ELSTAL. Das Haus mit der Nummer 104 ist ein eingeschossiges Gebäude. Es ist das Haus, in dem der Sprinter und Weitspringer Jesse Owens vor 70 Jahren während der Olympischen Sommerspiele in Berlin lebte - zusammen mit sieben weiteren US-amerikanischen Sportlern. Das Haus trägt heute den Namen des vierfachen Goldmedaillengewinners und damit erfolgreichsten Olympioniken von 1936. "Hier ist auch das Zimmer von Owens zu sehen", sagt Fremdenführerin Gisela Lange. Es ist ein kleiner Raum mit zwei Betten, zwei Stühlen, einem Schreibtisch und zwei Schränken. Für damalige Verhältnisse geradezu luxuriös, sagt Gisela Lange. "Hier gab es Zentralheizung, Doppelfenster und eine eigene Küche", erzählt sie.Haus Nummer 104 ist eines von einst 140 einstöckigen Gebäuden, die die Wehrmacht zu den Olympischen Sommerspielen 1936 in Elstal errichten ließ. Dazu kamen fünf zweigeschossige Unterkünfte, Platz für insgesamt 4 000 Sportler. "Männliche Sportler, wohlgemerkt, denn Frauen durften nicht ins Dorf", sagt Gisela Lange. Bei weitem nicht alle Gebäude stehen heute noch.Gisela Lange ist 52 Jahre alt, von Beruf Sportlehrerin und eine von 15 Fremdenführern, die seit Sonnabend Besucher beim Rundgang durch das Olympische Dorf in Elstal, einem Ortsteil von Dallgow-Döberitz (Havelland), begleiten. Tägliche Führungen sind in der Geschichte des Dorfes ein Novum. Erst die neue Eigentümerin des 55 Hektar großen Geländes, die Stiftung für gesellschaftliches Engagement der Deutschen Kreditbank (DKB-Stiftung), hat sie ermöglicht. "Wir wollen das denkmalgeschützte Gelände erhalten und es vor allem vielen Besuchern zugänglich machen", sagt Barbara Eisenhuth von der DKB-Stiftung. Dafür habe die Stiftung im vorigen Jahr 250 000 Euro in das Olympische Dorf gesteckt, in diesem Jahr werden es 150 000 Euro allein für den Erhalt der Gebäude und der Grünflächen sein. Nicht viel Geld für die Häuser, die alle sanierungsbedürftig sind.Doch in diesem Jahr soll auch Neues entstehen und Altes saniert werden: die so genannte Bastion etwa, die einstige Saftbar für die Olympioniken. Oder der Empfangspavillon mit einer Ausstellung zum Olympiadorf, das Dach des Jesse-Owens-Hauses und die verglaste Front der Sporthalle. "Wir überlegen auch, ob wir den verlandeten See wieder zum Vorschein bringen mit der Sauna am Ufer", sagt Barbara Eisenhuth.Prachtstück des Olympischen Dorfes, das nach dem Zweiten Weltkrieg von der sowjetischen und später GUS-Armee genutzt und so zum verbotenen Dorf für die Elstaler wurde, ist das ellipsenförmig gebaute Speisehaus der Nationen. "40 Speisesäle gab es hier. Jeder Saal hatte einen eigenen Küchenbereich", erzählt Fremdenführerin Gisela Lange. Das dreigeschossige Gebäude hat eine Terrasse. Von der oberen Etage waren früher bei guter Sicht die Türme des Olympiastadions zu sehen. Heute allerdings versperrt der "Mont Klamott von Elstal" den weiten Blick nach Berlin.Gisela Lange erzählt, dass Alkohol im Olympischen Dorf verboten war. Doch es gab auch Ausnahmen. Die Italiener und Franzosen etwa durften zum Essen Wein trinken, den Belgiern und Holländern war das Bier vorbehalten.Auch das Hindenburg-Haus gehört zur Besichtigungstour. Im August 1936 fanden hier Kulturveranstaltungen statt, oder es wurden deutsche Propagandafilme gezeigt. Es gab auch einen Fernsehraum. Dort wurden - sensationell für die damalige Zeit - Wettkämpfe live übertragen. In der unteren Etage trainierten Fechter und Ringer. Bis zum Abzug der GUS-Truppen 1992 diente das Gebäude als "Haus der Offiziere". Den großen Kultursaal im Obergeschoss ziert noch heute eine übergroße Lenin-Darstellung an der Wand. Gleich nebenan war das Traditionskabinett der Sowjets untergebracht. Die Farbe bröckelt inzwischen von den Wänden, doch die gemalten Sowjetsoldaten sind noch heute zu erkennen.Nicht zu besichtigen ist hingegen unter anderen die Schwimmhalle mit ihrem 25-Meter-Becken. Das Gebäude, das einst auch eine Sauna und einen Friseur beherbergte und über sich automatisch hebende Fenster verfügte, ist nach einem Brand vor mehr als zehn Jahren baupolizeilich gesperrt worden. Ursache des Feuers war Brandstiftung. "Die Sowjets haben hier auf dem Gelände nicht viel instand gehalten. Und nach ihrem Abzug ist dann noch mehr durch Vandalismus kaputt gegangen", sagt Barbara Eisenhuth von der DKB-Stiftung.------------------------------Nur für MännerOlympia 1936. An den Olympischen Spielen im August 1936 in Berlin nahmen über 4 000 Athleten aus mehr als 50 Nationen teil.Unterkunft. Fast alle männlichen Teilnehmer wohnten im Olympischen Dorf in Elstal. Die etwa 150 Gebäude sowie Trainingsstätten wurden in nicht einmal zwei Jahren errichtet.Anmeldungen zu Führungen unter 030 / 201 551 31 oder im Internet unter www.olympisches-dorf.de------------------------------Foto: Eine Glasfront ziert die Sporthalle im Olympischen Dorf. Die einzigartigen Bauwerke stehen unter Denkmalschutz.