Die DDR war 1990 noch lange nicht matt gesetzt. Sechs Vertreter des untergegangenen Staates sollten noch viereinhalb Jahre später für einen letzten Sieg des Sozialismus sorgen: Im März 1995 holte die DDR-Nationalmannschaft bei der zehnten Fernschach-Olympiade Bronze die letzte Medaille für ein Land, das nicht mehr existierte. Das Turnier hatte 1987 begonnen.Fernschach ist ein gemächlicher Sport. Die Züge werden per Post übermittelt, jeder Spieler bekommt drei Tage Bedenkzeit. In einer Mannschaftsmeisterschaft spielen zehn Mannschaften mit je sechs Spielern 54 Partien, jeder gegen jeden. Das kann schon mal bis zu sieben Jahren dauern. Im Oktober 1990, als Deutschland sich wieder vereinigte, waren der Ost-Berliner Fritz Baumbach und Karl-Heinz Maeder aus Frankfurt am Main mitten in der deutsch-deutschen Partie der Olympiade. Plötzlich waren sie Landsleute geworden. Doch ungerührt von den historischen Ereignissen spielten die beiden weiter. "Es stand nie zur Debatte, die Partie abzubrechen", sagt Baumbach heute. Im Frühjahr 1991 gab der Westdeutsche auf. "Ich habe bis 1949 für Deutschland gespielt, dann für die DDR und jetzt spiele ich für die Bundesrepublik. Wer weiß, unter welcher Fahne ich noch antreten werde", sagt Baumbach. Der 64-jährige Doktor der Chemie strahlt, wenn er seine Geschichte erzählt. Damals, 1994, ging sie durch die Medien. Das war viel Aufmerksamkeit für einen Sport, über den viele Menschen nichts wissen. Der gebürtige Thüringer spielt Schach, seitdem er 13 Jahre alt ist. 1970 wurde er DDR-Meister im Nahschach. Im Fernschach errang er 1982 den Vize- und 1988 den Weltmeistertitel. Den Unterschied zwischen den beiden Arten des Schachspiels erklärt er gerne so: "Nahschach ist wie eine Klassenarbeit, Fernschach dagegen entspricht einer Hausarbeit". Momentan korrespondiert er mit 27 Partnern. Die Partien habe er alle im Kopf, sagt er. Der fünffache Familienvater ist Präsident des deutschen Fernschachbundes und Generalsekretär des Weltfernschachbundes. "Materielle Dinge sind mir nicht so wichtig", sagt Baumbach. Er hat nach der Wende seinen Arbeitsplatz behalten, er patentiert Erfindungen für Arzneimittel im Max-Delbrück-Centrum für Molekularbiologie und Medizin in Pankow, wo er auch lebt. Wenn er an früher denkt, hat er ein wenig Wehmut. Die neuen Kommunikationsmittel nennt er die Feinde seines Sports. Schlechtere und mittlere Fernschachspieler können heute ihre Partien in Ruhe auf ihrem PC nachstellen. Dann spiele der Computer die Partie, der Spieler selbst bringe keine eigene Denkleistung. Bei der elften Weltmeisterschaft, die gerade zu Ende gegangen ist, spielten Baumbach und sein ehemaliger west-deutscher Gegner Maeder übrigens in einem Team und schafften es auf den ersten Platz. Am 23. Oktober werden in Magdeburg die Medaillen verliehen. Die Goldmedaille müssen die Deutschen allerdings teilen sie liegen punktgleich mit einem Staat, den es nicht mehr gibt: der Tschechoslowakei.