RUGOVA, im April. Nach dreistündigem Kampf gegen die serbische Armee kehren die Kämpfer der UCK in ihr Lager zurück. Es ist Mitternacht. Ein Soldat heizt den Ofen, ein anderer holt einen Krug Wasser vom nahegelegenen Fluß Rugovska. Alle tragen sie neue, saubere Uniformen mit dem Zeichen der Kosovo-Befreiungsarmee UCK: ein schwarzer Adler mit zwei Köpfen auf rotem Untergrund. Jeder hat eine Kalaschnikow. "Die Nato hat die von den Serben benutzten Straßen bombardiert. Seit drei, vier Tagen versuchen die Serben, sich einen Weg zu uns zu bahnen. Sie sind jetzt etwa fünf Kilometer von dem Dorf entfernt, in dem sich unser Hauptquartier befindet", berichtet der UCK-Kommandant Florin Kulaj. Der 35jährige befehligt 820 Männer der Brigade 136 der UCK in der Region von Rugova. Vor dem Krieg hat er als Fahrer in Konstanz am Bodensee gearbeitet. Seine ersten militärischen Erfahrungen hat er 1998 bei den Kämpfen im Drenica-Tal gesammelt."Wir haben keine Angst"Es ist Mitternacht, und die albanischen Kämpfer lauschen in ihren Gebirgsstellungen dem Lärm der Nato-Flugzeuge, die das Land überfliegen. "Wir haben keine Angst vor den Serben. Wir können uns jederzeit in die Berge zurückziehen. Da trauen sich die Serben nicht hin", sagt einer der Kämpfer. Die 13 Dörfer des Kantons Rugova sind in den Bergen versteckt. Die Dorfbewohner sind geblieben. Viele Menschen aus der Stadt Pec, die im Westen des Kosovo liegt und in der vergangenen Woche von der serbischen Armee geräumt wurde, haben sich hierher geflüchtet. "1 000 Personen sind hergekommen, davon 250 Kämpfer, die sich uns angeschlossen haben", berichtet der Kommandant Kulaj. "In Pec sind jetzt nur noch ein oder zwei Prozent der Albaner, die vor der Räumung der Serben dort lebten."Kulaj zufolge hätten die Serben die ethnischen Säuberungen auch betrieben, wenn die Nato keine Luftangriffe geflogen hätte. "Das Hauptziel der Serben ist es, den Kosovo leerzuräumen. Wir haben die internationale Gemeinschaft immer wieder gewarnt. Aber niemand hat uns zugehört", sagt Kulaj. "Die Welt hätte nie zulassen dürfen, daß die Serben so starke Kräfte im Kosovo zusammenziehen." Der Kommandant denkt, daß die ethnischen Säuberungen nur durch Waffenlieferungen an die UCK hätten verhindert werden können. "Man kann einen Panzer nicht mit einer Kalaschnikow zerstören", sagt er.Die Kämpfer der UCK in Rugova stehen hinter den Operationen der Nato in Jugoslawien. "Die Bombardements helfen uns zwar wegen der serbischen Offensive im Moment überhaupt nicht", sagt der Kommandant. "Langfristig werden uns die Angriffe aber helfen, weil die serbische Armee sehr geschwächt sein wird." Kulaj ist dermaßen begeistert über die Luftschläge, daß er ohne Zögern über die Zusammenarbeit seiner Organisation mit der Nato berichtet: "Die UCK gibt Informationen über die feindlichen Ziele an die Nato. Ich habe am Dienstag Informationen über eine Brücke und eine von den Serben benutzte Straße durchgegeben. Am Mittwoch morgen wurde die Brücke bombardiert und zerstört."Trotzdem hoffen Kulaj und seine Männer, daß sie möglichst bald schwere Waffen bekommen, damit sie auch selbst gegen die Armee von Slobodan Milosevic kämpfen können. Der Kommandant sagt auch, daß es gar nicht nötig sei, Nato-Bodentruppen in den Kosovo zu schikken. "Es reicht völlig aus, die serbischen Panzer und die Artillerie zu zerstören. Dann können wir selbst gegen die Serben kämpfen." Die jugoslawische Armee hatte Florin Kulaj zufolge vor dem Beginn der Luftschläge 180 bis 190 Panzer im Kosovo. "Die Nato hat bisher 10 bis 15 davon zerstört, und die UCK hat 5 Panzer vernichtet", erklärt er.Es ist Mitternacht. Die Kämpfer sind völlig erschöpft. Florin Kulaj hat über sein Walkie-Talkie gerade die letzten Nachrichten über die Kämpfe mit den Serben erhalten, die nur fünf Kilometer entfernt stattfinden. Dann wird es ruhig im Hauptquartier der UCK in Rugova.Gute VerbindungenIm Gegensatz zu Informationen aus westlichen Militärkreisen scheinen die Kämpfer keinesfalls von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Die UCK-Soldaten erklären, daß sie mit den anderen Hauptquartieren überall im Kosovo verbunden seien. Kulaj zufolge kontrolliert die UCK "immer noch 45 bis 50 Prozent des Kosovo. Vor einer Woche waren es noch 60 Prozent." Dieser Geländeverlust wird allerdings nicht als tragisch empfunden. Schließlich sei die Offensive der Serben massiv und die militärische Ausrüstung sehr ungleich. "Es ist wahr, daß die UCK von den Serben umzingelt ist. Aber das macht uns keine Sorgen. Wir kommunizieren untereinander und haben immer die Möglichkeit, über die Grenze ins Ausland zu fliehen." Neben seinen Basen und Ausbildungslagern im Norden von Albanien hat die UCK auch Kontakte mit den Flüchtlingen in Mazedonien und Montenegro.Aus einem dieser Länder kommend konnten sich französische Journalisten bei ihrer Fahrt in den Kosovo von der gut organisierten Nachschubversorgung überzeugen. Nahrungsmittel, Medikamente und vielleicht auch Waffen werden durch das Gebirge geschmuggelt. Die serbische Armee kann hier nichts machen. Von der UCK angeworbene Bauern ziehen trotz der eisigen Temperaturen in Konvois mit Pferden und Eseln über die Gebirgspässe. An einigen Stellen liegt der Schnee noch drei Meter hoch. Die Sorge der Schlepper besteht darin, daß nach der Schneeschmelze die Serben in das Gebirge kommen und die Wege sperren könnten.Bei unserer Ankunft im Kosovo gab es an der Grenze weder serbische Soldaten noch Polizisten. Am Kontrollpunkt verkündet eine Tafel stolz: "Sie betreten das von der Kosovo-Befreiungsarmee kontrollierte Gebiet." Den UCK-Leuten ist die Misere anzusehen. Die Kämpfer sind schlecht bewaffnet. Die Lastwagen haben kein Benzin mehr. In langen Reihen laufen die Soldaten mit Nahrungsmitteln und Decken bepackt von der Grenze nach Rugova. Manche schaffen sogar zwei Touren am Tag, wenn der Zielort nicht zu weit von der Grenze entfernt liegt. Eines der Hauptprobleme der UCK ist Kulaj zufolge, daß durch die ethnischen Säuberungen die Unterstützung seiner Männer durch die Bevölkerung verlorengegangen ist. Die Städte und Dörfer sind verwaist. Hier können die Kämpfer nicht mehr wie früher darauf bauen, eine Scheibe Brot oder ein Lager für die Nacht zu bekommen.Copyright: Le Monde