Der vergangene Sonnabend hätte der Beginn des Aufstands der saudischen Frauen werden können. Doch in letzter Minute bliesen die Aktivistinnen ihren Aktionstag ab. Trotzdem setzten sich in mehreren Städten des Landes Frauen hinter das Lenkrad und protestierten damit gegen das vom islamischen Klerus hochgehaltene Fahrverbot für Frauen.

Die Behörden hatten für Verstöße gegen das Fahrverbot ein hartes Durchgreifen angekündigt. Nach Angaben der Zeitung Al-Madina vom Sonntag wurden 14 Autofahrerinnen festgenommen. Die Frauen wurden in Riad, Dschidda, Mekka und in der Ost-Provinz hinter dem Steuer eines Wagens ertappt. Welche Strafe ihnen droht, war nicht klar. Alles in allem blieb es jedoch im ganzen Land eher ruhig.

Aufruf im Internet

Der „Tag des Fahrens“ in Saudi-Arabien war für die Frauen im Land trotz dessen Absage ein Erfolg – gerade weil es nicht zum großen Knall gekommen ist. Schon in den Wochen zuvor hat es viele positive Reaktionen auf das Anliegen der Frauen gegeben. Begonnen hatte die Bewegung mit einem Video vor sechs Wochen, als die saudische Studentin Loujaim Al-Hathoul einen Aufruf ins Internet stellte. „Am 26. Oktober ist der große Tag, an dem wir alle uns hinters Steuer setzen“, hieß es darin. Daraufhin stiegen Dutzende Frauen ins Auto und zeigten Videos von sich im Internet.

Bei diesen Aktionen ging es nicht darum, dass die Aktivistinnen den offiziellen „Tag des Fahrens“ nicht abwarten konnten. Eher testeten sie die Stimmung im Land. Und sie konnten sich bestätigt fühlen. Viele männliche Verkehrsteilnehmer reagierten freundlich und ermutigten sie sogar. Die Polizei hielt sich während dieser Tage weitgehend zurück. „Eine Ablehnung der Gesellschaft kann nicht mehr als Grund für die Aufrechterhaltung des Verbots herangezogen werden“, so Eman al-Nafjan, eine bekannte saudische Aktivistin und Bloggerin. Al-Nafjan wurde einmal kurz festgenommen, kam aber schnell wieder frei. Viele der Aktivistinnen deuteten Reaktionen dieser Art als Zeichen, dass die saudische Gesellschaft sich in den vergangenen Jahren geöffnet hat. 1990 und 2011 ging die Polizei mit großer Härte gegen Fahrerinnen vor.

„Unsere Gesellschaft hat sich stark verändert. Schauen Sie mich an: Meine Mutter hat mich bekommen, als sie 13 Jahre alt war. Sie konnte weder lesen noch schreiben. Ich bin Medizinprofessorin und Abgeordnete“, so Salwa al Hazza. Sie ist eine von 30 Frauen, die König Abdullah im vergangenen Januar in den Schura-Rat berufen hat, der die Regierung berät. Sie hält den behutsamen Reformkurs des Königs für den richtigen Weg. Behutsam, und ohne die Religiösen zu verärgern.

Reformen auf leisen Sohlen

Nachdem die ersten Frauen gefahren und die Videos mit den beifallklatschenden Männern am Straßenrand gepostet waren, begannen die Aktivistinnen bereits zu jubilieren. Sie sahen das Ende des Autofahrverbotes in greifbarer Nähe. Es folgte jedoch der erste Rückschlag: Der Antrag mehrerer Vertreterinnen im Schura-Rat, über das Autofahrverbot zu debattieren, wurde abgelehnt. Die konservativen Religiösen mobilisierten gegen die Frauen.

Die Sicherheitsbehörden warnten, man werde mit aller Härte gegen alle vorgehen, die den öffentlichen Frieden störten. Daraufhin sagten die Aktivistinnen den Protesttag ab. Sie umgingen damit das direkte Kräftemessen und forderten die Regierung also nicht heraus. Auch vermieden sie, dass der König sich gegen die Aufhebung des Verbots aussprach. Das hätte es für weitere Jahre verankert. So bleibt den Frauen der Weg zu weiteren Aktionen offen. Reformen kommen in Saudi Arabien auf leisen Sohlen.