Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an die Kämpfer für die Rechte von Kindern und Jugendlichen, Malala Yousafzai und Kailash Satyarthi. Dies teilte das norwegische Nobel-Komitee in Oslo am Freitag mit. Damit werde ihr Eintreten gegen die Unterdrückung von jungen Menschen und für deren Recht auf Bildung gewürdigt. Kinder müssten die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen, und müssten vor Ausbeutung geschützt werden, erklärte das Nobel-Komitee.

Kailash Satyarthi fürchtet bei seinem Kampf gegen Kinderarbeit weder wunde Füße noch mächtige Gegner. Im Jahr 1998 organisierte der Inder einen 80000 Kilometer langen Sternmarsch durch Asien, Afrika, Amerika, Australien und Europa, um die Welt wachzurütteln. „Wir wollen bis zur Jahrtausendwende die Welt frei von Kinderarbeit machen“, sagte der heute 60-Jährige damals. Das gelang ihm bislang nicht, heute schuften nach Angaben der Internationalen Arbeiterorganisation noch 168 Millionen Kinder. Nun wurde er für seinen langen Atem aber mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Den Anschlag überlebt

Satyarthi kämpft seit Anfang der 90er-Jahre für die Kinderrechte. Er besuchte heruntergekommene Fabriken, um Kindersklaven zu befreien und ihnen Schulbesuch statt gesundheitsschädigender Arbeit zu ermöglichen. „Kailash Satyarthi stand damals einer Vereinigung von rund 100 Gruppen vor, die Kinderarbeit bekämpften“, erinnerte sich am Freitag der Deutsche Dietrich Kebschull von der Stiftung „Indo German Export Promotion“ (IGEP). Kebschull baute Anfang der 90er-Jahre mit Satyarthi die Organisation „Rugmark“ zur Verhinderung von Kinderarbeit in der Teppichindustrie auf.

Den Friedensnobelpreis teilt sich der 60-jährige Familienvater aus Delhi mit einer jungen Frau, die seit dem 9. Oktober 2012 als Anklägerin gegen die barbarischen Taten der radikalislamischen Talibanmilizen aufsehen erregt. Damals hatten zwei Killer der Gruppe versucht, die gerade 15-jährige Malala Yousafzai zu ermorden – 100 Meter von der Schule entfernt, die das Mädchen besuchte. Ein Schuss traf sie über dem linken Auge und verletzte im Hirn das Sprach- und das Bewegungszentrum für den rechten Arm. Die junge Frau überlebte, weil sie in ein Spezialkrankenhaus in der britischen Stadt Birmingham gebracht wurde. Selbst der damalige Armeechef Ashfaq Pervez Kayani schaltete sich ein, um ihr Leben zu retten.

Malala hatte sich den Zorn der fanatischen Extremisten zugezogen, weil sie öffentlich für das Recht auf Erziehung eingetreten war, das die Milizen den Frauen verweigern. Mit Hilfe ihres Vaters, dem Leiter einer Schule in Malalas Heimatstadt Mingora, war sie in den Jahren zuvor heimlich und anonym als Bloggerin beim britischen Rundfunk- und Fernsehsender BBC tätig. Sie berichtete über den grauenvollen Alltag unter den Talibanmilizen, die das Tal 2007 besetzt hatten.

Unmenschliche Verhältnisse

Rund ein Drittel der Bevölkerung im 170 Millionen Einwohner zählenden Pakistan und auch in Indien mit seinen knapp 1,3 Milliarden Einwohnern sind Kinder unter 14 Jahren. Im Jahr 2005 gab es in der Region 26 Millionen Kinder, die nicht zur Schule gehen konnten. 38 Prozent leiden an chronischer Unterernährung, zwei Millionen sterben, bevor sie fünf Jahre alt werden.

Die heute 17-jährige Malala ist nicht nur ein Beispiel für den Mut, mit dem junge Frauen sich in der konservativen pakistanischen Gesellschaft gegen die Mischung aus Aberglauben und religiösen Fanatismus wehren. Mädchen wie Malala träumen von der Flucht aus traditionellen Verhältnissen, dafür brauchen sie Bildung. Malala kämpft für dieses Recht und zieht damit nicht nur den Hass der Taliban auf sich. In ihre Heimat kann sie nicht zurückkehren. Das Risiko ist zu groß.

Kailash Satyarthi muss nicht die Vergeltung der Taliban fürchten. Aber gern gesehen ist der Mann, der sich auf seiner eigenen Webseite „Sucher der Wahrheit“ bezeichnet, bei den Teppichherstellern nicht. „Er hat sich immer als Mahner gesehen und nie mit Vorwürfen an die Adresse der Arbeitgeber gezögert“, erinnert sich Dietrich Kebschull an die gemeinsame Arbeit Anfang der 90er-Jahre bei der Gründung von „Rugmark“. In der Organisation, die bis heute als Vorbild für ähnliche Versuche in anderen Industrien ist, arbeiten heute Teppichhersteller, Exporteure und Menschenrechtsgruppen zusammen, um Kinderarbeit zu verhindern. 80000 Kinder, so heißt es in manchen Veröffentlichungen, hat der Mann mit dem sympathischen Lächeln befreit.

Das Wort Befreiung trifft es genau. Denn viele Kinder, die in ganz Asien unter teilweise menschenunwürdigen Verhältnissen schuften müssen, sind halb Sklaven, halb Zwangsarbeiter. Sie müssen an Webstühlen Teppiche knüpfen, in Ziegeleien und Steinbrüchen Steine schleppen oder in dunklen Werkstätten Kleider fertigen. Das Haus, in dem er in der Hauptstadt Delhi mit seiner Ehefrau, der Tochter, seinem Sohn und seiner Schwiegertochter lebt, teilt der Friedensnobelpreisträger sich mit Kindern, die er aus der Zwangs- und Sklavenarbeit befreit hat.