Herr Flick. Ihre Freunde nennen Sie Mick. Wo kommt der Name her?Mein älterer Bruder heißt Muck, wahrscheinlich, weil er einem amerikanischen General, der nach dem Krieg unser Haus besetzte, immer Muckefuck brachte, eine Art Kaffee. Mick ist dann einfach hinzukomponiert worden.Sie sind in einer schwerreichen Industriellenfamilie aufgewachsen. Waren Sie ein verwöhntes Kind?Nein. In der Nachkriegszeit war ja das Vermögen beschlagnahmt. Mein Großvater war im Gefängnis, mein Vater als Entlastungszeuge auch. Wir zogen zum Starnberger See, wo die Verwandten meiner Mutter ein Grundstück hatten. Meine Mutter war eine sehr tüchtige Frau. Sie hatte sich aus dem Ruhrgebiet einen Waggon Nägel organisiert. Den hat sie sehr geschickt gegen ein Isertaler Holzhaus eingetauscht. Dort habe ich meine Kindheit verbracht, sehr bescheiden. Dann kam mein Vater wieder, wir zogen nach Düsseldorf und hatten wieder eine schöne Behausung.Wie hat er Sie erzogen?Streng, preußisch-humanistisch, so wie er selber war. In langen Wanderungen hat er mir viel über Geschichte erzählt. Als ein Flick waren Sie etwas Besonderes.Das hat meine Jugend bestimmt. Ich war wahrscheinlich misstrauischer als andere, tat mich schwerer, Freundschaften zu schließen. Haben Sie eine normale Schule besucht?Ja, die Volksschule in Starnberg. Vormittags hatte mein Bruder, der eine Klasse über mir war, seine Schulstunden; ich am Nachmittag. Und in der nächsten Woche umgekehrt. Wir wohnten eine Dreiviertelstunde Fußweg weit von der Schule entfernt und trafen uns immer, wenn der eine von der Schule kam und der andere zur Schule ging. Später ging ich auf ein normales Gymnasium in Düsseldorf.Hatten Sie Taschengeld?Bis ich 18 war, wurde ich ausgesprochen knapp gehalten. Dann sagte mein Vater, jetzt seid ihr 18, jetzt habt ihr das Abitur gemacht, jetzt geht ihr raus ins Leben und seid erst mal auch selber verantwortlich. Ich hatte eine eigene Wohnung, die finanziellen Freiheiten waren okay, aber nicht überbordend.Was war Ihr erstes Auto?Ein DKW, so ein Drei-Takter. Den bekam ich von meinem Großvater zu meinem 18. Geburtstag geschenkt. Welche Rolle spielte denn in den Familien-Gesprächen die eigene Vergangenheit?Die wurde wenig besprochen. Aber nicht nur bei uns zu Hause. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass in meiner Schulzeit viel über diese Themen gesprochen wurde. Die Zeiten waren damals so. Noch als mein Großvater 1972 starb, waren die Zeitungen - von der Süddeutschen bis zur Welt - voller Elogen auf ihn; der große Mann, der Wiederaufbauer Deutschlands usw. Ich will damit in keiner Weise entschuldigen, was mein Großvater im Dritten Reich getan hat. Aber Sie müssen doch die Rolle gekannt haben, die Ihr Großvater gespielt hat. Er wurde in Nürnberg von den Amerikanern wegen Plünderung, organisiertem Verbrechen und Sklavenarbeit angeklagt und in einigen Punkten auch verurteilt. Natürlich habe ich davon gewusst. Er saß ja im Gefängnis. Aber es wurde anders diskutiert. Flick wurde im zweiten Prozessteil verurteilt, als es um die Industriellen ging. Flick gehörte nicht zu den politisch und militärisch Angeklagten in Nürnberg. Die Wahrnehmung der damaligen Zeit war anders, die Leute waren mit dem Wiederaufbau beschäftigt, die waren froh, dass der Krieg zu Ende war. Die hautnahe Vergangenheitsbewältigung, wie sie heute richtigerweise erfolgt, die gab es damals nicht.Welches Verhältnis hatten Sie zum Großvater?Ich habe ihn geliebt und auch verehrt. Er war ja auch eine erstaunliche Persönlichkeit. Wie er in den Raum kam, im Sessel saß. Und dann dieses holzschnittartige Denken. Das habe ich selten bei Leuten erlebt. Der Adenauer hat ihn mal gefragt, ja, Herr Flick, was halten Sie denn von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft? Und er antwortete: Herr Adenauer, wissen Sie, Gewinne kann man teilen, Verluste kann man nicht teilen. Daraus wird nichts. War damals klar, dass Sie einer derjenigen sein werden, die die Firma weiterführen?Ja, nach einem Zerwürfnis zwischen meinem Vater und meinem Großvater hatte der 75 Prozent der Firma auf meinen Onkel übertragen und 25 Prozent auf seine Enkel. Wollten Sie diesen Weg gehen?Damals ja, damals war durch die Familientradition der Weg vorgezeichnet. Wenn ich heute noch einmal vor der Entscheidung stünde, würde ich nicht Jura, sondern Architektur studieren.Ihr Onkel übernahm dann die Firma und zahlte Sie und Ihren Bruder aus. Haben Sie das bedauert?Ja. Sie waren 31 Jahre alt und hatten plötzlich geschätzte 300 Millionen auf dem Konto.Eher 100 Millionen, und zwar in D-Mark.Was war das für ein Gefühl?Es war ein neuer Anfang. Ich war jung und sagte mir: Okay, jetzt musst du eben, Bedauern hin, Bedauern her, einen Schnitt machen. Was hatten Sie vor?Erst mal wollte ich wirklich aus Deutschland raus, auch, um mit der Familienfirma abzuschließen, die doch sehr dominant in Deutschland war. Ich wollte mich selber entwickeln können. Zunächst haben mein Bruder und ich versucht, das Geld vorsichtig zu verwalten. Später sind wir nach und nach unternehmerisch tätig geworden, haben zum Beispiel in Amerika einige Beteiligungen gekauft.Der Sinn Ihres Daseins bestand darin, Geld zu erhalten und zu vermehren.Das war der finanzielle Sinn.Gab es einen anderen?Es ist ja nicht unbekannt, dass ich mich damals etwas treiben ließ.Sie meinen den Jetset. Also bestand der Sinn des Lebens darin, Geld zu verdienen und angenehm auszugeben?Für einen gewissen Zeitraum war das der Fall, der allerdings kürzer war, als das bisher dargestellt wurde. Aber wenn man einmal in den gewissen Spalten steht, dann ist jedes Ereignis gleich der Lebensinhalt. Ich habe in meinem Leben viele Dinge gemacht. Erzählen Sie mal.Ich habe mich immer für andere Kulturen interessiert. Ich habe mit meinem Vater Berge in Kanada bestiegen, wir waren in Peru, in den Anden. Ich bin mit Pferden durch Massai-Land in Kenia geritten und mit dem Motorrad von Alaska bis nach Baja California gefahren. Ich habe auch mal eine Rallye mitgefahren, drei Monate lang, von Peking nach Paris. Was hat Sie am Jetset fasziniert?Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich schöne Frauen verehre. Und ich stand in Kraft und Saft.Hatte der Weg in die Spaßgesellschaft der Schönen und Reichen mit früheren Defiziten, mit eher strenger Erziehung zu tun?Das kann man vielleicht so sehen, ja. Wie muss man sich denn das Jetset-Leben vorstellen?Ich bin nun nicht dauernd von Party zu Party um die Welt gehetzt. Aber ich habe meine Wohnsitze oft verändert. Ich habe in Amerika länger gelebt, in Los Angeles, in New York, auch London. Ich lebe jetzt seit vielen Jahren in der Schweiz. Ich bin Kosmopolit geworden und fühle mich an vielen Orten zu Hause. In New York, 1976-80 war ich natürlich häufig im legendären Studio 54, da waren eine Menge interessanter Leute. Ich kannte damals zum Beispiel Andy Warhol gut. Mick Jagger war da, Holsten, Liza Minnelli. Es waren Partyleute dabei, schöne Frauen, aber eben auch Künstler, Leute, die etwas zu sagen hatten. Es war ein richtig guter Mix.Haben Sie jemals gekokst oder gekifft?Über Jugendsünden reden wir nicht. Sie haben mal gesagt, dass Heimat, Beständigkeit, Halt heute wichtige Werte für Sie sind, aber auch Werte waren, mit denen Sie aufgewachsen sind. Dieser Jetset ist ja nun eher das Gegenteil. Hat er sie deshalb so angezogen?Das ist etwas, das mich immer wieder beschäftigt. Ich schöpfe viel Kraft aus meiner Familie. Ich bin geschieden, habe aber ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Ex-Frau, für die Kinder sind wir weiter eine Familie. Weihnachten und Ostern feiern wir immer zusammen; wir fahren zusammen in die Ferien. Das ist mir wichtig. Aber ich möchte auch die andere Seite nicht missen. Ich muss raus, ich muss kämpfen. Wenn Sie einen Berg besteigen, da gehört Ausdauer dazu, Charakter, Mut. Man setzt sich einer Gefahr aus, aber wenn man es geschafft hat, ist es ein tolles Gefühl. Also ich brauche das. Der Kippenberger hat diesen Zwiespalt, der ihn sehr bewegt hat, gut beschrieben und in seinen Bildern thematisiert.Sie sind keine dreißig mehr.Ich habe Phasen der Ruhe und der Reflexion und dann wieder Phasen, wo ich sehr stark versuche, etwas zu gestalten. Letztes Jahr nach den Angriffen auf mich in Zürich, die ich in dieser Schärfe nicht erwartet hatte..Sie wollten ein Privatmuseum gründen, ein Teil der Öffentlichkeit protestierte, sprach vom Ruch des Blutgeldes und von Ablasshandel, und forderte Sie auf, erst einmal in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen..da habe ich eine Auszeit genommen und war drei Monate in Andalusien, wo ein Freund eine Art Kloster hat. Das war ganz wichtig für mich. Ich hatte länger meine Kinder bei mir, auch Künstler kamen, wir haben viel geredet und ich hatte dann wieder Kraft.Wie ist Ihr Verhältnis zum Luxus?Ich habe ein großes Qualitätsempfinden. Es gibt Dinge, die ich als sehr angenehm empfinde. Yachten brauche ich nicht, ich gehe lieber im Meer schwimmen. Aber wenn ich mal von A nach B muss, bin ich dankbar, dass ich den Privatjet nehmen kann. Warum sind Sie eigentlich momentan solo?Tja, ich hätte es auch lieber anders. Ich bin überhaupt kein überzeugter Single. Ich hatte immer längere Beziehungen mit Frauen. Ich war zweimal verheiratet und nach meiner letzten Scheidung mit einer Frau fast sechs Jahre zusammen - das war eine große Liebe.Nervt das Jetset-Leben nicht irgendwann?Es führt in eine gewisse Leere. Die Gespräche sind nicht mit wirklichen Inhalten besetzt, es geht um Äußerlichkeiten, um Tratsch. Künstler, mit denen ich jetzt viel Zeit verbringe, sind sprudelnd, sensibel, intensiv, die sind tabulos, radikal. Wenn man das Privileg hat, mit solchen Leuten zusammen zu sein, dann wird das andere schaler.Wann haben Sie angefangen, Kunst zu sammeln?Die sechziger Jahre in Düsseldorf mit Beuys waren spannend. Damals sammelte ich noch nicht, es fing erst in den Siebzigern mit den alten Meistern an.Gute Kapitalanlage.Darum ging es nie. Ihre Themen lagen mir wohl letztendlich nicht so am Herzen. Wenn El Greco seine Christusfiguren malt, das war mir nicht nah. Ich wollte auch mit dem Künstler zusammen sein und habe in den 80er-Jahren angefangen, mich mit zeitgenössischer Kunst zu beschäftigen.Gab es einen Plan?Nein. Aber die zeitgenössische Kunst hat mich in ihren Bann gezogen und nicht mehr losgelassen. Als das Haus bestückt war, musste ich einfach weitersammeln. So entsteht der Sammler, der ja unvernünftig ist, weil er mehr Werke erwirbt, als er mit ihnen leben kann. Und so kamen die ersten Überlegungen, die Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.Wie haben Sie, mehr oder weniger Laie, die Sachen für Ihre Sammlung ausgewählt? Ich habe immer mehr nach Inhalten gesucht als nach Form und Ästhetik. Deswegen steht hier das Fahrrad-Rad von Marcel Duchamp. Das ist der Ausgangspunkt, praktisch das Logo meiner Sammlung. Das ist der radikale Bruch in der Kunstgeschichte. Duchamp hat dem Künstler den Pinsel aus der Hand genommen und in den Kopf des Betrachters gesteckt. Das Kunstwerk entsteht somit erst durch den Betrachter. Das ist der radikale Schnitt. So habe ich die Kunst immer gesammelt, eigentlich eine sehr strenge, harte Kunst. Aber da ist viel Geld im Spiel und man kann sich nicht nur auf ein Bauchgefühl verlassen.Es ist ein Prozess. Wenn ich jetzt ein Kunstwerk sehe, weiß ich irgendwie, stimmt oder stimmt nicht, da geht Energie rüber oder nicht. Und es ist ja nicht so, dass ich dann sofort kaufe, das überlege ich mir natürlich genau. Ich habe einen sehr guten Freund, Iwan Wirth, Galerist hier in Zürich, der mir beim Aufbau meiner Sammlung geholfen hat. Dem intuitiven Gefühl folgt eine Analyse. Das einzige Rezept aber bleibt: sehen, sehen, sehen.Wie viel Zeit kostet das?In den letzten zehn Jahren 70 Prozent meiner Zeit.Bedauern Sie es, nicht selbst ein Künstler zu sein?Künstler sind anders als wir Normalsterblichen. Ich werde nie ein Künstler sein, leider. Na ja, die haben es ja auch nicht einfach. Aber ich beneide sie schon. Kippenberger, der war einfach alles. Der war Maler, Bildhauer, Theatermacher, der hatte eine Subkneipe in Berlin, war Humorist und Zyniker, und war sehr ernsthaft. Oder nehmen Sie Bruce Nauman. Ich bin einer der wenigen, dem er erlaubt hat, ihn zu besuchen. Er lebt sehr zurückgezogen in Galisteo, New Mexico, auf einer Farm. Er ist Künstler, aber genauso sehr Cowboy. Er züchtet Pferde. Ist doch verrückt, oder? Oder Jason Roades ...... der amerikanische Happening-Künstler.Vor allem ist er ein großer Bildhauer. Er hat übrigens den Schreibtisch hier für mich gemacht. Im Bild "Kleiner Akt" von Richter gibt es eine Nackte mit einem schwarzen Slip, die hat mir immer so gut gefallen. Da hat Jason mir den Schreibtisch für mein Büro in Form dieses Slips gemacht. Aber in weiß, wie die Unschuld. Roades malträtiert Steinwände mit dem Schlaghammer, raucht, als nackter Fettwanst verkleidet, vor einem Einkaufscenter die Wasserpfeife, oder lässt sich mit einem vibrierenden Staubsaugerrohr in anzüglicher Pose filmen. Manche erklären ihn schon zum neuen Beuys.Er ist sicherlich jemand - und das gilt für viele Künstler, die ich sammle - der den Kunstbegriff laufend erweitert. So hat er in der Deichtorhallen in Hamburg vor anderthalb Jahren eine Skulptur auf 2 000 Quadratmetern gemacht, the perfect world. Ich empfinde das als das Aufstoßen der Tür ins 21. Jahrhundert. Das ist einfach toll in seiner Grenzenlosigkeit.Können Sie sagen, wie viel Geld Sie in Ihre Sammlung gesteckt haben?Ich habe nie nach Trophäen gesammelt, nie als Kapitalanlage. Sonst hätte ich andere Werke gesammelt. Nehmen Sie Roades. Seine Werke, oft Großinstallationen, ich weiß gar nicht, ob so etwas wieder verkäuflich ist.Ihre Sammlung wird auf 300 Millionen Dollar geschätzt. Gibt es für Käufe feste Budgets oder lassen Sie sich auch mal hinreißen?Mit den Budgets haut das nie richtig hin. Unterschritten habe ich sie jedenfalls noch nie. Da drüben steht ein kleiner Giacometti, eine Gipsarbeit. Wie viel hat der gekostet?Vielleicht zwei Millionen Dollar wert, ich weiß es nicht. Sehen Sie, das Gesicht ist noch handbemalt vom Künstler. Es gibt nur noch ganz wenige von diesen Dingen.Gibt es unerfüllte Wünsche in der Kunst?Klar, viele. Was mich interessiert am Künstler ist das Gesamtwerk, nicht eine einzelne Trophäe. Deswegen finde ich ja Künstler wie Bruce Nauman wegen seiner Breite so spannend - Zeichnungen, Skulpturen, Performance, Video, Neon, Rauminstallation. Das ist nur die formelle Breite. Inhaltlich arbeitet er von der Auseinandersetzung mit dem Politterror in Amerika bis zu der persönliche Erfahrung, wenn man in einen Gang kommt, der sich verschlankt. Wie geht der Mensch damit um? Wie geht er mit seinen Ängsten um? Wie geht er mit seinen Trieben um? Lassen Sie Dinge bei Seite, die in der Breite für Sie nicht mehr zu haben sind?Ich verehre die Popkunst, Andy Warhol. Aber als ich ihn kannte, habe ich die Zeitgenossen noch nicht so im Visier gehabt. Nachher war es nicht mehr möglich, Warhol zu sammeln. Oder die amerikanischen abstrakten Expressionisten, Pollock, De Kooning, Newman. Die wirklich guten Pollocks etwa, die gibt es nicht mehr. Und wenn einer zu haben ist, kostet er vielleicht 20 Millionen Dollar. Da gehe ich lieber ins Museum. In der Londoner Tate-Galerie war gerade eine sensationelle Newman-Ausstellung, die habe ich mir bestimmt zehnmal angesehen.Und wenn Ihnen ein Werk fehlt auf den Strecken, die Sie bereits sammeln?Ich bin jetzt wirklich sehr, sehr tief ins Werk von Kippenberger eingestiegen und habe ihn in seiner ganzen Bandbreite gesammelt. Aber eine Sache, eine Skulptur, die habe ich nicht. Sie heißt "Martin, steh in der Ecke und schäm dich", die gibt es drei- oder viermal. Ich kenne alle Besitzer, habe alle Anstrengungen unternommen, sie zu erwerben, aber niemand will verkaufen. Damit muss ich leben.Reden wir über das Berlin-Projekt. Wie kam der Deal zu Stande?Herr Wowereit hat mich im April, wir trafen uns zufällig, angesprochen: Herr Flick, wie wäre es mit Ihrer Sammlung in Berlin? Ich habe gesagt, wenn Sie das ernst meinen, dann müssen wir uns mal zusammensetzen. Später habe ich ihn besucht in seinem Roten Rathaus und gesagt, ich brauche viel Platz. Herr Wowereit ist ein schneller Denker und Umsetzer, drei Wochen später zeigte mir der Herr Schuster von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Bilder von der Rieck-Halle und fragte, wie das denn wäre. Ich habe gleich gespürt, dass es das ist. Das war im Juni und vor Weihnachten haben wir einen Vertrag abgeschlossen. Sie leihen der Stadt Ihre Sammlung für sieben Jahre. Kritiker merken an, dass die museale Präsentation eine enorme Wertsteigerung mit sich bringt. Wissen Sie, mein Geld verdiene ich mit meinen Investments und die Kunst kostet mich sehr viel Geld. Die Vorstellung, dass ich meinen Lebensmittelpunkt, die Kunst, verkaufen würde, ist naiv. Ich möchte die Sammlung erhalten und stark ins 21. Jahrhundert hineintreiben. Worum geht es denn eigentlich? Es geht darum, die Kunst auszustellen, damit die Öffentlichkeit sie sehen kann. Das Bild wird ja nicht besser, nur weil es im öffentlichen Eigentum ist. Und wenn die staatlichen Museen nicht die finanziellen Möglichkeit haben, eigene Sammlungen aufzubauen, dann ist es doch schön, wenn private Sammler einspringen.Die Ludwigs etwa haben Ihre Sammlung verschenkt.Sie waren alt und hatten keine Kinder. Die Sammlung Marx etwa ist auch eine Dauerleihgabe. Ich gebe meine Sammlung Berlin und bezahle noch die Umbaukosten für die Halle.Das dient auch der Selbstdarstellung der Person Flick.Ich sage doch nicht, dass ich nicht stolz bin auf meine Sammlung. Das finde ich nicht verwerflich. Aber dass ich es nur aus Selbstinszenierung gemacht habe, ist Quatsch. Mir wird ja auch immer vorgeworfen, ich instrumentalisiere die Kunst, um den Namen Flick reinzuwaschen. Genau umgekehrt ist es. Als ich bekannt gegeben habe, dass die Sammlung öffentlich werden soll, wurde von mir sofort gefordert, ich solle in den Zwangsarbeiterfonds einzahlen. Weil ich Kunst ausstellen wollte, wurde an mich als einzige Privatperson in Deutschland diese Forderung gestellt. Diese Leute haben damit die Kunst instrumentalisiert. Sie nehmen die Kunst als Geisel, um Forderungen durchzusetzen, denen ich nicht nachkommen wollte.Warum eigentlich nicht?Glauben Sie mir, ich habe mir das sehr genau überlegt. Es wäre für mich doch ein Einfaches gewesen, in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen und ich hätte allen Ärger vom Hals gehabt. Ich hielt es nicht für sinnvoll. Erstens haben die ehemaligen Flick-Unternehmen überproportional Geld in den Fonds gegeben. Zweitens richtete sich die Forderung nur an Unternehmen, nicht an Privatpersonen. Und drittens war zu dem Zeitpunkt, als ich aufgefordert wurde, die Summe erreicht. Es hätte nur Ausgleichszahlungen einiger anderer Unternehmen verringert, die Summe wäre nicht erhöht worden.Aber es wäre eine moralische Geste gewesen.Ich habe immer gesagt, ich unterscheide hier zwischen Schuld und Verantwortung. Ich bedauere zutiefst die zahllosen Opfer des Dritten Reiches und das Unheil, das angerichtet wurde. Aber ich kann nicht Schuld tragen für etwas, das in Generationen vor mir geschehen ist. Schuld kann man nicht erben. Verantwortung kann man jedoch sehr wohl erben und ich habe sie geerbt, als Deutscher und als ein Flick. Ihr bin ich auch nachgekommen, indem ich eine Stiftung in Potsdam gegründet habe, gegen Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Ich habe dort zehn Millionen D-Mark eingebracht und kann sagen, dass sie sehr erfolgreich ist. Wir haben im ersten Jahr 25 Projekte unterstützt. Was hätte es Sie schon gekostet, ein paar Millionen in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen.Ich meine, dass eine eigene Stiftung einfach sinnvoller ist, wo ich mich nicht nur finanziell, sondern auch persönlich einbringe. Ich persönlich leite diese Stiftung mit meinen Stiftungsräten zusammen, Herr Schorlemmer ist dabei, auch Frau Griefahn. Das ist zukunftsorientiert, projektbezogen, richtet sich hauptsächlich an die neuen Bundesländer, an Altersgruppen zwischen fünf und 15 Jahren. Es wird eine dauerhafte Stiftung sein, die meine Kinder später weiterführen. Die sollen nicht nur erben, sondern auch Verantwortung übernehmen. Ich habe das schon mit ihnen besprochen. Frau Ströver von den Grünen etwa reicht das nicht.Sie kommt und sagt, finanzieren Sie doch die Topographie des Terrors. Und kaufen Sie doch die riesigen Lagerhallen außerhalb von Berlin, wo ehemalige Zwangsarbeiter untergebracht worden waren, richten Sie das doch als Kulturstätte her. Ich kann nicht jeder Idee, die an mich herangetragen wird, nachkommen. Ihr Großvater hat Zwangsarbeiter beschäftigt und an ihnen verdient.Es kommt darauf an, wie man es sehen will. Mein Großvater war gegen den Krieg. Ich will seine Schuld nicht relativieren, aber er ist in den Krieg reicher reingegangen, als er herausgekommen ist. Das wirkliche Vermögen hat er nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht. Und ich habe einen kleinen Teil dieses Vermögens geerbt. Den ganz überwiegenden Teil dessen, was ich heute besitze, habe ich mir selber verdient. Es gab in der Familie Flick offenbar unterschiedliche Positionen zu Einzahlungen in den Fonds. Das ist eine persönliche Sache, die jeder für sich entscheiden muss.Sie haben 1997 in einem Brief an Ihren Onkel geschrieben, dass Sie mit Ihrer Kunstsammlung den Namen Flick dauerhaft positiv besetzen wollen.Wenn man vom reichen Onkel was will, dann muss man es ihm ja auch schmackhaft machen. Ich bin doch nicht hingegangen und habe gesagt, ich gründe eine Sammlung, um damit jetzt den Namen der Familie reinzuwaschen. So war es nicht.Die Flicks standen immer in dem Ruf, ihre Familiengeschichte eher zudecken zu wollen, als sie öffentlich zu machen. Ich spreche hier nur für mich und sage nochmals ausdrücklich: Mein Großvater hat Zwangsarbeiter beschäftigt, das war Unrecht, dafür ist er auch verurteilt worden. Und das war richtig. Was er als Unternehmer für Deutschland nach dem Krieg geleistet hat, steht auf einem anderen Blatt und entschuldigt das nicht. Das Familienunternehmen gibt es nicht mehr. Ich trage jetzt Verantwortung für das, was ich tue, und die versuche ich wahrzunehmen, indem ich etwas Neues aufbaue. Hat Sie die ganze Auseinandersetzung genervt?Sie war anstrengend. Aber ich bin heute eher froh, dass sie stattgefunden hat. Es hat mein Denken verändert.Als Heinz Berggruen vor ein paar Jahren seine Sammlung nach Berlin gab, hat er sich in der Stadt seine Wohnung genommen. Führt Ihr Weg eines Tages nach Berlin?Die Schweiz ist meine zweite Heimat und ich fühle mich hier sehr wohl. Berlin ist wie die Kunst, die ich liebe: zerrissen, vernarbt, direkt, ungefiltert.Zur Person // FRIEDRICH CHRISTIAN ("MICK") FLICK wurde 1944 in Sulzbach-Rosenberg geboren. Sein Großvater war der Konzerngründer Friedrich Flick.NACH USA-AUFENTHALT, Studium und Promotion wurde Flick ab 1966 Miteigentümer der Friedrich Flick KG. Nach dem Tode von Friedrich Flick 1972 gehörte der Enkel zur Konzernspitze. Gegen Barabfindung schied er wenig später aus dem Unternehmen aus und ging in die steuergünstige Schweiz. Sein Vermögen wird heute auf 500 Millionen Dollar geschätzt.ALS JET-SETTER, der sich gern mit den Reichen und Schönen umgibt, geriet Flick immer wieder in die Schlagzeilen. 1978 heiratete er das spanische Top-Mannequin und Foto-Modell Andrea de Portage; 1985 Maya Gräfin von Schönburg-Glauchau. Von beiden ist Flick geschieden. Er hat drei Kinder.SEIT 30 JAHREN SAMMELT FLICK zeitgenössische Kunst. Nachdem sein Versuch, in Zürich ein Museum zu gründen, am Protest eines Teils der Öffentlichkeit scheiterte, die vom Ruch des Blutgeldes der Flicks und Ablasshandel sprach, gibt er seine Sammlung für zunächst sieben Jahre nach Berlin.Friedrich Christian Flick in seinem Büro in Zürich. Im Vordergrund Marcel Duchamps "Fahrrad-Rad", Ausgangspunkt und Logo der Flick-Collection.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER (3) Berlin ist wie die Kunst, die ich liebe: zerrissen, vernarbt, direkt, ungefiltert.