der Aufschrift: "Roma zurück nach Indien". Als einer von ihnen das Schild entfernen wollte, löste er die Zündung einer versteckten Bombe aus. Diesen Anschlag hat Fuchs zugegeben. Den Tod der vier Männer hat er als "unvorhergesehenen Zwischenfall" bezeichnet. Franz Fuchs hat wohl nie damit gerechnet, einmal vor Gericht zu stehen. "Ich bin immer davon ausgegangen, daß ich als Leiche ende", sagte er in einem Verhör. "Es gab drei Möglichkeiten. Erstens durch eine Polizeikugel. Zweitens durch einen Unfall im Einsatz. Drittens durch Selbstmord bei meiner Festnahme." In einem KäfigAm 1. Oktober 1997 ist Fuchs mit seinem Wagen nahe seines Heimatortes Gralla in der südlichen Steiermark unterwegs, als er von zwei Polizisten angehalten wird. Die Beamten wollen seine Papiere kontrollieren. Sie ahnen nicht, wen sie vor sich haben. Fuchs aber ist überzeugt, er sei enttarnt. Er zündet eine Bombe, um sich das Leben zu nehmen. Der Versuch mißlingt. Fuchs sprengt sich beide Hände weg. "Es ist dann noch eine vierte Möglichkeit dazugekommen", heißt es in der Fortsetzung des Protokolls, "insofern, daß ich in einem Käfig lande, so wie es jetzt passiert ist." Ein unvorhergesehener Zwischenfall. Franz Fuchs braucht Klarheit in seinem Leben, sagen die Gutachter. Alles muß eine Ordnung haben. Seine Ordnung. Aber die Wirklichkeit richtet sich nicht danach. Immer wieder muß Fuchs sich Entwicklungen anpassen, die er nicht vorhergesehen hat. Das fällt ihm schwer. In den 70er Jahren gibt Fuchs einer Nachbarstochter in Gralla Nachhilfe in Mathematik. Er verliebt sich in den Teenager, schenkt dem Mädchen Eis, läßt es mit seinem Auto fahren, aber er bedrängt das Mädchen nach dessen eigener Aussage niemals sexuell. Er sagt ihr sogar, daß so eine Beziehung nicht gut wäre. Für ihn ist die Sache damit in Ordnung. Doch die Großmutter, bei der das Mädchen aufwächst, verlangt ein Ende des Unterrichts. Daraufhin verklagt Fuchs die Frau wegen Beleidigung. Sie habe ihn einen "alten Esel" genannt. Er gibt sechs Gutachten in Auftrag. Eines davon soll beweisen, daß er in seinem Zimmer hören kann, was am Gartenzaun gesprochen wird. Fuchs verliert den Prozeß. Er legt Berufung ein. Sie wird abgelehnt. Er legt Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Richter ein, die Begründung umfaßt 30 Seiten. Die Beschwerde wird zurückgewiesen."Franz Fuchs hat oberlehrerhafte, rechthaberische Züge", sagt der Gutachter. Prinzipien sind Fuchs wichtig. Die besonderen Prothesen, die er haben wollte, hat er im Gefängnis nicht bekommen. Die normalen Prothesen, die er bekommen hat, will er nicht tragen. Dann lieber gar keine. "Der Zeuge Kelz, bitte", sagt Richter Fuhrmann. Theodor Kelz kommt über die gleiche Treppe in den Gerichtssaal, über die auch Franz Fuchs am Dienstag gekommen war. Auf dem Weg zu seinem Platz streicht er noch einmal seine dünnen Haare glatt und rafft seinen Anzug zurecht. Dann führt er beide Arme zum Zeugenstuhl. Die Finger seiner Prothesen öffnen sich und umfassen die Lehne. Sie schließen sich wieder, und Kelz kann den Stuhl vom Tisch wegziehen. Inspektor Theodor Kelz, in der Amtssprache "sachverständiges Organ für Sprengstoff", erinnert sich an den 24. August 1994. Kurz nach Mitternacht sitzt er in seinem Polizeirevier in Klagenfurt, als ihn zwei Streifenbeamte zur Dr. Karl Renner-Schule rufen. Hinter einem Stromkasten, etwa 40 Zentimeter von der Hauswand der Schule entfernt, haben die Beamten einen rohrförmigen Gegenstand entdeckt. Sie glauben zuerst, es handele sich um verstecktes Diebesgut. Einer der Beamten holt den Gegenstand aus dem Versteck, untersucht ihn und legt ihn auf dem Stromkasten ab. Der Gegenstand fällt runter. "Als ich ankam, lag dieser Gegenstand noch in der Wiese", erinnert sich der Zeuge Kelz. "Es handelte sich um ein weißes Rohr aus PVC mit jeweils einem verschlossenen Stutzen am Ende."Kelz wickelt das Rohr in eine Decke und legt es in seinem Wagen auf eine Sporttasche. Dann fährt er zusammen mit einem Wachtmeister los, um Inspektor Petritsch abzuholen. Kelz will das Rohr in der Röntgenstraße des Flughafens Klagenfurt durchleuchten lassen, und Petritsch, der auch als Sicherheitsbeamter auf dem Flughafen arbeitet, soll ihm dabei helfen. Auf dem Vorfeld des Flughafens stellt Kelz fest, daß sich einer der Stutzen geöffnet hat. Durch die Öffnung schüttet der Inspektor etwa vier Kilo einer schwarzen, erdig-feuchten Masse aus dem Rohr. Dann trägt er es zur Röntgenstraße. Beim ersten Durchleuchten ist kaum etwas zu erkennen. Kelz will deshalb eine zweite Perspektive versuchen. Er nimmt das Rohr in die Hand, dreht es und legt es wieder auf das Band. Da explodiert die Bombe. "Alles war dunkel""Es hat mich gegen die Wand geschleudert", sagt der Zeuge Kelz. "Alles war dunkel. Ich war Gott sei Dank nicht bewußtlos. Ich konnte dann analysieren, was passiert war. Ich hab halt gedacht, o Gott, jetzt sind meine Hände " Der Zeuge Kelz unterbricht. Er beginnt zu weinen. "Herr Kelz, Sie müssen nicht weitererzählen", sagt Richter Fuhrmann. "Es geht schon", sagt Kelz, "das sind immer nur so Momente." Aber es geht nicht mehr. Theodor Kelz springt auf, läuft auf das Publikum zu. Er sucht seine Frau. Ein Polizist führt ihn aus dem Saal. "Beim Herrn Kelz", sagt der medizinische Sachverständige, "waren beide Hände klaffend aufgerissen, links fast bis zum Ellenbogen. Der Herr Kelz ist heute verstümmelt und verunstaltet", sagt der Sachverständige. Auch der Kollege Petritsch wurde schwer verletzt. In einer seiner Wunden hat man ein Fingergelenk des Inspektors Kelz gefunden.Hätte die Bombe schon gezündet, als sie ins Gras fiel, wären die zwei Polizisten am Fundort tot gewesen, sagt der Sprengstoff-Sachverständige. Wäre die Bombe im Auto explodiert, hätte keiner der drei Insassen überlebt. "Und wenn der Herr Kelz nicht einen Großteil des Sprengstoffs vorher ausgeschüttet hätte, wären alle drei Männer am Flughafen tot gewesen", sagt der Sachverständige. Die Bombe hat mit Verspätung gezündet. Sie war defekt. Richter Fuhrmann verliest aus dem Vernehmungsprotokoll: "Dem Herrn Fuchs wurden die Verletzungen des Herrn Kelz geschildert. Er hat darauf nicht reagiert. Als man ihm die Fotos des verletzten Herrn Kelz zeigte, wandte er sich ab. Später sagte Fuchs, "der Kelz hat sich nicht einmal an die einfachsten Vorschriften gehalten. Wenn er die Bombe nicht zwei Stunden lang malträtiert hätte, wäre das Elend nicht passiert." Ein unvorhergesehener Zwischenfall. Der Staatsanwalt sagt, Fuchs habe die Bombe an der Schule deponiert, weil dort in deutsch und slowenisch unterrichtet wird. Fuchs sagte im Verhör, "man" habe die Bombe dort deponiert. "Man" bedeute, "daß ich es geduldet habe, daß ich dabei war, oder daß ich es selbst gemacht habe". Als Geständnis wollte er das nicht verstanden wissen. Im Haus von Franz Fuchs fanden die Ermittler Zeichnungen von Schaltkreisen und Zündmechanismen, wie sie bei der Klagenfurter Bombe verwendet wurden. Sie fanden Reste derselben Materialien wie in der Bombe. Sie fragten Fuchs, ob er die Bombe gebaut habe. Fuchs antwortete: "Erst wenn ich alles zur Technik gesagt habe, sage ich zur Sache aus." Alles nach seiner Ordnung.Laut Protokoll hat Fuchs mit den Sachverständigen gestritten. Das Gutachten zur Elektronik der Bombe war in seinen Augen "zu stark daneben". Während des Verhörs bat Fuchs um einen Taschenrechner "mit Cosinus-Funktion". Dann rechnete er vor, daß die Aussagen des Gutachtens zum Zündmechanismus nicht stimmen könnten. Wie die Bombe wirklich funktioniert habe, sagt der Sachverständige vor Gericht, habe er tatsächlich erst "in den Diskussionen mit Herrn Fuchs" verstanden. Und er fügt hinzu: "Der Herr Fuchs hatte Kenntnisse über die Rohrbombe, die nur der Erbauer gehabt haben kann."Wenn Franz Fuchs am Ende des Prozesses verurteilt wird, dann hat er selbst geholfen, sich zu überführen. Er hat sich als Täter entlarvt, weil er es nicht ertragen konnte, daß seine "Arbeit" nicht angemessen gewürdigt wurde. Sein Stolz ist noch größer als seine Angst.