Man könnte denken, Friedrich Schenker hätte einige auf seinem Tisch liegende Kompositionsaufträge verwechselt, wenn er zum Thema "10 Jahre Mauerfall" die Geschichte eines geretteten KZ-Häftlings beisteuert. Soll man seine "Goldberg-Passion" für Solisten, Kinderchor, gemischten Chor und Orchester als Mahnung verstehen, die Fruchtbarkeit des einig-vaterländischen Schoßes nicht zu unterschätzen? Oder wird hier, jenseits zermürbender öffentlicher Diskussionen, das Holocaust-Denkmal in Gestalt eines Oratoriums geliefert, wie der Librettist Karl Mickel sagt, und eine gesamtdeutsche Bringschuld abzutragen versucht im Werk zweier Künstler aus der DDR ? In Schenkers am 9. November in Leipzig und am Donnerstag in Berlin erstmals aufgeführter Partitur kommt viel zusammen. Zunächst der in gebrochenem Deutsch abgefasste Bericht Michael Rozeneks über seine und seines Bruders Flucht aus einem Häftlings-Transport im März 1945 im Erzgebirge und ihre Rettung durch einen Deutschen namens Arno Bach, der sie bis zum Kriegsende in einer Scheune versteckt hielt. Diese Geschichte, mit freier Dichtung und Bibelzitaten kommentiert, wird mit einer musikalischen Schicht verbunden, die der "Goldberg-Passion" den Namen gab Bachs Goldberg-Variationen, denen das Stück einiges Material, wahrscheinlich mehr, als zunächst auffällt, verdankt."Goldberg" steht da, wo sonst der Name des Evangelisten steht. Bachs Variationenwerk ist also der Zeuge, in dem sich das GeschehenNostalgie des Guten Fortsetzung von Seite 13 ---wie in einem Medium bricht, zum Beispiel skizziert die Bearbeitung der robusten Fughette (Var. 10) den zupackenden Charakter des Retters. Dass ausgerechnet beim Auftritt Arno Bachs die Vorlage Johann Sebastian Bachs am deutlichsten vernehmbar wird, beutet die faszinierende, Deutungen fordernde Namensgleichheit aus: Als stünde der Name für ein besseres Deutschland.Aber gerade das macht argwöhnisch: Die DDR hat sich gern darauf berufen, dass alle großen Deutschen auf dem von ihr eingemauerten Gebiet tätig waren, man hat sich in die "humanistische" Tradition gestellt und damit eigene Inhumanität bemäntelt. Nun kann man Schenker und Mickel Inhumanität natürlich nicht vorwerfen. Aber in den ästhetischen Strategien ihres Werks hat sich nicht weniges vom Vergangenen bewahrt. In Mickels eigenen Texten wittert man den Brecht-Duktus. Und in einer "Antiphon" erklärt der Kinderchor nicht weniger als elf Mal, worauf der Mensch idealerweise ein Recht hat auf Nahrung, Kleidung, Wohnung und entsprechend antworten Chor und Orchester, dass der Mensch dieses Recht in der Realität nicht hat: Hier ist die Distanz zur durch Brechts Brille gesehenen biblischen Umständlichkeit gleich Null.Das ist beinah liebenswürdig altmodisch, aber andererseits auch zäh, weil es weder inhaltlich noch formal großen Erkenntniswert hat. Auch Schenkers Musik, so wuchtig und überladen sie auch daherkommt, ist grundsätzlich auf Nachvollziehbarkeit angelegt viel Text wird so als Vorlage zur Tonmalerei verschleudert. Das beginnt mit den ersten Takten, der Chor schreit, das Orchester agiert laut und wild. "Ich wollte, dass sofort ein Erschrecken da ist", sagt der Komponist. Sicher, irgendwie erschreckt dieses Getöse, aber weil man den Einsatz genau dieser Mittel schon ahnt, kann man auch rechtzeitig in Deckung gehen.Wenig ist zu spüren von einer Form unterhalb des Textzusammenhangs, die solchen Figuren eine tiefere Begründung schafft. Obwohl Schenker viele Gattungen bemüht, seinen Stil mit Jazz und Bach bereichert und im Tonsatz und der Melodieführung abwechslungsreich verfährt, wirken diese Kontraste vor allem unmittelbar dramatisch statt formal konstituierend. Am Ende ist man durchgerüttelt, aber kaum erschüttert. Der Idealismus dieses Stücks, sein Humanitätspathos und sein Vertrauen auf Mitteilbarkeit einer Botschaft, ist leider reine Nostalgie, dem dargestellten Ungeheuerlichen kann er nichts mehr entgegensetzen. Dem Engagement von Chor und Orchester des MDR unter Johanes Kalitzke und dem hervorragenden Countertenor Stefan Brandt, dem der Rozenek-Bericht anvertraut war, dankte im Konzerthaus, zu Unrecht, nur lauer Beifall.