MÜNCHEN, im Juli. Stasi-Methoden, mafiöses Verhalten, Erpressung. Das wirft man ihr vor. Und wie immer, wenn der Name Strauß fällt, ist das vielleicht eine Nummer zu groß. Es geht um nicht mehr, aber auch um nicht weniger als Überheblichkeit, Arroganz, Fehleinschätzung der eigenen Macht und, ja auch, Dummheit. Der Vater konnte sich das leisten. Er war eine Persönlichkeit, der man Charakterschwächen nachsah, oft sogar mit einem Unterton der Bewunderung für das gestandene bayerische Mannsbild. Die Kinder konnten eine Zeit lang von dem landesväterlichen Bonus zehren. Aber nun ist der Schatten des Vaters zu einer Belastung geworden, und sie haben selber dazu beigetragen, die Aura und die Autorität des Namens zu verspielen, erst Max und nun auch Monika, geborene Strauß, verheiratete Hohlmeier. Es ist kein Zufall, dass Monika Hohlmeier so kurz nach der Verurteilung ihres Bruders zu einer Gefängnisstrafe wegen Steuerhinterziehung in Schwierigkeiten geraten ist. Es spricht für sie, dass sie zu ihrem Bruder halten wollte; es spricht gegen sie, dass sie sich nicht entschließen konnte, als Vorsitzende des Münchner Bezirksverbandes der CSU gründlich aufzuräumen mit jenem Spezl-Netzwerk, das nicht zuletzt Max Strauß dort hinterlassen hat. Sind die Freunde des Bruders auch ihre Freunde? Ist sie Edmund Stoiber in die Falle gegangen, der sie vor einem Jahr mit dem Auftrag in das Münchner Parteiamt bugsiert hatte, für Ordnung zu sorgen? Die Fragen machen ihr zu schaffen, aber wie sie sich dagegen wehrt, hat ihre Lage erheblich verschlechtert. Den Parteivorsitz musste sie aufgeben, und auch das Amt der bayerischen Kultusministerin scheint ihr nicht mehr sicher zu sein.Der Niedergang des Hauses Strauß ist eine Familiensaga, aber auch ein Stück bayerischen Bauerntheaters. Nicht nur der mächtige Vater und die von ihm protegierten Kinder spielen darin eine Rolle, sondern auch die neidischen und bösen Nachbarn, die der selbstherrlichen Großbauernfamilie Glück und Erfolg nicht gönnen oder eine Rechnung mit ihr offen haben. Das war schon beim Vater so. Der geliebte und bewunderte Alpenkönig war er ja erst am Schluss, als er an der Schwelle des Lebensabends milder und menschlicher erschien und die Jahre des Streits mit Gegnern und Rivalen sowie die großen Affären vergessen waren. Zwar hatte ihm das Landgericht München 1964 einmal bescheinigt, dass ihm der Geruch der Korruption anhafte, aber beweisen konnte es ihm nichts. Und als er 1988 starb, war er der "Titan", der "Machtmensch", "Bayerns Monarch", der wie Konrad Adenauer und Herbert Wehner zum "Urgestein", zur Gründergeneration der Bundesrepublik gehörte. Ohne die zwielichtigen Züge in der Gestalt des Vaters wäre kaum vom Niedergang des Hauses Strauß die Rede. Alles, was nun geschieht, lässt sich in die Vergangenheit zurückverfolgen; auch das Verhalten und die Motive der heute handelnden Personen finden dort eine Erklärung. Franz Josef Strauß kümmerte sich um seine Kinder. Am wenigsten profitierte davon der jüngere Sohn Franz Georg, den es nicht in die Politik, sondern ins Fernsehgewerbe verschlug, wo er sich noch heute durchschlägt, wenig bemerkt von der Öffentlichkeit. Der Lieblingssohn war der Älteste, Max, der dem Vater im Aussehen und im Temperament am ähnlichsten war, wenn er auch nichts von seiner politischen Begabung geerbt hatte. Galt Max nicht als ein vom Vater gehätschelter Kronprinz? Seit seinem 17. Lebensjahr wurde er vom Vater auf offiziellen Reisen und zu Gesprächen mit den Großen mitgenommen. Auch zu einem Staatsbesuch nach Saudi-Arabien, wo es in einem Treffen mit König Fahd schon um die Lieferung der Fuchs-Schützenpanzer ging. Max fühlte sich auch wie ein Kronprinz. Heftig fiel er dem deutschen Botschafter ins Wort, der Bedenken wegen der Bonner Richtlinien für den Waffenexport anmeldete.Wenn es um das Geschäftliche ging, konnte Max sich als Vertreter und Erbe des Vaters fühlen, war der gelernte Anwalt doch nach dem Tod der Mutter 1984 für das Vermögen der Familie zuständig. Der Kontakt zum dem nach Kanada geflüchteten zweifelhaften Geschäftsmann Karlheinz Schreiber, der mit Fuchs-Panzern und Airbus-Flugzeugen handelte, ging noch auf die Vermittlung des Vaters zurück, der als Aufsichtsratsvorsitzender von Airbus den Sohn in das Exportgeschäft eingeführt hatte. Die Existenz als Kronprinz, Lobbyist und gefürchteter Provinzpolitiker, der in München nach dem Vorbild des Vaters rücksichtslos mitmischte, war dem von sich selbst überzeugten Max offensichtlich zu Kopf gestiegen und behinderte seine Eingliederung in ein bürgerliches Leben. Davon waren nicht nur einige seiner alten Bekannten überzeugt, sondern auch die Augsburger Richter, die ihn in einem Indizienprozess wegen Steuerhinterziehung zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilten; und auch die Münchner Richter, die ihm als ehemaligem Rechtsberater der betrügerischen Anlagegesellschaft Wabag wegen Beihilfe zum Betrug eine Geldstrafe von dreihunderttausend Euro auferlegten. Bei der Wabag hätte er gewarnt sein können. Sein Schwager Michael Hohlmeier, Monikas Ehemann, hatte die Firma nach kurzer Tätigkeit als leitender Angestellter verlassen, weil er überzeugt war, "dass irgendwann der Staatsanwalt vorbeischaut".Monika Hohlmeier und Franz Georg verzichteten denn auch darauf, den Wabag-Prozess als politisches Verfahren zu bezeichnen. Das Augsburger Verfahren sehen sie dagegen als eine "unmenschliche Hetzjagd", weil es um ein Mitglied der Familie Strauß ging. In einem Interview mit dem Focus sagte Monika Hohlmeier, sie sei von der Unschuld ihres Bruders überzeugt. Und das Urteil sei "menschlich nicht akzeptabel und in der Sache nicht gerecht".Die Äußerung ist in der CSU, die auf Affären der Strauß-Familie allergisch reagiert, nicht mit Begeisterung aufgenommen worden. Insbesondere Ministerpräsident Edmund Stoiber, der schon vor zehn Jahren einen Schlussstrich unter die Ära Strauß gezogen hat, will damit nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Bei der Zeugenaussage im Prozess gegen Max ließ er seine Sicherheitsbeamten so platzieren, dass er nicht gemeinsam mit dem Angeklagten aufs Bild kommen konnte. Stoibers Verhältnis zu Monika Hohlmeier war zwar nicht herzlich, aber korrekt. Das gilt umgekehrt auch für ihre Empfindungen gegenüber Stoiber. Ihr, der ein starker Familiensinn nachgesagt wird, hat Stoibers abrupter Bruch mit der Ära Strauß angeblich nicht gefallen, aber sie hat sich dazu nie öffentlich geäußert. Dass er sie, die Tochter, stets gefördert hat, erst als Staatssekretärin im Kultusministerium und dann als Ministerin und stellvertretende Parteivorsitzende, ist immer damit erklärt worden, dass er den Strauß-Clan und dessen Anhänger beruhigen und für sich gewinnen wollte. Stoiber-Kritiker verbreiten noch unfreundlichere Vermutungen. Stoiber fürchte, dass die Kinder noch viel über seine Zeit als Vertrauter ihres Vaters wissen und darüber plaudern könnten.Nur die Tochter zu sein, hätte für ihren Aufstieg aber nicht ausgereicht. Nach dem Unfalltod der Mutter, der den Vater tief getroffen hatte, wuchs die junge Frau schnell in eine öffentliche Rolle hinein. An der Seite des Vaters war sie nun die Landesmutter oder First Lady. Für ein weiteres Studium nach der Ausbildung zur Hotelkauffrau blieb keine Zeit mehr. Politisch aktiv wurde sie in der Jungen Union erst nach dem Tod des Vaters, und die Partei nutzte ihren Bekanntheitsgrad dann nur allzu gerne, weil sie sich davon Zuspruch bei den jungen Wählerinnen erhoffte. Die Rechnung ging auf, nicht zuletzt deshalb, weil Monika Hohlmeier beim Thema Schwangerschaftsabbruch auf Distanz zur Parteilinie ging und Verständnis für die Haltung junger Frauen zeigte. Ihre Eigenständigkeit wies sie als Tochter ihres Vaters aus. So kam sie im Jahr 1990 in den Bayerischen Landtag. Im Amt der Kultusministerin schlug sie sich zunächst recht wacker, obwohl Schulpolitik auch in Bayern nicht sehr populär ist. In den Überlegungen für die Zeit nach Stoiber wurde sie auch schon als mögliche Nachfolgerin in der Staatskanzlei gehandelt, eine Überlegung, die ihr selbst offensichtlich nicht völlig fremd war, die aber wieder Neidgefühle in der Partei gegenüber der erfolgreichen Tochter aufkommen ließ. Vielleicht wäre sie diesem Ziel dennoch näher gekommen, wenn sie sich klug aus der Parteipolitik herausgehalten hätte. Als sie vor einem Jahr überraschend - und wie gesagt auf Stoibers Wunsch - den Vorsitz des Münchner Bezirksverbandes der CSU übernahm, gab es schon die ersten skeptischen Kommentare: "Wenn das mal gut geht!" Es ging nicht gut. Die Münchner CSU hat noch keiner zur Räson bringen können. Aus Frust, gegenüber der SPD in der Stadt keine Chance zu haben, zerfleischt sie sich selber. Und Monika Hohlmeier war wohl am wenigsten geeignet, daran etwas zu ändern. Die Vorwürfe des Wahlbetruges in München klärte sie nie auf. Obwohl sie nicht ahnungslos war.Als ihr die Sache endgültig entglitt, als sie von Parteifreunden und Parteifeinden gleichermaßen bedrängt wurde, beging sie einen folgenschweren Fehler. Sie behauptete, dass gegen alle lokalen Parteigrößen etwas vorliege. Einem Funktionär soll sie sogar zugerufen haben: "Deine Frau hat doch auch schon bei Wahlen betrogen." Dabei soll sie auf einen Schnellhefter gepocht haben, der bereits als blaues oder grünes - genau kann sich keiner erinnern - "Dossier" in die Parteigeschichte eingangen ist. München hat seinen Skandal. Monikas politische Gegner aller Coleur überbieten sich in Verurteilungen ihres Verhaltens. Sie weist alle als unwahr zurück. In Bedrängnis geraten, hat sie als Tochter ihres Vater reagiert - grob und aggressiv. Bruder Max hat die Gepflogenheiten einmal einfach formuliert: "Auf Druck reagiere ich nur mit Gegendruck. Schließlich heiße ich Strauß." Bei aller Freundlichkeit ihres Wesens besitzt auch Monika diesen harten Strauß-Kern. Der Fotografin Herlinde Koelbl hat sie einmal verraten, wie man in der Familie Strauß mit Angriffen umgeht: "Nach außen geht man in die Attacke und sagt erstens, was geht euch die Sache an, und zweitens, was behauptet wird, stimmt nicht."------------------------------Alles, was nun geschieht, lässt sich in die Vergangenheit zurückverfolgen; auch das Verhalten und die Motive der heute handelnden Personen finden dort eine Erklärung. ------------------------------Foto: "Auf Druck reagiere ich nur mit Gegendruck. Schließlich heiße ich Strauß." Franz Georg, Franz Josef, Monika und Max Strauß Mitte der Achtzigerjahre.

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