Frau vom Meer auf dem Schiff

Diese Frau scheint mindestens ein Dutzend Gesichter zu haben. Wenn Susie van der Meer lacht, dann ist das nicht nur eine lachende Susie. Das Gesicht der 30 Jahre alten Musikerin mit den dunklen Augen und der markanten Nase sieht dann wie das einer anderen Frau aus. Es gibt auch eine 14-jährige Susie, die mit leuchtenden Augen erzählt, wie sie mit dem Fahrrad durch New York fuhr. Eine andere Susie lümmelt in ihrer Kreuzberger Wohngemeinschaft müde auf dem Sofa. Eine dritte Susie grinst so hintergründig sexy in die Kameralinse, dass einem beim Zusehen die Knie ein bisschen weich werden. Wieder eine andere Susie singt glockenhell ein Kinderlied über die Körperpflege wasserscheuer Racker.Ein ebenso verblüffendes Spektrum an Gesichtern, an Stilen und Stimmungen entdecken Zuhörer auf der neuen CD, die Susie van der Meer morgen auf einem Schiff vorstellt. Ein teuflisches Gesicht ist nicht dabei. Das Album heißt zwar "Luciferin", aber Gedanken an eine weibliche Leibhaftige gehen ins Leere. Gemeint ist die chemische Substanz Luciferin, die Tiefseebewohner wie die Qualle auf dem CD-Cover zum Leuchten bringt."Aus sich selbst heraus leuchten zu können - das ist doch erstaunlich", erzählt Susie in ihrer Wohnung und sieht aus wie ein Kind, das gerade begeistert in einem Was-ist-was-Buch geblättert hat. Der Titel passt, denn manchmal klingt Susies Björk-artige Stimme tatsächlich wie Unterwassergesang, getragen von einem Bassteppich, mit schimmernden elektronischen Einsprengseln. Dunkel und doch leuchtend. "Es wäre schön, wenn man den Eindruck bekommt, dass einen der erste Song der CD mit runterzieht", sagt die Sängerin. Wer mittaucht, stößt in der Tiefe auch auf deftigere Bässe, rockige Gitarren und sogar einen Bläsersatz.Es ist sechs Jahre her, dass die gebürtige Friesin, die den Mädchennamen ihrer Mutter trägt, ihr Debüt "Static Warp Bubble" veröffentlichte. Ihr damaliger Freund, Musik-Produzent Moses Schneider, hörte sie auf der Gitarre spielen und prophezeite: "Du wirst jetzt Popstar." Schneider klapperte mit einer Kassette und einem Foto von Susie verschiedene Plattenfirmen ab - in der Hoffnung, eine werde sich melden. "Alle haben angerufen", erzählt Susie, die sich für Polydor entschied.Einflüsterung von der SeiteDie 24-Jährige war tatsächlich auf einmal Popstar. Dafür konnte sie sich nicht wehren, als der Regisseur sie beim Videodreh mit einer absurden Frisur durch einen Zauberwald springen ließ. Bei der Arbeit am zweiten Album versuchte die Plattenfirma sie unterschwellig in die Schublade "Junge Frau mit Gitarre" zu stecken. "Die Leute fragten mich von der Seite, was ich denn so von Alanis Morissette halte." 1998 endete die Zusammenarbeit. Susie van der Meer arbeitete mit den Produzenten Moses Schneider und Ben Lauber an Stücken und tourte mit den beiden als Band. Sie nahm Soundtracks zu Filmen wie Tom Tykwers "Lola rennt" oder Dani Levys "Meschugge" auf, sammelte Songs. "Luciferin", das zum Großteil in zwei New-Yorker Studios aufgenommen wurde, ist eine Zusammenfassung dieser Zeit.Mittlerweile tritt Susie van der Meer auch nicht mehr mit Schneider und Lauber als Band auf, sondern alleine. Nur Susie und ihr gewaltiger Ghettoblaster, mit dem sie auch zu Hause ihre Stücke probt. "Da komme ich auch leichter mit meiner Stimme durch, früher musste ich gegen das Schlagzeug anbrüllen." Leer wird es aber nicht auf der Bühne werden. Susie van der Meer hat eine Menge verschiedener Susies in ihrem musikalischen Seesack dabei. Und alle leuchten.Susie van der Meer stellt ihre CD am Freitag auf dem Schiff Hoppetosse vor. Ab 22 Uhr, Eichenstraße 4, Treptow.BLZ/LAUTENSCHLÄGER S. van der Meer, Sängerin