Philosophie, Juristerei, Medizin, Theologie - alles für die Katz. Dr. Heinrich Faust, der intellektuelle Tor, schaufelt und karrt seine Bibliothek in die Tonne. Eine ABM, die ihn nicht froher, eher bitterer macht. Der Mann ist am Ende. Dort, wo seine Studierstube stand, fleddern Bücher auf Halde. Kein Baum, kein Osterstrauch, nirgendwo Hoffnungsgrün. Eine verbogene Eisenbahnschiene ragt mahnend in den Himmel. Geputzte Bürger flanieren achtlos vorüber. Hier Mensch sein?Ein Beckettsches Bühnenbild und sarkastische Zweifel prägen die letzte Inszenierung von Fritz Bennewitz, die am Wochenende im südthüringischen Meiningen Premiere hatte. Goethes "Faust I" sollte den Schlußpunkt unter die jahrzehntelange Auseinandersetzung des Regisseurs mit dem Menschheitsstoff setzen, Bilanz ziehen aus der Sicht des alten, gereiften Theatermannes. Die Inszenierung blieb unvollendet. Am 12. September, kurz nach Probenbeginn, war Bennewitz 69jährig verstorben. Sinn statt Sinnlichkeit Eine Premiere post mortem; dank des diszipliniert arbeitenden Ensembles gelingt es, die Inszenierung "im Sinne" des Regisseurs auf die Bühne zu bringen. Aber eben nur im Sinne - die Sinnlichkeit geht über weite Strecken verloren. Entwürfe und Spielansätze (hinterlassen in Gesprächen, Skizzen und Notizen) werden kaum ausgereizt, Szenen überdehnt oder deklamatorisch überbrückt.Das fällt um so mehr auf, wenn man Bennewitz' 81er Faust-Inszenierung (die dreizehn Jahre lang, bis Frühjahr `94 am Nationaltheater Weimar gelaufen ist) noch frisch in Erinnerung hat. Dort wurde die Welt in ihrer Veränderung und Gefährdung erfahrbar; Faust drängte in die Genküche, Mephisto schleuderte den Neutronenblitz. Ein janusköpfiges, auf Gedeih und Verderb verbundenes Paar. In Meiningen fällt es auseinander. Faust wirkt ratlos, Mephisto bar jeglicher Verführung. Durch Text aneinandergeklammert, besichtigen die beiden den Trümmerplatz der Geschichte.Das ist zunächst die Bücherhalde, später eine von verkohlten Bäumen und Gerüsten überragte Baustelle (Ausstattung: Christian Rinke). Gretchens kleine Welt wird abgerissen, aus der Baggerschaufel rieseln Goldbarren. In der Walpurgisnacht frönt am selben Platz die Hexenwelt der Techno-Szene. Da blitzt noch einmal der Schalk des alten Bennewitz, der sich ansonsten überraschend oft in Klischees und Eigenzitate flüchtet. Teufel mit Popfrisur Der HErr, vor vierzehn Jahren noch Gärtner, wird im Rollstuhl auf die Bühne geschoben; im Zuge der Wette hellt sich seine Miene kurz auf, aber schon geht's zurück auf die Pflegestation. Mephisto (Ulrich Kunze) sieht man zunächst als Dichter Brecht im Meininger Vorspiel vorm Zerrspiegel; der schmauchende Dialektiker zeigt seinem um die Kasse besorgten Theaterdirektor die kalte Schulter. Als moppeliger Teufel mit Popfrisur und christlichem Husten erinnert er dann mehr an Prinzen-Sänger Sebastian; dessen Song "Du mußt ein Schwein sein in dieser Welt" ist aber schon der Hit der Burschenschaftler aus Auerbachs Keller. HansJoachim Rodewald leiht Faust Züge des gescheiterten DDR-Intellektuellen, begibt sich in Lederjacke und Turnschuhen noch einmal auf die Suche und kann - "Fluch der Hoffnung, Fluch dem Glauben" - weder bei Gretchen (Christine Zart) noch in der Natur Befriedigung finden. Auch wenn er auf Mephisto davongaloppiert, bleibt er am Ende doch was er ist: heimatlos und unbehaust - Heinrich auf der Halde.Für Fritz Bennewitz, dessen Laufbahn 1954 in Meiningen begann, schloß sich mit dieser Arbeit der Lebenskreis. Shakespeare, Brecht und immer wieder Goethes "Faust" hatte er inszeniert - in New York seinerzeit mit dem ersten farbigen Gretchen, später mehrfach mit Ensembles in der dritten Welt. Faust war für ihn ein Stück, "das man sich nicht aussucht, es sucht einen heim". Vielleicht war es doch Hoffnung, die Bennewitz trieb, ihn nochmals in Meiningen zu versuchen. +++