MITTWOCH, 11. August: Schon zwei Tage vor der offiziellen Eröffnungsfeier beginnen die Spiele der XXVIII. Olympiade feierlich: mit dem Gesicht von Tina Theune-Meyer. Verschreckt verliert das chinesische Frauen-Fußballteam 0:8 gegen Deutschland. Der Countdown der Olympia-Uhr vor dem Pressezentrum springt auf Eins.DONNERSTAG, 12. August: Außer Fußball wird noch eine zweite Disziplin vorgezogen: das Einchecken ins Olympische Dorf. Die griechischen Sprinter Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou, angereist aus Chicagodeutschlandodermexiko, schaffen das in neuer Weltrekordzeit. Sie sind so schnell, dass die Dopingfahnder nicht einmal mehr ihre Hacken sehen. Völlig unerwartet und ohne Absprache mit IOC-Präsident Jacques Rogge wird in dieser Nacht auch noch Kradfahren olympisch. Für diese neue Disziplin haben Kenteris/Thanou ebenfalls gemeldet, allerdings weniger erfolgreich: Sie stürzen beim anspruchsvollsten Teil, bei der Nachtfahrt. Griechenland ist entsetzt. Erst eine Woche später werden die Helden entlastet: Sie sind gar nicht gestürzt. Das Motorrad gibt es nämlich gar nicht. Die Uhr nähert sich der Null.FREITAG, 13. August: Die Uhr springt doch nicht auf Null. Sie geht wenige Minuten vor Mitternacht kaputt. Die Olympischen Spiele werden trotzdem eröffnet. Kenteris und Thanou feiern im Krankenhaus, wohin sie wegen Schleuderwunden und Schürftrauma eingeliefert werden - oder so. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel: Wie behandelt man Wunden, die es vielleicht gar nicht gibt? Man legt Kenteris einfach mal eine Halskrause um, wahrscheinlich wegen des Schürftraumas am linken Oberschenkel, obwohl er angeblich auf den rechten gefallen ist. Es steht nicht gut um Griechenland. Das Olympiafußballteam verliert gegen den Irak, und die Iraker brauchen nicht mal ein Motorrad dafür.SONNABEND, 14. August: In Wahrheit beginnen die Olympischen Spiele erst jetzt. Die Judoka Julia Matijass holte die erste deutsche Medaille. Sie stammt aus einer nordostdeutschen Stadt namens Omsk. Inzwischen wohnt sie in einer nordwestdeutschen Stadt namens Osnabrück. NOK-Präsident Klaus Steinbach drängt mit ihr vor die Kameras. Jan Ullrich darf nicht mit aufs Bild. Er wird Neunzehnter und nicht einmal von Verona Feldbusch getröstet. Die schaut beim Handball zu. "Wir haben uns nur auf unser Spiel und Verona konzentriert", sagt Stefan Kretzschmar. Jan Ullrich trinkt abends ein Bier im Deutschen Haus und wird von der Bild-Zeitung beschimpft. Ein Feuerwerk im Garten der Organisationschefin Gianna Angelopoulos-Daskalaki löst Waldbrände aus. Kenteris kann nichts dafür.SONNTAG, 15. August. Radlerin Judith Arndt holt Silber im Stinkefingerzeigen. Der Iraner Arash Miresmaeili wird wegen Übergewichts nicht zum Judo-Wettbewerb zugelassen und versäumt so den Erstrundenkampf gegen den Israeli Vaks, den er aus politischen Gründen aber sowieso nicht bestreiten wollte. Kostas Kenteris liegt aus politischen Gründen immer noch im Krankenhaus. Degenfechterin Imke Duplitzer bleibt dagegen unverletzt, obwohl sie im Viertelfinale ausscheidet. "Das sind so Treffer", sagt sie, "da könnte man sich am liebsten vor den Zug werfen." Tut sie aber nicht. Nicolas Kiefer findet, dass Tennisspieler oft bei viel größerer Hitze antreten als in Athen. "Ich verstehe gar nicht, warum hier eine Mittagspause gemacht wird." Ein Punkt für Tapferkeit, aber viele Dinge sind abends doch angenehmer, Motorradfahren zum Beispiel.MONTAG, 16. August: Das IOC vertagt die Entscheidung über Kenteris und Thanou auf Mittwoch. Sie sind nicht vernehmungsfähig, vermutlich wegen des Schürftraumas am Halskrausenoberschenkel - oder so. Griechenland kann auch ohne Kenteris Gold holen, im Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett. Das geht einfach: Es muss nur ein Russe ans Brett stoßen und ein Chinese die Choreografie vergessen. Andreas Wels und Tobias Schellenberg holen Silber. Ein Flitzer springt im Baströckchen ins Becken. Er wird verhaftet und verurteilt. Straffrei geht dagegen der Meltemi-Wind aus, obwohl er kriminell bläst und die Ruder-Wettbewerbe ausfallen lässt. IOC-Präsident Rogge greift nicht ein, brüstet sich stattdessen mit seinen Griechisch-Kenntnissen. Die erste Liebeserklärung an seine Ehefrau habe er mit dem Beginn von Homers Ilias eingeleitet, sagt er und zitiert: "Eros anikate machan." - "Eros, unbesiegbar bist du." Das gilt nicht für Rainer Schüttler, der verliert und sagt: "Es war eine Katastrophe. Bei dem Wind versucht man nur, den Ball ins Feld zu spielen." Ja, versucht er das sonst nicht? DIENSTAG, 17. August: Franziska van Almsick fühlt sich schlecht und schwimmt auch so. "Der Trainer ist schuld", sagt der Trainer. Das gilt auch für Axel Kirchner. "Es nervt etwas, wenn mein Trainer immer alles besser weiß", sagt Goldjudoka Yvonne Bönisch über Kirchner, der sie jetzt auch heiraten muss. Über 200 Meter Freistil siegt die Rumänin Camelia Potec und gesteht hinterher, sie habe immer sein wollen wie Franziska van Almsick. Wenn das so ist, hätte sie aber Fünfte werden müssen. Zwei Häftlinge in Bangkok fliehen. Ihr Wärter hat die Zellentür nicht richtig verriegelt, vor lauter Aufregung, weil die thailändische Gewichtheberin Polsak in Athen Gold holt. Kostas Kenteris bleibt aber drin. Im Krankenhaus.MITTWOCH, 18. August. Die deutschen Vielseitigkeitsreiter holen Gold. Sie müssen es später wieder hergeben und kriegen es noch später aber wieder zurück. Es gibt also zweimal Gold, quasi, das gleicht sich aber aus, weil es dafür zwei Akkreditierungen weniger gibt. Kenteris und Thanou melden sich ab. Sie sind jetzt beleidigt und machen nicht mehr mit. Als Begründung sagen sie sinngemäß, sie wollten dem nationalen griechischen Interesse keine Schürfwunden zufügen. Die Medaille vom Kradwettbewerb kriegen sie auch aberkannt, weil immer noch keiner das Medaillenmotorrad finden kann. Ohne Motor fährt Jan Ullrich im Zeitfahren auf Platz sieben. Abends trinkt er kein Bier im deutschen Haus. Schwimmen können die Deutschen immer noch nicht, dafür aber Judo. Außerdem ist jetzt der Hallen-Meltemi ausgebrochen. In der Tischtennishalle verbläst er die Bälle in Form seines Verbündeten, einer Klimaanlage. Klaus Steinbach, der Chef des Nationalen Olympischen Komitees, sagt, er habe weiterhin viel Selbstvertrauen in unsere Sportler. Tatsächlich holen Deutschlands Schwimmerinnen am Abend die erste Medaille, Bronze in der 4x200-Meter-Staffel. Sie müssen sie nicht mal mehr hergeben, die Plakette.DONNERSTAG, 19. August. Von Steinbach inspiriert, schwimmt auch Anne Poleska zu Bronze. Sie hat ebenfalls viel Selbstvertrauen, besonders weil sie in den USA trainiert und nicht in Deutschland. Griechische Zeitungen melden jetzt, dass es kein Motorrad gibt. Vielleicht gibt es das aber doch, und Meltemi hat es nur weggeweht, in die Tischtennishalle zum Beispiel. Dennoch berichtet der Athener Privatsender Skai mutig, der Unfall sei entweder "inszeniert worden" oder habe "gar nicht stattgefunden". So was. Kradfahren ist also endgültig gestrichen, dafür übt Schwimmer Michael Phelps jetzt Frisbeewerfen. Nach seinem vierten Gold wird es ihm zu viel mit den Olivenzweigen. Er wirft einen davon seiner Mutter zu. Die fängt ihn zwar, hat aber Pech: Olivenzweigfangen ist noch nicht olympisch. Nicolas Kiefer erreicht mit Rainer Schüttler das Finale im Tennis-Doppel und stellt überrascht fest: "Ich habe das olympische Tier im Körper." Immer noch besser als ein Motorrad.FREITAG, 20. August. Die Diskussion um neue Disziplinen geht weiter. Der Geher André Höhne schlägt weltexklusiv einen neuen Duathlon vor, bestehend aus leichtathletischen und kulinarischen Elementen. "Auf mir hätte man heute ein Ei braten können", sagt er. Christos Tsekos ist da der falsche Ansprechpartner. Der Trainer von Kenteris und Thanou handelt nicht mit Eiern, sondern mit Anabolika-Mitteln. Er soll verschiedene Trainingsgruppen mit bis zu 350 Ampullen versorgt haben. Ungeklärt ist noch, ob er das Zeug mit dem Motorrad selbst ausfährt. Die deutschen Athleten dagegen dopen sich mit Lob aus der Heimat. Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee findet, man könne auf die deutschen Ergebnisse stolz sein. Wenn das so ist, sollte das Land dringend mal Olympische Spiele ausrichten. Hallo Tiefensee, handeln Sie! ------------------------------Fotos : Angepikt: Die französische Spitzenfechterin Laura Flessel-Colovic (l.) und die Ungarin Ildiko Mincza-Nebald nehmen Kontakt auf. Ausgetreten: Ein Mitglied des irischen Segelteams erleichtert sich.Ausgesprintet: Trainer Tsekos, Katerina Tanou und Kostas Kenteris (v. l.).Angehimmelt: Rad-Olympiasieger Paolo Bettini (l.) mit Axel Merckx.Anstößig: Radfahrerin Judith Arndt holt Silber im Stinkefingerzeigen.Angehängt: Einer-Ruderer Marcel Hacker und sein Maskottchen.Angenagelt: die Judoka Anna von Harnier in stabiler Bauchlage.Abgestürzt: Der chinesische Synchronspringer Wang (r.) verliert im Finale die Kontrolle in der Luft, die Chinesen müssen eine Niederlage verkraften.