Peitsche Osten Liebe" - schon der Titel zeigt, dass André Greiner-Pol kein nettes Erinnerungsbuch eines altersweisen Rockmusikers vorlegen will. Die Initialen ergeben "Pol" - mit Peitsche, Osten und Liebe hatte der Gründer der Band Freygang seinen Namen in einer Symbolschrift buchstabiert. Wer mit dem Titel bizarre Bilder aus der Abteilung "Liebe Sünde" oder "Peep" assoziiert, liegt aber auch nicht ganz falsch. André Greiner-Pol war das Enfant terrible der späten DDR-Rockszene, er war ein sehr ungezogenes Kind. Seine Band Freygang verdiente sich den Ruf "legendär", weil jedes Konzert ein Abenteuer war. In den Achtzigerjahren war Freygang länger verboten als zugelassen. Immer wieder fielen Auftritte in letzter Sekunde aus, immer wieder tauchten Pol und Band unter fremden Namen auf der Bühne auf. Verboten wurde die Band nicht wegen ihrer direkten Texte, sondern wegen ihres für DDR-Verhältnisse unzüchtigen Auftretens. Wenn Freygang in Brandenburgischen Dorfsälen spielte, wurde der Ort von Hunderten Fans in Besitz genommen, der Alkohol floss, die Hüllen fielen. Die Ordnungswächter hatten eine andere Vorstellung vom "frohen Jugendleben". So wurden Eskapaden von Pol, mal ein sexistischer Spruch, mal ein Tritt gegen ein Auto, zum Anlass genommen, seine Band zu verbieten - 1986 "auf Lebenszeit". "Peitsche Osten Liebe" (Verlag Schwarzkopf und Schwarzkopf) könnte auf treue Fans auch wie ein Peitschenhieb wirken: Ausgerechnet der Sänger, der so oft in Konflikt mit den "staatlichen Organen" lag, hat dreieinhalb Jahre lang der Stasi Auskünfte gegeben. Der Herausgeber Michael Rauhut, der in der Gauck-Behörde auf 478 Seiten Akten von IM "Benjamin Karo" stieß und ihn zur Offenlegung drängte, stellt klar, dass der Musiker weder ein Überzeugungstäter noch ein machtgeiler Denunziant war. Pol wurde 1977 vor die Alternative gestellt, entweder wegen "Beihilfe zur Republikflucht" angeklagt zu werden oder Informationen aus der Szene zu liefern. Er hatte gerade Freygang gegründet, sechs Wochen im Rummelsburger Knast gesessen und wollte seine Band nicht gleich wieder aufgeben. So unterschrieb er, plauderte über Unverfängliches, widerstand aber auch nicht der Versuchung, einen Nebenbuhler anzuschwärzen. Bald galt er als unzuverlässig, schwänzte Treffen und ließ schließlich 1981 die Stasi-Leute in seiner Stammkneipe auffliegen.Obwohl er seine Stasi-Vergangenheit nachvollziehbar gemacht hat, sieht er der Buchveröffentlichung und den Diskussionen mit Bangen entgegen, fürchtet, alle würden sich auf diese Episode konzentrieren, die für ihn schon längst "kalter Kaffee" ist. "Aber eigentlich fühle ich mich immer befreit", sagt er. "Wer mich mag, wird mich verstehen, wer mich schon immer hasste, wird sich die Hände reiben." Er glaubt nicht, dass ein früheres Geständnis hilfreich gewesen wäre. 1992 hatten sich zwei Mitglieder der Punkband mit dem doppelsinnigen Namen "Die Firma" geoutet. Sie mussten danach ihre Band auflösen. "Das sollte mit Freygang nicht passieren. Nachdem wir endlich wieder spielen konnten, wollte ich die Band unter allen Umständen zusammenhalten."Glaubt man Pol, so hat sich die Stasi zum Schluss ohnehin nur noch für eins interessiert - für seine Sexstorys. "Die waren ganz still, wenn ich über Gruppensex philosophiert habe", schreibt er im Buch. In seinen mitunter drastischen Anekdoten führt er vor, dass das Motto "Sex & Drugs & Rock n Roll" auch in der DDR gelebt wurde. Er sagt: "Selbst Bands wie die Rolling Stones haben zugegeben, dass sie eigentlich wegen der Mädchen Musik gemacht haben. Ich hab nur aufgeschrieben, was für mich natürlich ist. Sogar meiner Mutter haben die Schilderungen gefallen." Wobei Sex für ihn auch eine ästhetische Kategorie ist. Wenn er andere Bands bewertet, kommt er oft zu Einschätzungen wie "nicht schlecht, aber irgendwie asexuell", "gute Musiker, aber nicht freakig genug". Sex schien bisher beim Thema Rock aus Ostdeutschland keine größere Rolle zu spielen. Pol vermittelt in Skizzen und Anekdoten einen kurzweiligen Einblick in den Alltag einer DDR-Independentband. Der Leser erfährt nicht nur, wie wichtig Achsschenkelbolzen beim Wolga M 21 waren, sondern auch wie frei und materiell unbeschwert die Bohemiens trotz der Verbote in der DDR leben konnten. Pol macht auch deutlich, dass Ostrocker keineswegs eine so traute Familie sind, wie es heute gern den Anschein hat, er berichtet vom Kampf um Reviere und Technik, natürlich auch um Frauen.Nach der Wende hatten es Pol und Freygang schwer, ihr Rebellentum zu beweisen. Zunächst waren die Musiker noch bei Besetzungen von Häusern wie dem "Eimer" und dem "Tacheles" beteiligt, Pol trat mit Gleichgesinnten zu den Kommunalwahlen an. Aber als sie 1990 auf einem Laster spielten, dabei die Straße an der Oberbaumbrücke sperrten und einen kilometerlangen Stau verursachten, kam zu Pols Entsetzen nicht mal die Polizei vorbei. Der sexuelle Freibeuter, Jahrgang 52, ist dann zahmer geworden. Dass er mit seiner Freundin eine achtjährige Tochter hat, erfährt man trotzdem nur nebenbei. Ein altes Image will gepflegt sein.EINE OSTBAND Freygang // André Greiner-Pol wurde 1952 geboren, sein Vater war Chef des Erich-Weinert-Ensembles der NVA, seine Mutter ging als Tänzerin in den Westen 1977 gründete sich Freygang, 1981 erfolgte das erste Spielverbot Buchpremiere von "Peitschen Osten Liebe. Das Freygang-Buch" am 22. Mai im Kaffee Burger, Torstraße. Mit Gästen.OSTKREUZ/HARALD HAUSWALD André Greiner-Pol, Gründer von Freygang, 1989 in seiner Wohnung.