Ohne ihn hätten die Deutschen ein anderes Geschichtsbild: Das kann man von kaum einem deutschen Historiker des 20. Jahrhunderts mit so viel Recht sagen wie von Fritz Fischer, der am Mittwoch im Alter von 91 Jahren in Hamburg gestorben ist. Im Jahre 1961 erschien das Buch, das ihn mit einem Schlag berühmt machte: "Der Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918". Es war ein Großangriff auf die von Generationen von deutschen Historikern gelehrte, von Generationen von Deutschen geglaubte Auffassung, das Deutsche Reich treffe keine besondere Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, und folglich habe Deutschland gut daran getan, sich nach 1918 gegen die "Kriegsschuldlüge" der Sieger zur Wehr zu setzen.Fischer bemühte sich im "Griff nach der Weltmacht" und weiteren Veröffentlichungen, darunter dem 1969 vorgelegten Buch "Der Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 bis 1914", um den Nachweis, dass die Reichsleitung nach dem Attentat von Sarajevo alles getan habe, um die Habsburger Monarchie in einen Krieg mit Serbien hineinzutreiben und damit sehenden Auges den großen Krieg auszulösen. Der Erste Weltkrieg, nach dem Urteil des amerikanischen Historikers und Diplomaten George F. Kennan die "Urkatastrophe dieses Jahrhunderts", war Fischer zufolge für Deutschland kein Verteidigungskrieg, sondern ein Krieg um die Vormachtstellung in Europa und um den Aufstieg zur Weltmacht. Die Belege, die der Hamburger Historiker zu Gunsten dieser These beibrachte, waren erdrückend und bedrückend. Denn viele der belastenden Dokumente aus den Akten des Auswärtigen Amtes hatten schon der ersten Koalitionsregierung der Weimarer Republik, dem Kabinett Scheidemann, im Frühjahr 1919 vorgelegen.Doch gegen den Rat des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert entschied sich damals die Mehrheit der Minister gegen eine Veröffentlichung. Zu groß war ihre Furcht, sie könnten mit einem Eingeständnis deutscher Schuld den Siegern in die Hände arbeiten. Die Zurückhaltung der Demokraten erleichterte das Geschäft der nationalistischen Rechten. Diese verbreitete fortan jene Kriegsunschuldlegende, die für Hitlers Aufstieg zur Macht ähnlich wichtig werden sollte wie ihre Zwillingsschwester, die Dolchstoßlegende.Die Thesen Fischers lösten heftigen Widerspruch aus, aber sie setzten sich in der Hauptsache durch. Auf dem Berliner Historikertag vom Oktober 1964 fielen die Würfel. In einer mehrstündigen Redeschlacht behauptete sich Fischer, unterstützt von jüngeren Historikern und auch von Fritz Stern, gegen die meisten Einwände seiner Widersacher.Die "Fischer-Debatte" war der erste große Historikerstreit der Bundesrepublik, der die Öffentlichkeit insgesamt erregte. Was wir heute "Geschichtskultur" nennen, bildete sich in der ersten Hälfte der sechziger Jahre heraus. Das gebildete West-Deutschland nahm Abschied von deutschnationalen Legenden und entwickelte ein selbstkritisches Verhältnis zu seiner nationalen Tradition. Die Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens erhielt in jenen Jahren, also geraume Zeit vor 1968, ihr historisches Fundament. Kein Wissenschaftler hatte daran so viel Anteil wie Fritz Fischer.Von Hause aus war der gebürtige Franke evangelischer Theologe. In diesem Fach hatte er sich 1935 in Berlin habilitiert. Die theologischen Wurzeln seines Denkens blieben auch im Werk des Historikers erkennbar: Fischer ging es, gut lutherisch, immer um die Frage von persönlicher Verantwortung und Schuld. Dabei überzog er nicht selten. Strukturen interessierten ihn weniger als Persönlichkeiten; den Vergleich der deutschen Politik mit der Politik anderer Mächte sparte er aus. Er spitzte seine Thesen im Verlauf der Zeit immer mehr zu und betonte die Kontinuität der deutschen Eliten im 20. Jahrhundert schließlich so stark, dass das Neue an Hitlers Politik darüber fast verblasste. Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs prägte seine Sicht des Ersten, und daraus erklären sich manche seiner Einseitigkeiten, die von der Forschung inzwischen korrigiert worden sind. Der Lebensleistung dieses Historikers tut das keinen Abbruch. Fritz Fischer hat den Deutschen geholfen, sich aus der Gefangenschaft von Geschichtslegenden zu befreien, die zu nationalen Lebenslügen geworden waren. Sein moralischer Mut war nicht minder ausgeprägt als sein wissenschaftlicher Erkenntnisdrang. Die Deutschen haben Grund, Fritz Fischer dankbar zu sein.