BERLIN. Was sie wiegt, weiß Franziska Konitz nicht genau: "So 86 Kilo, glaube ich." Sie ist da nicht streng mit sich, obwohl sie ab Donnerstag bei der Judo-Weltmeisterschaft in Tokio antritt. Die Berlinerin Konitz kämpft in der obersten Gewichtsklasse um eine Medaille, die fängt bei 78 Kilo an und kennt nach oben keine Grenze. Konitz hat Gegnerinnen, die wiegen mehr als doppelt so viel wie sie. Sie hat es so gewollt. Sie sagt: "Ich habe mich langsam an die Massen gewöhnt."Vor vier Jahren ist Konitz von den leichteren zu den schwereren Frauen gewechselt. Sie konnte nicht anders, sie hätte sonst ihre Karriere beenden müssen, bevor sie begonnen hatte. Vor jedem Wettkampf brachte sie sechs, sieben, acht Kilo zu viel auf die Waage. Sie erinnert sich: "Ich hatte einfach keine Kraft und keine Motivation mehr, immer wieder so viel abzunehmen." Sie konnte nicht mehr frei entscheiden, was sie aß und trank, sie fühlte sich wie ein Jojo-Effekt in Judo-Klamotten. Sie spürte, dass das so nicht mehr ging. Heute weiß sie, dass ihr Gefühl sie nicht getrogen hat.Andreas Polle, der Geschäftsführer ihres Vereins SV Georg Knorr, sagt, in der Klasse über 78 Kilo habe Konitz nach dem Gewichtsklassenwechsel "den Spaß am Training erst wieder gefunden". Im Wettkampf dagegen erschien ihr die neue Welt zunächst zu mächtig. Sie verlor oft, sie war enttäuscht, sie war es aus ihrer Zeit als Juniorin gewohnt zu gewinnen. Doch mit der Zeit lernte sie, die massigen Gegnerinnen zu beherrschen. "Man muss ja erstmal die Traute haben, gegen so einen Berg von Mensch anzugehen", sagt Bundestrainer Michael Bazynski. Die habe sie jetzt. Sie wisse sich zu helfen: "Sie muss die Dicken in Bewegung bringen. Sobald sie sie in Bewegung hat, kann sie alle werfen." Konitz ist schnell, beweglich und technisch versiert wie kaum eine Konkurrentin auf der Welt. Sie arbeitet rasant mit den Füßen.Konkurrenzlos in der HeimatWie weit ihre Stärke sie bei der WM in Tokio bringt? Im vergangenen Jahr ist sie bei den Welttitelkämpfen in Rotterdam Fünfte geworden. Ob sie dieses Mal eine Medaille schafft, mag sie nicht vorhersagen. Denn erstmals darf jede Nation zwei Athletinnen pro Gewichtsklasse auf die Matte schicken, die dominierende Konkurrenz aus Japan, China und Korea wird dadurch größer, der Kampf um die besten Plätze intensiver.Polle, der Geschäftsführer des SV Georg Knorr, glaubt, Konitz brauche diesen Streit mit den Besten: "Im eigenen Land fehlt ihr die Konkurrenz." Bundestrainer Bazynski sagt, sie sei reifer geworden: "Sie war früher immer ein Riesentalent, von allen geachtet, von allen hofiert." Erst jüngst habe sie gelernt, dass im Sport nicht alles Spaß macht und dass sie auch Kraft und Athletik konsequent trainieren muss. Sie habe akzeptiert, dass sie nach dem Rücktritt von Sandra Köppen die nationale Nummer 1 ist und sich damit nicht begnügen darf. Und sie habe verstanden, dass sie, um Erfolg zu haben, manchmal Kompromisse eingehen muss.Nach ihrem Gewichtsklassenwechsel, sagt Bazynski, hätte Konitz schneller kräftiger werden sollen. Er habe ihr anfängliches Zögern aber verstanden: "Als Frau möchte man auch hübsch aussehen, da sind die Idealbilder nicht immer deckungsgleich mit dem, was im Training passieren muss." Mittlerweile habe Konitz Wunsch und Wirklichkeit in Einklang gebracht: "Sie hat einen Weg gefunden, dass man nicht dick und hässlich sein muss und trotzdem Kraft aufbauen kann."Im April hat sich Konitz bei der Europameisterschaft einen Außenbandanriss im Knie zugezogen, das hat ihr geholfen, sich zu disziplinieren. Sechs Wochen konnte sie nicht kämpfen, nur die schnöden Grundlagen ihres Sports einüben. "Da ist ein Ruck durch sie gegangen", sagt Bazynski. Jetzt muss sie den Ruck nur noch auf ihre Gegnerinnen übertragen. Dann ist alles gut.------------------------------Foto: Rasante Technik: Die Berlinerin Franziska Konitz (l.) hat gelernt, dass im Sport nicht alles Spaß macht. Bei der Weltmeisterschaft in Tokio hätte sie trotzdem gern eine Medaille.