Wer Fritz J. Raddatz Erinnerungen lesen möchte, muss erst einmal mehrere Hürden überwinden. Die negativen Rezensionen sind die ersten, aber die sind leicht zu nehmen. Man weiß, wie viel höchst private Idiosynkrasien noch in die öffentlichsten Urteile einfließen. Dann ist da der peinliche Titel "Unruhestifter". Er ist so alt und hausbacken. Dann kommt der erste Satz des Buches: "Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist ." Er ist von J.-J. Rousseau und steht dem Buch als Motto voran. Dann kommt Raddatz erster Satz: "Mit majestätischer Gelassenheit fauchte der Minister." Jeder vernünftige Mensch hört hier auf das Buch zu lesen. Wie bitte soll das sein: majestätisch gelassen fauchen? Gelassen fauchen? Das gibt es nicht. Wer diese Hürden - aus welchen Motiven auch immer - genommen hat, wer also weiterliest, der sieht, dass die restlichen fünf Absätze der ersten Seite so beginnen: "Da saß ich .", "Da lebte ich .", "Da war ich .", "Da war ich .", "Da war ich ." Wer jetzt aufhört, hat mein volles Verständnis, aber er hat nicht begriffen, dass er eine Autobiografie in der Hand hält. Und dass es die von Fritz J. Raddatz ist.Aber lassen Sie das Buch nicht aus der Hand fallen, werfen Sie es nicht in die Ecke. Machen Sie sich ganz klein, damit Platz für Raddatz ist. Ich habe das Buch begeistert gelesen von neun Uhr morgens bis zwei Uhr nachts. Raddatz kennt jemand, das ist der interessanteste Mensch auf der Welt: Raddatz. Wer ein paar Stunden von seinem Wahn absehen kann, dass natürlich er selbst der interessanteste Mensch auf der Welt ist, für den ist dem Raddatz schen Wahn zu folgen ein erheiterndes und belehrendes Vergnügen.Wer die Hürden nimmt, wem es also gelingt, von sich abzusehen, der liest eines der interessantesten Bücher dieses Herbstes. Es gibt kaum Schilderungen der Berliner Nachkriegszeit, die an die Eindringlichkeit heranreichen, mit der der 1931 geborene Raddatz von dem ausgehungerten pubertieren Jungen erzählt, der durch die Trümmer der Reichshauptstadt zieht, um etwas zu finden, das sich auf dem Schwarzmarkt tauschen lässt gegen Lebensmittel, die ihn und seinen sterbenden Vater ernähren. Er schildert in einem Kapitel seine Schwester so, dass man sich fragt, warum noch niemand das Leben dieser Frau verfilmt hat, ergreifend wie das Kapitel, das er seiner Jugendliebe Ruth widmet, und zu Tränen rührend - es wird viel geweint in diesem heiteren Buch - die Seiten über seinen schönen, schwarzhaarigen Lebensgefährten, der schizophren war und um den Raddatz sich - glauben wir ihm - kümmerte wie es dem Schreiber dieser Rezension ganz sicher unmöglich wäre. Der Egoman Raddatz hat Freunde, er hat sie lange, jahrzehntelang. Wer kann das von sich sagen? Raddatz beobachtet gerne und es mag mit seiner Egozentrik zusammenhängen, aber es macht auch seine Intelligenz aus, dass er sich, wenn er andere beobachtet, immer mit sieht. Man lese das Kapitel über "die Mondäne". Eine zigfache Millionärin, mit der er u.a. durch die New Yorker Gesellschaft zieht. Sie - der Klatsch, nicht Raddatz sagt, es handele sich um Frau Gabriele Henkel - will ihn dabei haben, gleichzeitig aber vergeht keine halbe Stunde, in der sie sich nicht von ihm distanziert, in der sie nicht ihm und anderen klar macht, dass er weit unter ihrem Stand ist. Raddatz folgt ihr. Er macht das Schoßhündchen. Er wird es für sich gemacht haben. Aber jetzt, da er es erzählt, danken wir ihm, dass er es getan hat, denn nirgends ist uns eine von Geld und Gier so Getriebene so klar vor Augen gestellt worden, wie in der "Mondänen", die lieber die Treppen hochrennt, als einen Lift zu benutzen, dessen Tempo nicht sie bestimmen kann.Es gibt jede Menge Irrtümer in diesem Buch. Sie werden in den Rezensionen genüsslich aufgezählt. Jeder Leser wird weitere finden. Zum Beispiel Maconda statt Macondo. Aber wo findet er eine so kalte und zugleich so ergreifende Schilderung zum Beispiel des Literaturhistorikers Hans Mayer? Raddatz präpariert dessen hemmungslose, alles andere tropisch überwuchernde Eigenliebe, die sich stets an großen Künstlern anlehnte, um an ihnen sich zur eigenen Größe hochzuranken, so plastisch heraus, dass man nach drei, vier Sätzen begreift: hier spricht Raddatz von sich, von seiner Art sich das Große anzuverwandeln, es sich einzuverleiben, damit das eigene Ego, der eigene Körper etwas bekommt, von der Schönheit, der Brillanz und dem Ernst dieser verehrten, aber auch beneideten anderen. Das passiert Raddatz nicht. Er weiß es. Auf der letzten Seite schreibt er es: Er habe für dieses Buch "die Form der Spiegelungen gewählt". Gewählt stimmt sicher nicht. So schreibt nur einer, der keine Wahl hatte.Das sich über alles ausbreitende, alles auf- und aussagende, scheinbar ganz und gar hemmungslose Ich, ist gleichzeitig selbstmörderisch schüchtern. Der überhebliche, seiner Fähigkeiten überbewusste Raddatz, der schon als Zwanzigjähriger in der Berliner Zeitung schrieb, musste 53 Jahre alt werden, bis 1984 "Kuhauge", seine erste belletristische Arbeit, erschien.So lange dauerte es, bis der angebliche Egoman den Mut fand, von der Verehrung abzulassen und selber zu tun, wofür er die Dichter, die Schriftsteller, seine Freunde, so entschlossen wie kritisch ein Leben lang verehrt hatte. Nun hatte er aufgehört mit dem Dramatisieren des Gehörten, Gesehenen, Gelesenen und war selbst Autor einer erfundenen Geschichte geworden. Dass es so lange gedauert hatte, belegt Raddatz kritischen Blick auf die eigenen Fähigkeiten, und es mag sein, dass dessen Trübung Raddatz Seitenwechsel befördert hat. Aber wir freuen uns, dass er die Angst vor dem Scheitern abgelegt hat - denn dem haben wir das Gelingen dieses Buches zu verdanken.Fritz J. Raddatz Unruhestifter - Erinnerungen. Propyläen-Verlag, München 2003. 495 S. , 24 Euro.BERLINER ZEITUNG/CHRISTIAN SCHULZ Der ehemalige Mitarbeiter der Berliner Zeitung, Cheflektor von Volk und Welt, Rowohlt-Chef, Feuilletonchef der Zeit, Literaturprofessor, der Autor Fritz J. Raddatz hat ein großartiges Buch geschrieben. Über sich.