Scratch Neukölln ist das neue Projekt von Constanza Macras über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, über Diskriminierung und Anpassungswünsche, über Träume und die kleinen Versuche, dem Alltag zu entrinnen. Es folgt ein Gespräch mit Constanza Macras.Im Augenblick arbeitest du an einer neuen Produktion namens "Scratch Neukölln", die du mit Tänzern aus deiner Kompanie Dorky Park und Kindern aus Neukölln vorbereitest. Wie bist du auf diese Idee gekommen?Meine Arbeit mit den Kindern hat bei der "Rollenden Road Show" in Neukölln begonnen. Während einer Aufführung wurde ich spontan gefragt, ob ich nicht mit den Kindern, die dort herumliefen, tanzen könnte. Also habe ich Ihnen die Choreografie aus der Road Show beigebracht, in der wir nach Musik von Britney Spears MTV-Clips und Bollywood-Filme kopiert haben. Die Arbeit mit den Kindern hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mir vorgenommen habe, einmal die Woche nach Neukölln zu kommen, um mit ihnen zu tanzen. Die Zürich Grundschule, auf die die meisten der Kinder gehen, hat mir für zwei Wochen einen Unterrichtsraum zum Proben zur Verfügung gestellt. Dann hat mir das Hebbel am Ufer vorgeschlagen, ein Stück mit den Kids zu erarbeiten. Also habe ich angefangen, darüber nachzudenken, ob es eine Möglichkeit gibt, die "alten" Tänzer aus der Kompanie, die Kinder und diesen besonderen Ort - Neukölln - miteinander zu verbinden. Das Stück handelt davon, ganz von vorn zu beginnen: "to start from scratch". Die Menschen im Stück entfliehen - unter ganz verschiedenen Umständen - aus ihrem alten Leben und ziehen nach Neukölln.Viele der Kinder kommen aus Immigrantenfamilien; nimmst du darauf in deiner Inszenierung Bezug?Diese Kinder müssen um ihren Platz im Leben kämpfen, und das kann man sehen. Sie sprechen nicht oft über ihre Familiensituation und sie reflektieren auch ihr eigenes Leben nur sehr selten. Es ist oft so, dass ihr Leben durch das, was sie sagen, zum Ausdruck kommt. Sie sind die Generation, die eine doppelte Identität - als Ausländer und als Deutsche - hat: sie sind im Libanon oder Serbien geboren und müssen nun hier als Fremde in einem anderen Land eine Identität finden. Sie fühlen sich zugleich integriert und unterscheiden sich dennoch. Ihre Muttersprache ist ihnen heilig, weil sie ihre Identität aufrecht erhält und sie beschützt. Gleichzeitig sprechen sie aber auch mit einem Neuköllner Akzent und sind stolz auf ihren Bezirk, weil sie dort ihre gewohnte Umgebung und Freunde haben. Im Zusammenhang mit den arabischen Kindern hat mich besonders beeindruckt, dass sie eher daran interessiert sind, Französisch zu lernen als Englisch, da sie sich viel mehr mit der Hip-Hop Community in Frankreich identifizieren als mit der amerikanischen. Natürlich kennen alle MTV, aber für sie ist es viel cooler, Französisch zu lernen, weil für sie die französischen Hip-Hopper wie Brüder sind.TRAUMA DESERT STORMBerlin, 9. Juli 2006, Olympiastadion. "Sie haben mir das Bundesverdienstkreuz für meinen Einsatz in Afghanistan gegeben", sagt Markus Steinhausen, bevor er das Feuer eröffnet auf die Zuschauer des Finales der Fußballweltmeisterschaft. Das ist Fiktion. Wir wissen nicht, ob ein Soldat Steinhausen in Afghanistan Dienst tut und was er da tut, wenn er was tut. Wir wissen von John Allen Mohammed. Der Mann kam hochdekoriert und traumatisiert aus "Desert Storm" zurück. Jahre später wurde er als Washington Sniper bekannt. Wir wissen von Rigoberto Nieves, William Wright und Brandon Floyd, drei Angehörigen der US Special Forces, die vom Einsatz in Afghanistan nach Fort Bragg zurückkehrten. Nieves erschoss seine Frau zwei Tage nach der Rückkehr, Wright erwürgte seine Frau binnen weniger Wochen, Floyd erschoss erst seine Frau und dann sich."Coming Home" von Hans-Werner Kroesinger ist ein Stück über Soldaten, die aus dem Krieg heimkommen. Sie haben überlebt, waren Bestandteil einer Befehlskette und sind danach mit ihren Erfahrungen und Erinnerungen alleine. Einige von ihnen sind, motiviert von Bildern aus Hollywoodfilmen, in den Krieg gezogen, konfrontiert mit Kampfeinsätzen, die diesen Bildern nicht entsprachen, oder aber dem ausdrücklichen Befehl, im Rahmen eines UN-Einsatzes nicht in das Kampfgeschehen einzugreifen. "Wir haben die gefundenen Zivilisten bei der Rückkehr dann abgehängt, ihre Angehörigen haben sie begraben."Tanz im Hebbel am Ufer // VA Wölfl/Neuer Tanz: "Winged Nightmare Left Wing" (4. bis 6. Dezember, 19. 30 Uhr, HAU 1) Constanza Macras: "Scratch Neukölln" (12. bis 14. & 17. bis 21. Dezember, 19. 30 Uhr. Am 17. Dezember auch um 11 Uhr, HAU 1) Tino Seghal: "ohne Titel (1997 - 2003)" (26. bis 30. Dezember, 19. 30 Uhr, HAU 1) Heine Rosdal Avdal & Christoph De Boeck: "Terminal" (11. bis 13. Dezember, 20 Uhr, HAU 2) Marten Spangberg: "Extra Clear Power" (Lecture Performance, 14. Dezember, 20 Uhr, HAU 2) mit Göran Hermerén.Coming Home Regie: Hans Werner Kroesinger, 11. bis 14. & 17. bis 20. Dezember, HAU 3.Kartentelefon: (030) 25 90 04-27 www. hebbel-am-ufer. de: THOMAS AURIN Proben zu "Scratch Neukölln" von Constanza Macras. Premiere ist am 12. Dezember.VALERIE VON STILLFRIED Gewalt auf Dauer gestellt: "Coming Home".