Franziska Tenner befingert in dem Dokfilm "No Exit" junge Ostdeutsche: Interesseloses Missfallen

Den DDR-Tagesreisenden beschlich zuweilen das unangenehme Gefühl, einen Zoo zu besuchen, für 25 Mark Eintritt. Der Zaun ist inzwischen weg und den Eintritt zahlt der Bund, aber nach dem Genuss des jüngsten Dokumentarfilmerzeugnisses über Rechtsextremisten in Frankfurt (Oder) plädieren wir hiermit für die Wiederherstellung des Filmverbots.Die 1972 in Thüringen geborene Autorin und Regisseurin Franziska Tenner, eine "Rechtsextremismusexpertin" (Tagesspiegel), die nicht zwischen rechts und rechtsradikal unterscheiden kann, bringt heute ihr erstes abendfüllendes Werk ins Kino. Sie hat es rätselhafterweise mit dem englischen Titel "No Exit" versehen. Das soll wohl, um bei der Zoometapher zu bleiben, bedeuten, dass dem Leben der drei Porträtierten namens Nico (22), Conny (28) und Bibi (19) von der "Freien Kameradschaft Frankfurt (Oder)" eine käfigähnliche Ausweglosigkeit eignet.Damit macht man nichts falsch. Wenn man vor dem Rechtsradikalismus warnen will, muss man mindestens behaupten, dass er zu nichts führe. Die Situation der drei jungen Leute, die Franziska Tenner ein Jahr lang begleitet hat, spricht aber eine andere Sprache. Ihr Lebenswille und ihr Lebensgestaltungswille darf sich, aller Armut, Arbeitslosigkeit, schmerzhaften Trennungs- und Sehnsuchtserfahrungen zum Trotz, auf objektive Chancen berufen, die es gibt, so lange man vom Leben etwas erwartet. Die Titelwahl "No Exit" erzählt stattdessen nur von haltungsloser Rumfilmerei, die alles, aber auch alles schlachtschiffgrau malen muss, damit es ordentlich betroffen macht.Weil Nico mit nationalromantischem Liedgut im Altersheim auftritt, behauptet das Presseheft beflissen, "No Exit" zeige die "neue Strategie von rechten Parteien", "gesellschaftliche Akzeptanz" über "soziales Engagement" zu erreichen. Das sind große Worte für eine Gruppe junger Leute, die sich zu schluffigen Schulungsrunden zusammenfindet, unkonzentriert eine Kolberg-Videokopie (Veit Harlan!) anschaut und mäßig erfolgreiche Unterschriftenaktionen gegen Kinderschänder veranstaltet. Wenn der Versicherungsvertreter Nico den Verlust des Nationalbewusstseins als historischen Rückschritt definiert, sind seine Freunde intellektuell schon überfordert. Den Skinhead Bibi, der einen älteren Jungen zusammengeschlagen hat, fragt Franziska Tenner, ob er sich mal in sein Opfer versetzt habe. Klar, sagt Bibi, "ick kenn det ja". Connys schlechte Erfahrungen mit ihrem marokkanischen Ex-Mann dürfen ihre politische Neigung weder erklären noch entschuldigen. Ignorieren kann man sie auch nicht. Was nun? Frau Tenner gibt, sehr puristisch, keinen Kommentar.Dass sie auf jegliche Haltung verzichtet, liegt wohl kaum daran, dass das ihr entgegengebrachte Vertrauen "nie ganz vorbehaltlos war", wie sie schreibt. (Das Gegenteil wäre beunruhigend.) Es ist viel schlimmer. "No Exit" tut nur so wie ein Film über rechtsradikale Jugendliche. Tatsächlich ist es ein unfreiwilliges Dokument sozialen Spannertums. Die einfühlende Penetration befingert alles und begreift nichts. Im Zeitalter des Kolonialismus wurden aus Schaulust "lebendige Neger in ihrem Kongo-Dorfe" nach Berlin geholt. Inzwischen ist man fortschrittlicher und bedient sich statt körperlicher Gefangennahme moralisch-psychologischer Bevormundung, getarnt als Mitleid.Die freiwillige Selbstmanipulation erspart dem Pfleger die Mühe, sich eigens mitteilen zu müssen. In allerehrlichster Überheblichkeit verlässt man sich darauf, dass das Objekt der Begierde aus eigenem Antrieb sagt, was man von ihm hören will. Nochmal das Presseheft: ".sie (also die Jugendlichen) wussten, dass uns (die Filmemacher) bestimmte Fragen beschäftigen, und (sie) versuchten diese dann selbst zu thematisieren.""Finger weg!" wäre auch eine Antwort.No Exit // Buch und Regie: Franziska Tenner Kamera: Peter Przybyl Dramaturgie: Olaf Winkler O-Ton: Michael Bartylak, Hendrik Lühdorf u. a.Produktion: Oliver Niemeier Premiere Sonnabend um 21. 30 Uhr im Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Straße 30, in Anwesenheit der Regisseurin und des ganzen Filmteams. Ab 26. Februar läuft der Film in der Brotfabrik und in den Hackeschen Höfen.Foto: Jeden Sonnabend politische Schulung: Nico (l. ) und Bibi von der "Freien Kameradschaft Frankfurt (Oder)".