Fritz Rudolf Fries diskutierte über seine Stasi-Kontakte: Der hohe Preis der Reisefreiheit

Es geht um das Engagement in einer Sache, die es nicht mehr gibt. Am Montag äußerte sich der Schriftsteller Fritz Rudolf Fries im Literaturhaus zu seiner Stasi-Mitarbeit. Unmöglich zu erklären: "Ich verspreche, es nicht wieder zu tun" - und alles würde gut. Vom Ministerium für Staatssicherheit sind nur noch kilometerweise Akten übrig. Und mittlerweile gibt es eine ausführliche Untersuchung über die Bereitschaft von Schriftstellern, mit dem MfS zu kollaborieren; Joachim Walthers Buch "Sicherungsbereich Literatur". Die über zwanzig Jahre dauernden Kontakte von Fritz Rudolf Fries zur Firma nehmen darin mehrere Seiten ein.Bisher wurde das Thema Stasi-Mitarbeit vornehmlich von Außenstehenden oder den Opfern diskutiert. Auch Fries mußte eingestehen, das Gesprächsangebot des Akademiepräsidenten Walter Jens vom Frühjahr voreilig ausgeschlagen zu haben. Insofern war die vorgestrige Veranstaltung ein besonderes Ereignis. Herbert Wiesner, Leiter des Literaturhauses, hatte als Diskussionspartner die Schriftsteller Uwe Kolbe (1987 aus der DDR ausgereist) und Hans Christoph Buch eingeladen. Buch ist seit der Teilnahme an einer internationalen PEN-Tagung 1983 in Caracas mit Fries befreundet. Unbestritten war der literarische Rang des Fritz Rudolf Fries, dessen eigenständige Sprache und Ästhetik nicht ins Bild des sozialistischen Realismus paßten. Schlechte Schriftsteller würden sie auch als IM nicht interessieren, erklärte Wiesner.Fries' erster Roman "Der Weg nach Oobliadooh" gehört zu den von der DDR-Zensur am hartnäckigsten behinderten Werken. Als das Buch 1966 im Westen erschien, lasen die Behörden daraus einen Boykottaufruf gegen das System, Fries verlor seine Stelle als Romanist an der Akademie der Wissenschaften und war gesellschaftlich isoliert. Zu dieser Zeit trat die Stasi erstmals an ihn heran - Männer, die einen "geistig primitiven Eindruck" machten, so Fries heute. Doch kam es Mitte der siebziger Jahre zu einem Umschlag in den Beziehungen, als ihn nur noch ein Stasi-Mann allein besuchte, ein intelligenter, belesener Mensch. Zu diesem entwickelte Fritz Rudolf Fries ein nahezu freundschaftliches Verhältnis. Seiner Familie verschwieg er die Herkunft des Mannes, der einmal monatlich oder alle sechs Wochen ins Haus kam. An Dekonspiration war Fries offensichtlich nicht gelegen.Was ihm die Gespräche über Staat und Literatur einbrachten, waren relative Ruhe für seine literarische Arbeit und die Möglichkeit zu reisen. Ob der Preis dafür nicht zu hoch gewesen sei, fragte Hans Christoph Buch skeptisch, fügte aber hinzu, daß ein Autor wie er, der spanische und lateinamerikanische Dichter übersetzt hat, ohne Reisen wohl "verkümmert" wäre. Und Kolbe erkundigte sich recht vorsichtig, warum der unausgesprochene Satz "Mit denen spricht man nicht" in seinem Umfeld Konsens gewesen sei, bei Fries aber nicht galt.Die Diskussionspartner waren offensichtlich nicht gekommen, um über den Gast zu richten. Sie konfrontierten ihn mit Fragen, nicht mit Urteilen. So rückte Fries schließlich von der anfänglichen Aggression ab, mit der er sich über Joachim Walthers aufklärerische Arbeit äußerte. Sein Urteil, "Ich finde es merkwürdig, daß ein Kollege aus dem eigenen Stall, aus der DDR-Literatur, sich dazu hergibt, diesen Augiasstall auszumisten", relativierte er später: "Ich habe Walthers Buch noch nicht zu Ende gelesen, vielleicht korrigiere ich mich dann."Manch einem im Publikum erschien die Debatte "zu zahm", andere fanden wiederum, man hätte vom "hohen westlichen Roß" aus gesprochen. Diese Meinungsunterschiede belegen, wie schwierig eine Verständigung zum Thema noch immer ist. Es scheint jedoch, daß die am Montag vorgeführte Variante der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die bestmögliche ist; ein Verfahren nämlich, das vielleicht auf ein abschließendes Urteil verzichtet, aber auf dem Nachfragen, Zuhören und Diskutieren beharrt. +++