LONDON, im April. Angela Cannings, Schuhverkäuferin aus dem englischen Salisbury, war achtzehn Monate lang eine inhaftierte Kindsmörderin. Sie soll ihre beiden Söhne umgebracht haben. Mit 28 Jahren habe sie den sieben Wochen alten Jason erstickt. Mit 36 habe sie Matthew getötet. Er war knapp drei Monate alt. Als Angela Cannings schließlich vor Gericht stand, war sie um Jahre gealtert, durch die rötlichen Haare leuchteten weiße Strähnen. Sie beteuerte ihre Unschuld. Doch es nützte nichts. Alles schien klar. Lebenslänglich lautete das Urteil. "Weg mit der Baby-Killerin" schrieben die Zeitungen.Seit einigen Wochen ist Angela Cannings nun wieder frei, sie lebt in ihrem Haus in Salisbury mit ihrem Mann, einer Tochter und einem Stiefsohn. Sie wurde aus dem Gefängnis entlassen, weil in ihrem Fall die Zweifel immer größer geworden waren. Als sie frei kam, wurde sie vom Fernsehen gefilmt, sie wirkte erschöpft, hielt sich an ihrem Mann fest. Interviews, ließ sie ausrichten, würde sie erst mal nicht geben.Angela Cannings Schicksal ist kein Einzelfall, sondern Teil eines Skandals, der seit Monaten die Briten bewegt. Es ist eine Geschichte über die Macht von Halbwahrheiten - und die Grenzen der Justiz. 258 Mütter und Väter könnten in den letzten Jahren zu Unrecht wegen Kindsmordes verurteilt worden sein. 54 von ihnen sitzen noch immer im Gefängnis, manche vielleicht unschuldig. All diese Fälle werden jetzt überprüft.Meadows TheorieWas ist der Unterschied zwischen einer Kindsmörderin und der Tragödie einer Mutter, die zwei ihrer Kinder verlor? Den Unterschied machte im Falle Cannings ein einziger Mann, der pensionierte Kinderarzt Sir Roy Meadow, 70, der ehemalige Vorsitzende der britischen Kinderarztvereinigung, der als Experte aussagte. In Hunderten von Fällen, in denen Frauen wegen mehrfachen Kindstodes vor Gericht standen, erstellte Meadow Gutachten. Die meisten der Urteile, die nun neu verhandelt werden sollen, beriefen sich auf seine Thesen.Ohne mit Angela Cannings oder ihrem Mann gesprochen zu haben, diagnostizierte Meadow, dass die Frau schuldig sei. Er sagte nicht viel, lediglich, dass drei Kindstode in einer Familie sehr, sehr selten seien. Angela Cannings hatte bereits in ganz jungen Jahren ein Mädchen verloren. Meadows folgte seiner eigenen Theorie, die er bereits in Dutzenden ähnlichen Fällen formuliert hatte: "Ein Kindstod in der Familie ist eine Tragödie, zwei Kindstode sind verdächtig, drei sind Mord."Richter folgten dem Wort des Arztes. Warum sollte man dem Fachmann auch nicht glauben. Seit den siebziger Jahren hatte sich Meadow als Wissenschaftler mit dem Phänomen des plötzlichen Kindstodes befasst. In einem Artikel für ein Fachjournal schrieb er über ein krankhaftes Verhaltensmuster von Frauen, das im schlimmsten Fall zum Tod des Kindes führen kann. Er nannte es "Munchhausen-Syndrome by proxy", auf deutsch etwa: erweitertes Münchhausen-Syndrom. Es sei, schrieb Meadow, eine seltene Krankheit, in deren Verlauf die Mütter Krankheitssymptome bei ihren Kinder vortäuschen oder sie absichtlich krank machen, um Aufmerksamkeit auf sich selbst zu ziehen. Sie gäben ihren Kindern gefährliche Medikamente, brächen ihnen Knochen oder täuschten Erstickungsanfälle vor. Obwohl die Diagnose umstritten ist, wurde bei unzähligen Frauen in Großbritannien das erweiterte Münchhausen-Syndrom registriert. In einigen Fällen haben die Frauen gestanden, ihre Kinder gequält zu haben, in anderen Fällen nicht. Der Observer berichtet von einer 36 Jahre alten Frau, die ihrem ersten Sohn angeblich absichtlich falsche Medikamente gegeben hat. Er starb. Ihr zweites Kind wurde nach der Geburt zur Zwangsadoption freigegeben. Inzwischen hat die Frau ein Verfahren gewonnen, in dem sich herausstellte, dass ihr erster Sohn an einem Herzfehler litt.Zweifel an der Kompetenz von Sir Roy Meadow wuchsen bereits im vergangenen Jahr. Er sagte im Verfahren gegen die Londoner Anwältin Sally Clark aus. Sie war angeklagt, ihre beide Söhne getötet zu haben und beteuerte ihre Unschuld. Für Meadow war der Fall klar: Die Chance, dass zwei Kinder aus wohlhabendem Elternhaus einfach so sterben, sei eins zu 73 Millionen. Bei dieser locker vorgetragenen These wurde das britische Statistikamt, die Royal Statistical Society, hellhörig. Die Aussage sei ohne jede Basis, extrem irreführend und falsch, schrieben die Statistiker in einem Brief an den höchsten britischen Richter. Sally Clark wurde freigesprochen. Die höchste Familienrichterin, Dame Elizabeth Butler Sloss, begann sich mit den Fällen von Meadow genauer zu befassen. Schließlich wurde eine Untersuchung gegen den Arzt eingeleitet.Dass seine Expertisen so schwer wogen, hat auch damit zu tun, dass man immer noch relativ wenig über die Ursachen des plötzlichen Kindstodes weiß. "Meistens hat ein plötzlicher Kindstod natürliche Ursachen", sagt etwa der Kinderarzt Richard Wilson, der auf derartige Fälle spezialisiert ist. Wenn aber in einer Familie, wie bei den Cannings, drei Kinder sterben, stehen Jugendbehörden und Gerichte unter enormem Druck. Doch besonders in Familienverfahren sind die Richter häufig mangels objektiver Beweise auf die Einschätzung von Experten von außen angewiesen.In jüngeren Studien wurde nun erwähnt, dass ein genetischer Defekt den plötzlichen Kindstod hervorrufen könne - das würde erklären, warum manche Familien über Generationen mehrere Kinder verlieren. Wie im Fall der Angela Cannings. Auch ihre Großmutter und Urgroßmutter hatten Babys unter ungeklärten Umständen verloren.------------------------------Foto: Angela Cannings wurde wegen Mordes an ihren beiden Söhnen verurteilt. Nun kam sie wieder frei.