BERLIN. Für Fritz Teppich ist die Geschichte der Enteignung der jüdischen Familie Kempinski der größte mafiöse Nazifall überhaupt. Der 87-Jährige meint damit auch gleichzeitig die Aneignung des Kempinski-Besitzes in den 50er Jahren - ziemlich undurchschaubare und schwierige Transaktionen, bei denen jedenfalls die gesamte Kempinski-Familie leer ausging. Dafür übernahmen die damaligen Kempinski-Inhaber - teilweise schon in der NS-Zeit an der Enteignung beteiligt - den guten Namen, der bis heute Bestand hat. "Keiner von uns hat jemals einen Pfennig Entschädigung bekommen", sagt Teppich, der seit Jahrzehnten vergeblich um das Erbe seiner Familie kämpft.In diesen Tagen ist Teppichs Empörung besonders groß. "Die Welt trifft sich in einem Hotel mit dem Namen Kempinski. Das lässt sich an Geschmacklosigkeit nicht überbieten", schimpft er mit Blick auf die G8-Tagungsstätte in Heiligendamm. Der Rentner, natürlich als linker Jude ein entschiedener Gipfelgegner, vergleicht die aus seiner Sicht unsensible Ortswahl sogar mit dem Auftritt des damaligen Bundeskanzlers Kohl an den SS-Gräbern in Bitburg.Der Berliner Jude ist der Bruder der im Exil verstorbenen Mela Kempinski und damit eng verwandt mit der einstigen gleichnamigen Hotel- und Gaststättendynastie. Seine Schwester Mela war mit dem letzten Besitzer des schon in der Weimarer Republik großen Berliner Unternehmens, Hans Kempinski, verheiratet. Das Paar emigrierte in die USA. Von der Familie lebt nur noch Teppich in Berlin und der inzwischen hochbetagte Sohn von Hans, Tom Kempinski, in London. Viele Angehörige der einst erfolgreichen Kempinskis wurden von den Nazis verfolgt und in den Konzentrationslagern ermordet.Ginge es nach Teppich, müssten US-Präsident George W. Bush und alle anderen Spitzenpolitiker den Ursprung des Hotelnamens erfahren. Schließlich würde ja gerade der US-Präsident aus einem Land mit einem großen Anteil jüdischer Bevölkerung kommen. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hätte sich bei der Vorbereitung des Gipfels rechtzeitig um die unheilvolle Geschichte kümmern müssen. "Die Kanzlerin hätte es wissen müssen", sagt Teppich. Für ihn, der als junger Mann an der Seite der spanischen Republik gegen die Nazis kämpfte, ist die - bereits unter Merkels Vorgänger Gerhard Schröder erfolgte - Wahl des Tagungsortes aber auch eine Gelegenheit, die Geschichte seiner Angehörigen zu erzählen.Dabei hat Teppich in vielen kleinen Schritten und in mühevoller Arbeit kleine Erfolge erreicht. Der Kempinski-Konzern hatte beispielsweise noch 1987 eine Firmenchronik herausgegeben, in der die in der NS-Zeit im Unternehmen beschäftigten Zwangsarbeiter nicht vorkamen. Der Konzern zog die Veröffentlichung nach Protesten tatsächlich zurück und schaltete die Historische Kommission zu Berlin ein. Auch internationale Zeitungen reagierten und erzeugten Druck. Die Kommission hat dann Mitte der 90er Jahre in dem Buch "M.Kempinski & Co" fast alle Details um die Enteignung und die Entwicklung der Nachkriegszeit festgehalten.1994 brachte die Kempinski-Gruppe nach langer Diskussion um den Text direkt neben dem Haupteingang des Berliner Nobelhotels eine Gedenktafel an: "Das 1952 eröffnete Bristol Hotel Kempinski möchte, dass das Schicksal der Gründerfamilie nicht vergessen wird." Erinnert wird dort seitdem auch an die so genannte Arisierung. Jüdische Überlebende der Familie waren zur Enthüllung nicht eingeladen worden. Erst vor kurzer Zeit hat der Petitionsausschuss des Bundestages die Geschichte "mit Betroffenheit" zur Kenntnis genommen. Gleichzeitig heißt es allerdings, dass der Ausschuss keine Entscheidung treffen könne, ob die "Eigentumsübertragung ohne Abfindung der Erben" rechtmäßig erfolgt sei.Chancen auf eine Wiedergutmachung bestehen nach all den Jahren also ohnehin nicht. Die möchten die überlebenden Kempinski-Erben längst nicht mehr, sondern nur, dass deutschland- und am besten weltweit bekannt wird, welches Unrecht ihnen geschehen ist. "Alles wird getan, um die furchtbare Vergangenheit zu verwischen", sagt Teppich. Er verlangt sogar eine unabhängige UN-Kommission unter Leitung des UN-Sonderberichterstatters Jean Ziegler.------------------------------Foto: Fritz Teppich will an die wahren Kempinskis erinnern.