Freizügigkeit: Statt der Armen wandern die Ärzte ab

Ansturm? Sog? Nicht einmal ein Hauch weht in diesen Tagen durch die Herkunftsländer der Armutsflüchtlinge, Bulgarien und Rumänien. Die deutsche Debatte über Freizügigkeit hat nirgends Niederschlag gefunden: Bis zum 7. Januar liegt die Politik in den beiden orthodox-religiös geprägten Ländern im Winterschlaf. Erst nach dem Fest des Heiligen Johannes beginnt der politische Betrieb wieder. Aber auch die, um die es geht, rühren sich nicht. Flugzeuge, Busse und Züge nach Norden waren vor und nach Neujahr nicht voller als sonst.

Kein Wunder: Am 1. Januar haben zwar auch Deutschland, Großbritannien und Österreich als letzte EU-Ländern für Bulgarien und Rumänien die Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeführt. Doch für die Arbeitssuchenden aus diesen beiden Ländern hat das wenig Bedeutung. Wer einen gefragten Beruf hat, wer etwa Krankenschwester oder Arzt ist, konnte schon bisher in Deutschland oder Großbritannien arbeiten. Agenturen übernehmen die Bürokratie und organisieren Sprachkurse – weshalb ein großer Teil der Absolventen der medizinischen Fakultäten nach Deutschland oder England auswandern. Limitierender Faktor sind zum Beispiel für Ärzte nicht die Freizügigkeitsregeln, sondern der Verzug, mit dem Rumänien ihnen die Approbation erteilt.

Eine Verzögerung mit Absicht: Ohne internationale Zulassung müssen junge Ärzte wenigstens noch ein Jahr lang in Rumänien arbeiten. Das Land hat schon jetzt die niedrigste Ärztedichte in Europa. Der sogenannte Braindrain nach Nordwesten stellt das Gesundheitswesen vor ernste Probleme.

Ohnehin keine Chance

Rumänien, nach Polen das zweitgrößte Beitrittsland der EU-Osterweiterung, hat in den letzten zehn Jahren zwölf Prozent seiner Bevölkerung verloren, die meisten durch Auswanderung. Hauptziele waren Italien, Spanien, Frankreich und Portugal – Länder, in denen romanische Sprachen gesprochen werden. Aus Bulgarien ging ein größerer Anteil der Auswanderer nach Deutschland: Gute deutschsprachige Gymnasien in vielen bulgarischen Städten bilden seit Generationen junge Leute aus, die später mit guten Berufen außer Landes gehen.

Neben Ärzten und Krankenpflegepersonal sind in den letzten Jahren verstärkt auch Baufacharbeiter weg gegangen. In den Boom-Jahren vor dem EU-Beitritt 2007 erlebten vor allem die westrumänischen Städte Cluj und Timisoara eine Hausse der Baubranche, die mit Krisenbeginn 2008 abrupt zum Stillstand kam. Seit auch in Südeuropa die Baustellen stillstehen, sind viele zurückgekehrt in ihre Heimat. Unter diesen Fachkräften, die schon Auslandserfahrung haben, dürften nach Einschätzung des Arbeitsamts in Cluj etliche ihr Glück in Deutschland versuchen. Merken wird man das aber frühestens im Frühling.

Keine Bedeutung hat der 1. Januar 2014 für die Armen aus den Elendsvierteln in Bukarest, Plowdiw oder Sofia, deren Zuwanderung manche deutsche Städte vor Probleme stellen. Die allermeisten von ihnen haben auf dem deutschen Arbeitsmarkt ohnehin keine Chance und wissen das auch: Jüngere haben so gut wie nie eine Berufsausbildung, viele können nicht lesen und schreiben. Die Älteren, die noch besser ausgebildet waren, sind auf dem Markt ohnehin nicht gefragt.

Schwarze Gelegenheitsjobs auf dem Arbeiterstrich, Schrott sammeln, ein wenig Handel, Betteln, Prostitution, manchmal kleine Diebereien: Familien aus Elendsvierteln setzen sich ihre Existenz puzzleartig zusammen. Um eine Arbeitserlaubnis wird nicht gefragt.

Von einer „Einwanderung in das Sozialsystem“ kann selbst bei den Armutszuwanderern keine Rede sein. Auch ohne Transferleistungen stehen Rumänen und Bulgaren aus Elendsvierteln sich in Deutschland besser: Wer durch Betteln 30 Euro am Tag einnimmt, hat das Doppelte des Durchschnittslohns in Bulgarien – den aber von den Roma aus den Armutsquartieren ohnehin niemand bekommt. Enthält man ihnen in Deutschland Sozialleistungen vor, so bauen sie sich Hütten am Bahndamm oder in einer Industriebrache, wie in Frankreich und Italien. Oder sie ziehen, wie zum Beispiel in Duisburg und Dortmund, in Abbruchhäuser ein.