HAMBURG, im November. Eines Tages stand Eminem vor Plasas Tür. Das klingt grandios, wenn man bedenkt, dass Eminem ein Weltstar ist und Franz Plasa ein mittelständischer deutscher Musikproduzent mit drei Angestellten. Aber ehrlich gesagt, es war etwas anders. Eines Tages stand Plasa vor der Tür und wartete auf Eminem. Der Rapper war in Hamburg zu Gast, nach dem Auftritt wollte er in Plasas Studio an neuen Aufnahmen arbeiten. Das ist heute in jedem Winkel der Welt möglich. Alles, was der globalisierte Künstler benötigt, trägt er auf seiner Festplatte bei sich. Nur seine Seele kann er nicht abspeichern. Darum braucht so ein Künstler manchmal ein Studio mit Soul.Franz Plasa betreibt im Hamburger Stadtteil Elmsbüttel nicht etwa das modernste Tonstudio Deutschlands, sondern das altmodischste. Er hat Millionen in analoge Aufnahmetechnik investiert. Bei ihm gibt es neben dem üblichen Computerkram auch Bandmaschinen und ein Mischpult, das mit seinen tausend Knöpfen wie die Schaltwarte eines Atomreaktors aussieht. Viele Leute, die man kennt, sind auf der Suche nach dem speziellen Sound früher oder später bei Franz Plasa gelandet. Die Liste der Künstler reicht von a-ha und BAP über Nena und Depeche Mode bis zu Rammstein, Rosenstolz und Udo Jürgens. Plasa vermietet sein Studio auch. Geschmackliche und geschäftliche Interessen sind dabei nicht immer in Einklang zu bringen. "Mit drei Wochen Maffay kann ich eine Weile meine Schulden zahlen", sagt Plasa.Mit Eminem wäre er vermutlich schuldenfrei gewesen. Nachts um halb eins sei die Straße vor dem Haus komplett abgesperrt worden, sagt Plasa. Limousinen fuhren vor, die Rapper huschten ins Studio, Eminem, 50 Cent und Cypress Hill. "Ich wollte Guten Abend sagen, aber die haben mich nicht mal mit dem Hintern angeguckt. Ich finde das nicht gut." Eminem sei dann bald wieder verschwunden. Die anderen beiden produzierten in Plasas Studio. "Wir hatten auch mal Mariah Carey hier", sagt er. "Die ist zwar strohdoof, aber sie singt wie eine Göttin. Ich kann dir Geschichten erzählen." Später vielleicht. An diesem Tag parkt ein Kastenwagen mit der Aufschrift Keimzeit auf dem Hof des Musikstudios. Es ist das Auto dieser freundlichen Band aus dem Brandenburgischen, die mit Franz Plasa an ihrem neuen Album arbeitet. Heute werden Bass und Drums für einen Titel eingespielt. Das wird Stunden dauern.Franz Plasa ist ein kleiner Mann mit gekämmten blonden Haaren. Er trägt Cargo-Hosen und Sweatshirt, dazu abgelaufene rote Turnschuhe. Er sagt, dass er hypermotorisch sei, aber man sieht es auch so. Während der Session pickt er auf seiner Gitarre, um seine Finger zu beschäftigen. Telefonate beendet er prinzipiell mit "Machen, machen, machen". Er raucht nicht. Wahrscheinlich ist er deshalb so nervös. Überall im Studio herrscht strengstes Rauchverbot. Es ist auch nirgendwo ein Kasten Bier zu sehen. Aber vielleicht sind das Klischees. Bei ihm gibt es Apfelsaft, Milchkaffee und Wasser. Kastenwagen statt Luxuslimousine, man könnte meinen, auf dem Parkplatz materialisiere sich die Krise der Popindustrie. Erst dick, dann dünn, dann tot. So ließe sich die Krankheit des Musikgeschäftes diagnostizieren, aber zumindest in diesem Fall trügt der Schein. Erstens war Plasa der Gruppe Keimzeit schon in fetten Jahren verbunden. Und zweitens sagt er: "Krank war das Geschäft vorher. Jetzt normalisiert sich das allmählich." Produzent Plasa sieht ein neues Interesse an "Albumkünstlern", wie er sie nennt. Er hat sein eigenes Label gegründet, auf dem er Musiker aus Hamburg, Halle und Seattle betreut. "Ich sage denen, wir machen eure Musik, solange es geht. Da wir kaum Geld damit verdienen, müssen wir uns auch nicht verbiegen." Es sieht so aus, als könnte es für ihn tatsächlich noch ein Leben vor dem Tod geben. Aber sicher ist es nicht. Plasa hat in den letzten Jahren vier Fünftel seines Gewinns eingebüßt. Selbst große Firmen vergeben keine großen Budgets mehr. Waren einmal 150 000 Mark für eine Produktion das Minimum, ist er heutemit 40 000 Euro schon gut bedient. Plattenstudios wie dieses sind weltweit vom Aussterben bedroht. Man kann auch im Wohnzimmer ganz passabel produzieren. "Mit den Studios geht eine gewisse Kultur verloren", sagt Franz Plasa, die Pflege eines Sounds. Eine analoge Bandaufnahme, von deren "quasi physischer Qualität" er schwärmt, würde etwa 3 000 Euro zusätzlich kosten. Eigentlich nicht viel. "Die Plattenfirma sagt sich nun, das hört ja doch kein Schwein und spart das Geld." Plasa ist fünfzig geworden, das ist generell ein schwieriges Alter, aber besonders im Pop. Als Sechzehnjähriger hat er Jimi Hendrix live auf der Insel Fehrmarn gesehen, für ihn war das der Schlüssel zur Rockmusik. Heute produziert er Musik für Sechzehnjährige, die nie etwas von Hendrix gehört haben. Vor ein paar Jahren gelang ihm etwas Wunderbares. Als Mentor und Produzent der Teenieband Echt hatte Plasa es geschafft, deutschsprachigen Pop mit Vergangenheit und Zukunft in einem euphorischen Augenblick zu verschmelzen. Der Spiegel hörte "Deutschlands Hoffnung". Und warum ging das alles so schnell vorbei? "Die Mittelmäßigen halten zu lange durch, die Guten werden zu schnell verrückt", sagt Plasa. Am Beispiel Echt lässt sich die Kunst eines Produzenten gut erklären. "Als die hier ankamen", sagt Plasa, "hatten sie Demos, auf denen sie wie BAP klangen, ganz schrecklich, bumm, bummbumm, bumm. Diese Musik ist ja älter als ich, habe ich gesagt. Was hört ihr denn sonst so?" Es stellte sich heraus, dass sie gern HipHop hören. Daraus hat sich etwas Eigenes entwickelt. Ein fähiger Produzent muss Regisseur und Psychologe, Antreiber und Bremser sein. Zuerst aber ist er Klangkonstrukteur. Der Schlagzeuger sitzt im leeren Studio. Sein Instrument ist von zwanzig Mikrofonen umstellt. Plasa wirft seine Füße aufs Mischpult und ruft: "Du spielst Rackatack-Ratack, mach' mal Bumbumgack-Dugack." Es funktioniert.Aus zahllosen Instrumentalaufnahmen, Effekten und Stimmen puzzelt der Produzent einen Song, den die Band, die diesen Song interpretiert, in den besten Fällen noch nie auf diese Weise gehört hat. "Meine Aufgabe ist es, die Möglichkeiten der Künstler zu erkennen und ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen Raum zu schaffen", sagt Plasa. Ein stilprägender Produzent wird immer auch seine eigene Signatur im Sound hinterlassen. Wie es Journalisten gibt, die gern in geschachtelten Sätzen schreiben, gibt es Produzenten, die gern Gitarrenspuren aufeinander schichten. Plasa liebt sein "Rückwärtswurli", ein rückwärts abgespieltes Elektropiano. Auf seinen Sound angesprochen, sagt der Produzent: "Ich drehe gerne schwarz-weiß."Plasa ist eher zwangsläufig zur Musik gekommen. Er wuchs in der Nähe von Lüneburg auf. "Da gab es nur Fußball", sagt er. Mit dreizehn erkrankte er an einer Herzmuskelentzündung, da war es mit dem Sport vorbei. Nun wünschte er sich eine Gitarre. "Ich wusste nicht, dass man sie stimmen muss." Zu Hause hat er Jazz-Platten nachgespielt, "als Kind habe ich nur Jazz gehört", sagt er. Dann kam eine Zeit in der Schulband, dann sechs Semester Psychologie und Philosophie, und nebenbei hat er auf dem Konservatorium die Püfung als Konzertgitarrist abgelegt. 1978 hatte er seinen ersten Studiojob, er spielte die Flamencogitarre in der deutschen Fassung von Santa Esmeraldas "Don't let me be missunderstood". Peinlich, aber gut bezahlt. "Ich habe dann alles Mögliche gemacht, von Gitte Haenning bis Gottlieb Wendehals, ganz schlimme Sachen", sagt Plasa. Doch der Körper wehrte sich. "Ich stand im Studio und konnte nicht mehr spielen. Es war ein kleiner Tod." So wurde er Produzent. Seine erste Single, ein aufgepopptes Hans-Albers-Sample, veröffentlichte er noch unter dem Pseudonym "Der blonde Hans". Fünfzehn Jahre ist das jetzt her.Als Keimzeit bei ihm anfragten, konnte er gar nichts mit denen anfangen. "Grauenhafte Demos. Müslizeugs. Ich war noch nie im Osten, und mich hat das auch nicht interessiert", sagt Plasa. Dann habe er ihre Texte gelesen. "Normalerweise hasse ich deutsche Texte", sagt er, "in den meisten Fällen treiben sie mir die Lust an der Musik aus. Aber die haben mich umgehauen." Die Arbeit mit Keimzeit ist eher ein Projekt. Von ihrer letzten Platte haben sie 13 000 Stück verkauft. Das liegt unter der Gewinnschwelle. Plasa übernahm den Job, weil er die Band mag. "Bei denen ist es völlig egal, ob die Musik radiotauglich ist oder nicht. Es geht darum, die Songs transparent zu machen." Vor dem Mischpult sitzt Hendrik Ostrau. Als Tonmeister ist der Dreiunddreißigjährige so etwas wie der Kameramann des Regisseurs. Der Freiberufler bekommt einen Tagessatz von 75 Euro für zwölf Stunden. Früher waren es 500. Früher, sagt er, hätte er auch mal "die Gitarre von Carlos" im Mischpult unter seinen Fingern gehabt. Das war, als Lauryn Hill in Plasas Studio einen Song für Santanas "Supernatural" gesungen hat. Heute ist Ostrau froh, überhaupt einen Studiojob zu haben. Kollegen sind in die Computerbranche umgestiegen oder verdienen sich bei Konzerten etwas dazu. Deutsche Popmusik, noch dazu mit deutschen Texten, das ist ein Thema, welches zurzeit gern von Unbefugten besprochen wird. "Es ist so furchtbar", sagt Plasa mit seinem hanseatischen Akzent, der naturgemäß ein wenig blasiert klingt. "Diese Diskussion ist genau so verblödet wie die Musik in Deutschland." Das hört sich nach einer Hinrichtung an, wird von Plasa jedoch relativiert, denn er ist ein höflicher Mensch. "Musikkultur hat etwas mit Abgrenzung zu tun", sagt er, "ich muss sagen dürfen, was ich nicht gut finde. Ich finde die Ärzte nicht gut und nicht die Toten Hosen. Die haben ein gutes Image, aber sie sind keine gute Band. Die sind lustig. Das ist ein Problem, alle wollen lustig sein." Das Musikmachen sei hingegen oft freudlos, weil das Niveau der Leute so mittelmäßig sei. "Es gibt bei uns niemanden, der ans Limit geht. Der Dilettantismus ist gepaart mit einem intellektuellen Überbau. Wir spielen schlecht, können es aber gut erklären." Dass er eine Quote für deutschsprachige Musik schwachsinnig findet, versteht sich. Passt ihm irgendwas an deutschem Pop? Abgesehen von den Sachen, die er selber macht. "Im Elektrobereich gibt es interessante Leute", sagt er. "Bei der Elektronik stören mich die deutschen Texte nicht. Da geht das. Auch die Söhne Mannheims finde ich mittlerweile gut." Rechnen wir kurz ab: Wir sind Helden. "Gut, aber eher die Texte, die Musik ist langweilig." 2raumwohnung. "Toller Sound." Element Of Crime. "Da darf nicht gelacht werden, aber ist schon irre." Rosenstolz. Nächste Frage bitte. Tocotronic, Blumfeld. "Ich weiß nicht, was das soll." Silbermond. "Ach jeh."Juli. "Die waren hier, die sind ja auch nett, aber ich konnte nichts mit ihnen anfangen."Heinz-Rudolf Kunze. "Ich bin kein Fan von dem, aber wir haben eine schöne Platte gemacht."Wann war er das letzte Mal ergriffen von einem deutschen Lied? "So blöd das klingt", sagt Plasa, "es war Grönemeyer mit ,Mensch'."Zum Abendessen, Punkt 18 Uhr, versammeln sich alle an einem großen Tisch. Eine Freundin der Band hat Hühnchen in Rosmariensoße gekocht. Die Keulen sind abgezählt, der Chef kriegt die schönste. Bier gibt es immer noch nicht. Mariah Carey übrigens verlangte morgens halb drei nach Popcorn. Franz Plasa holte den Chef eines benachbarten Kinos aus dem Bett. Sie machten Popcorn, aber die Künstlerin spuckte es sofort aus. Das Zeug schmeckte salzig. Sie wollte süßes. Der Produzent war machtlos.------------------------------"Die Mittelmäßigen halten zu lange durch, die Guten werden zu schnell verrückt." Franz Plasa------------------------------Foto: "Machen, machen, machen", sagt Franz Plasa am Telefon. Manchmal spielt er aber auch einfach nur Gitarre.