ATHEN, 19. August. Regine Eichhorn und Friederike Janofske haben die Auftritte Franziska van Almsicks in Athen beinahe fassungslos verfolgt. Im Interview äußern sich Eichhorn, die Managerin der Weltrekordlerin, und die Psychologin Janofske, die van Almsick seit drei Jahren betreut, über die möglichen Gründe der Schwächen van Almsicks und des gesamten deutschen Schwimmer-Teams.Frau Eichhorn, Frau Janofske, wie ist das Befinden?Regine Eichhorn: Tja, ich freue mich, dass es wenigstens in der Staffel zu einer Bronzemedaille gereicht hat.Das nennt man Galgenhumor.Eichhorn: Nein, nein. Am Ende zählt für mich für Franziska nur, dass sie den Mut hatte, nach der Europameisterschaft 2002 überhaupt weiterzumachen. Es war immer klar: Wenn es funktioniert, wäre es ein großes Geschenk. Hätte sie es nicht versucht, würde sie sich ewig ärgern. Sie hat sich nichts vorzuwerfen. Sie hat ihr Leben perfektioniert, sie war in einer wahnsinnigen Konsequenz diszipliniert. Sie sucht jetzt den Sinn in den Vorgängen von Athen. Sie fragt sich, wofür es gut war, was es ihr für die Zukunft geben kann. Das bewundere ich sehr.Friederike Janofske: Wenn man auf etwas hinarbeitet wie die Olympischen Spiele, ist es ganz wichtig, die schlimmste Katastrophe vorwegzunehmen. Man muss vorher alle Ressourcen sammeln, um so eine Katastrophe zu bewältigen, weil sonst die Angst vor dem Versagen übermächtig wäre.Hat Franziska van Almsick eine Katastrophe erlebt?Janofske: Schon aus den Vorläufen rauszufliegen, wäre eine Katastrophe gewesen. Nur, ausgerechnet an die Möglichkeit, ins Finale zu kommen und mit so einer Zeit Fünfte zu werden, haben wir nicht gedacht. Doch egal, jetzt geht es darum, nach vorn zu gucken, Türen aufzumachen und schlummernde Talente zu entdecken. Es geht weiter.Rein sportlich betrachtet aber kann Franziska nicht mehr nach vorn schauen.Janofske: Aber vielleicht können andere daraus lernen. Gestern habe ich mit ihrem Trainer Norbert Warnatzsch gesprochen. Er war immer sehr offen für meine Methode. Er wird seinem Verband vorschlagen, dass künftig alle Schwimmer Mentaltraining machen, dass sie lernen, ihre Aktivierungs- und Regenerationsphasen selbst herbeizuführen. Das ist ein Teil des Nachvorneguckens.Das wäre die Konsequenz aus den Auftritten in Athen?Janofske: Das Problem ist doch, dass Franziska im Trainingslager total zufrieden war, als ich das letzte Mal mit ihr telefoniert habe. Sie war im Einklang mit sich und in Topform. Als sie aber am dritten Tag in Athen zu mir kam, da war ich verblüfft über ihren Zustand. Sie hat gespürt: Mein Körper ist abgeschaltet, er ist erschöpft, er macht nicht mit. Die Bewältigung der körperlichen Talsohle nahm vollen Raum ein, da konnte man nicht mehr auf Medaille und Sieg arbeiten.Bedingt das einander, ein müder Körper und ein müder Geist?Janofske: Nein, den Erwartungsdruck hatte sie sehr gut im Griff. Norbert Warnatzsch hat gesagt, von allen im Vorfeld gemessenen Zeiten war sogar der Weltrekord drin. In Athen hat sie aber gemerkt, dass dieser gute Zustand plötzlich verschwunden war. Das war ein Schock. Sie stand vor einer völlig neuen Situation. Sie hat ja ein Feedback-System: Sie weiß ganz genau, wann sie hundert Prozent fit ist oder nur achtzig Prozent. Einen Tag vor den Spielen waren es vielleicht zwanzig Prozent.Und das Rätselraten begann. Der Trainer formulierte in seiner Verzweiflung: "Das Kind hat hier alles getan. Ich habe methodische Fehler gemacht." Das gilt offensichtlich nicht nur für ihn, sondern für das gesamte Team. Also: Warum streikten die Körper kollektiv?Janofske: Ich kann das natürlich nur aus meiner Fachrichtung erklären. Ich bin spezialisiert auf Stressbewältigung und Chronobiologie, die Wissenschaft der körperlichen Rhythmen. Ich weiß, wie wichtig der Wechsel zwischen Anstrengung und Entspannung ist. Ganz einfach beschrieben: Sportler, die ständig unter Adrenalin stehen, kommen ganz schwer in ihre Ruhe. Da geht es nicht nur um Lesen oder auf dem Bett liegen.Sondern?Janofske: Das Gehirn muss auf eine Schwingung von acht Hertz gestellt werden. Erst dann werden Hormone wie Endovalium, Serotomin und körpereigene Glückshormone freigesetzt. Alles, was über acht Hertz geht, ist Aktivierung und bewirkt einen messbar anderen Hormoncocktail. Dann sind die Regenerationsphasen für mindestens fünf Stunden ausgeschaltet. Ursache können negative Gedanken oder auch ein Reisestress sein.Sind die deutschen Schwimmer zu spät und zu stressig - nämlich über zwei Tage - angereist?Janofske: Ich will es mal so sagen: Ich habe hier im Deutschen Haus ein paar Mitarbeiter gefragt, wie es ihnen bei der Ankunft ging. Sie sagten, sie seien einen Tag völlig platt gewesen. Sie haben sich aber nicht daran gestört. Wenn allerdings ein Mensch, der hier Hochleistungen bringen will, plötzlich merkt, dass er total erschöpft ist, dann laufen sofort Stressprogramme im Körper ab. Dann wird es immer schlimmer. So ein Stress entwickelt eine ganz eigene, unerwartete Dynamik.Eichhorn: Ich arbeite gern mit dem Bild, dass ein Hochleistungssportler wie ein getunter Motor funktioniert, von dem man weiß, dass er extrem störanfällig ist. Da sagt schon der gesunde Menschenverstand, dass in diesem komplexen System eine solche Sensibilität vorhanden ist, dass jede Störung vermieden werden muss. Janofske: Eine Stressreaktion läuft mit 240 Stundenkilometern durch den Körper. Ein Wimpernschlag, und der Körper ist überflutet. Gute Gefühle brauchen dagegen zwanzig Minuten bis zwei Stunden, um durch den Körper zu kommen. Gute Gefühle kann man nur haben, wenn man sich Zeit lässt, weil sich diese Hormone nur bei niedrigen Gehirnschwingungen entwickeln. Athleten wie Franziska van Almsick haben mehr als ein Jahrzehnt Erfahrungen im Hochleistungssport. Sie können in ihre Körper hineinhören. Gab es da vorher nie Diskussionen? Oder ist es so, dass man den Anweisungen und Vorschlägen der Trainer blind vertraut?Eichhorn: Es gibt ja sogar einen ganzen Stab, der darüber berät, wie man es am klügsten angeht. Das ist dann für die Sportler eigentlich Gesetz. Vielleicht muss man im DSV jetzt auch darüber diskutieren, dass man die Sportler mehr einbezieht. Andererseits ist es schon jetzt so, dass Norbert Warnatzsch auf seine Athleten hört. Er achtet darauf.Janofske: Warnatzsch gibt immer Freiheiten. Aber er hat ein Problem: Unter dem Stresshormon fühlt sich der Mensch gut, er fühlt sich high, er hat keinerlei Tendenz, sich zu schonen. Im Gegenteil. Unsere Sportler sahen im Trainingslager noch gut aus, sie haben sich sehr gut gefühlt, sie waren vollkommen zufrieden. Sie können aber unter dem Stresshormon gar nicht merken, dass sie eine Ruhepause brauchen.Man hätte es doch sicher überprüfen können?Janofske: Man kann an Messgeräten genau feststellen, wann ein Körper schon in der Übererregung ist. Nach dieser Übererregung kommt immer vom Gehirn die Belastungshemmung, dann wird das ganze System abgestellt. Psychologen haben auch Methoden, um das ohne Technik festzustellen.Die Schwimmer haben keinen Psychologen dabei. Kaum ein deutscher Fachverband hat Psychologen mitgenommen zu den Olympischen Spielen nach Athen.Eichhorn: Ich will das nicht alles auf die psychologische Betreuung oder den Reisestress schieben. Eine Leistung wird immer von vielen Faktoren beeinflusst. Hier haben zu viele Faktoren nicht funktioniert.Janofske: Es gibt so eine kritische Masse. Die war anscheinend unterschwellig angewachsen, da war die Reise vielleicht der berühmte letzte Tropfen auf den heißen Stein.Wann haben Sie gewusst, dass es nichts wird mit dem ersehnten olympischen Gold?Eichhorn: Ich weiß ja, dass Franziska vor einem Wettkampf immer sagt: Ich fühle mich schlecht, ich fühle mich schlapp. Insofern hat mich das nicht besorgt. Aber Friederike hat es gleich gesehen. Sie hat gesagt, das Mädchen ist in einem beklagenswerten körperlichen Zustand.Janofske: Durch diese innere Not kann man Dopaminausstöße kriegen, so dass man Hochleistung bringen kann.Dopamin?Janofske: Das ist ein Hormon, mit dem man über seine Grenzen gehen kann. Wenn zum Beispiel ein herzkranker Vater sein Kind unter einem Baum eingeklemmt sähe, könnte er unter Dopamin vielleicht den Baum anheben. Unser emotionales Gehirn löst drei Reflexe aus: Kampf, Flucht und Totstellen. Wer einen Kampfreflex hat, der hat natürlich Glück. Der andere will weglaufen. Und wer den Totstellreflex hat.. der blockiert nur? So wie Hannah Stockbauer am Donnerstag in ihrem langsamen 800-Meter-Vorlauf? So wie Franziska van Almsick?Janofske: Das hört sich schrecklich an, so ein Wort. Aber es sind die Grundreflexe, wenn der Mensch die Belastung nicht mehr bewältigen kann. Man kann unterscheiden, ob der Körper vor Aufregung rebelliert und die Kräftereserven aber trotzdem noch mobilisiert werden können, oder ob der Körper in einen Schongang umschaltet, um die Gesundheit des Menschen zu schützen. Bei Franziska war das eine andere Dynamik als sonst.Machen Sie sich Vorwürfe, diese tragische Situation nicht früher erkannt zu haben?Eichhorn: Der einzige Vorwurf, über den wir nachdenken, ist, ob wir nicht autoritärer hätten sein sollen.In welcher Art?Janofske: Es gibt eine ganz strenge Rhythmik. Ein normal arbeitender, gesunder Mensch braucht nur eine Ruhepause am Tag. Wenn man aber auf lange Zeit eine hohe Belastung hat, braucht man ein Schlaf-Wach-Programm, ein ganz klares Programm. Dieses Phänomen hat vor dreißig Jahren schon Roland Matthes mit seiner Trainerin erkannt.Das Gespräch führte Jens Weinreich.------------------------------Van Almsicks Doppelspitze // Die Mentaltrainerin: Friederike Janofske ist Diplom-Psychologin mit eigener Praxis in Berlin. Sie versucht, Franziska van Almsick Techniken beizubringen, die ihr helfen sollen, die Aufregung vor dem Wettkampf positiv zu kanalisieren und in Leistung umzusetzen. Zu Janofskes Spezialgebieten zählen Stressmanagement, Selbsthypnose sowie die regenerierende Wirkung von Atem- und Bewegungsübungen.Die Managerin: Regine Eichhorn berät Franziska van Almsick seit zehn Jahren. Sie arbeitete Anfang der Neunzigerjahre in der Sportmanagement-Agentur von Werner Köster, der van Almsick von 1992 bis Ende 2000 verbunden war. 2001 machte sich van Almsick selbstständig und gründete eine eigene Firma. Seitdem ist Eichhorn, der sie freundschaftlich verbunden ist, ihre Managerin.------------------------------Foto: Beratungsduo: Psychologin Friederike Janofske (l.) und Managerin Regine Eichhorn beim Interview im Deutschen Haus in Athen.------------------------------Foto: "Eine Stressreaktion läuft mit 240 Stundenkilometern durch den Körper. Ein Wimpernschlag, und der Körper ist überflutet" - Friederike Janofske, Mentaltrainerin von Franziska van Almsick.