Solch ein Grundstück dürfte es eigentlich gar nicht geben: 150 Meter lang, oft schmaler als 40 Meter, auf drei Seiten umgeben von bis zu 35 Meter hohen Brandwänden aus Beton. Seit 1860 gehört Frankreich die Parzelle Pariser Platz Nr. 5. Die Botschafterresidenz dort war bis in die Nazizeit ein gesellschaftlicher Mittelpunkt Berlins. Nach der Zerstörung im Krieg wurden die Ruinen in den späten 50er-Jahren abgetragen. Nur einige Skulpturen wie zwei zerschossene Jagdhunde aus Bronze überlebten. Sie stehen heute im östlichen der beiden großen Innenhöfe des von Christian de Portzamparc entworfenen Neubaues. Schon seit Monaten sorgt dessen Fassade zum Pariser Platz für Aufregung. Hart sei sie, unhistorisch, das Gebäude ein Fremdling. Selbst Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der doch die Regeln entworfen hat, nach denen hier gebaut wurde, hält sich mit der Verteidigung zurück. Dabei müssten die Traditionalisten jubeln. Denn wie sonst kein Architekt am Pariser Platz hat Portzamparc die Noblesse der zerstörten Adelspalais des 18. Jahrhunderts in seinem Entwurf beschworen, hat im Gegensatz zu den kommerziellen Bauten die klassische Dreiteilung: kräftiger Sockel - hohe Beletage - dunkles Dach beibehalten, die auch das alte Palais de France auszeichnete. Zweifellos ist der Sockel mit seiner monumentalen Bandrustika aus hellgelbem Beton sehr verschlossen; allein schmale Lichtschlitze - die "Schießscharten" -, das schattige Hauptportal, das weiße Garagentor und zwei schwarz gestrichene Techniktore brechen seine Masse auf. Rustika erinnern an Festungsmauern, sie sind in der klassischen Lehre ein Zeichen der Macht gewesen. Fenster waren in solcherart verzierten Wänden oft gar nicht vorgesehen. Ein architektonisches Motiv also, das die Macht Frankreichs signalisiert. Allerdings bricht Portzamparc diese Demonstration auch wieder auf: Die schwarzen Techniktore sind Rahmung, in die Ecken der Fassade eingeschnitten. Dadurch scheint sie hier geradezu abzusacken, ein fast unheimlicher Aspekt. Solches Spiel mit den Traditionsformeln prägt auch die Fassade des Obergeschosses: Durch große Fenster wirkt die Beletage mit den Repräsentationssälen der Botschaft nach außen. Allerdings wird dies klassische Motiv modernisiert durch die zwei Geschosse zusammenspannende Höhe der Fassadenausschnitte, ihre leicht asymmetrische Komposition und die flach angeschrägten, breitweißen Laibungen. Eigentlich besteht die neue französische Botschaft aus sieben Gebäuden, die sich um zwei Höfe lagern. Jeder Arbeitsraum hat frische Luft und direktes Licht. Der östliche Hof ist mit Stein ausgelegt wie traditionell die Wirtschaftshöfe der Palais. Hierher sind die meisten Büros, ein kleines Versammlungsgebäude und die Visaabteilung orientiert. Deren zur Wilhelmstraße gewandte Fassade ist übrigens fast die einzige Enttäuschung des sonst so ideenreichen Entwurfes: Trotz der mit großem Aufwand versetzten Kalksteinplatten wirkt sie mit ihrem flachen, schattenlosen Relief und den breiten Fensterbändern wie ein eternitverkleidetes Bürogebäude der sechziger Jahre. Der westliche Hof mit Rasen, Bäumen und Büschen ist umgeben von Repräsentationsräumen und Speisesälen. Das alles ist leicht und heiter komponiert. Im Zentrum der Botschaft steht ein kleiner Turm für die mit hellem Holz ausgeschlagenen Sitzungssäle. Ihre geschwungenen Möbel wurden wie die der ganzen Botschaft von Elisabeth Portzamparc, der Frau des Architekten, entworfen. Um die Räume tiefer, die Fassaden heller wirken zu lassen sowie innen und außen enger zu verbinden, sind die Fenster mit spiegelndem Edelstahl eingefasst. Diese Illusion von Tiefe ist das eigentliche architektonische Thema der Bortschaft. Portzamparc komponierte die Treppenhäuser, Flure, Galerien, Säle, Kabinette und schließlich die Büros so, dass immer neue Blickwinkel entstehen. Nur von der Botschafterwohnung öffnet sich eine herrscherliche Gesamtperspektive auf die Anlage. Besucher jedoch, die vom großen, hellen Pariser Platz in das Haus eintreten, gelangen erst einmal in eine schmale Quergalerie, die ihr dramatisches Licht nur aus den "Schießscharten" erhält. Über einige schräg versetzte Stufen gelangt man zum Treppenhaus, fast fällt die Decke auf den Kopf. Dann weitet sich der Raum zu den überraschend niedrigen Repräsentationssälen im Obergeschoss; hier wäre mehr Raumluxus angebracht gewesen. Der Blick fällt in den Palaisgarten, wird durch große Gitter abgelenkt, wandert die Rustikawand des Nordflügels hinaus bis zu einer Terrasse, auf der Birken wachsen. Bis ins letzte Detail hat Portzamparc die Licht- und Raumlust ausgekostet: Vor der hoch ragenden Nordwand wurden zwei sich überschneidende Rankgitter für Efeu angelegt. So entstehen Schattenspiele und der Raum wird optisch in die Tiefe erweitert. Die ursprünglich als Fußgängerpassage geplante Grande Galerie quer durch die Botschaft musste nach dem 11. September 2001 leider gesperrt werden. Sie verbindet den Pariser Platz mit der Wilhelmstraße und nimmt eine historische Gasse auf, von der einst der Garten und die Pferdeställe erreicht werden konnten. Nun lockt hier eine lichte Halle mit Betonwänden, deren glatte Oberfläche durch rau gefräste Bänder hinreißend belebt wurde. Von hier aus kann man in die Höfe sehen, den Kino- und Theatersaal, das Kulturbüro oder die Caféteria erreichen. Es ist stark zu hoffen, dass die Botschaft bald Tage der offenen Tür veranstaltet. Dann wird deutlich werden, dass Portzamparc ein Palais des 18. Jahrhunderts unter den technischen und politisch-diplomatischen Bedingungen des späten 20. Jahrhunderts baute.MARTIN FRAUDREAU Die Fassade lässt einen Monolith vermuten - dahinter liegt ein Quartier.