Früher besaß das Kammergericht eine Gemäldesammlung seiner ehemaligen Präsidenten. Nun ist sie wieder aufgetaucht: Die vergessenen Bilder

Ein kleiner Aktenvermerk hätte gereicht: "Wiedervorlage nach Wiedervereinigung". Dann wären sie vermutlich ein paar Jahre eher wieder aufgetaucht, die Gemälde des Kammergerichts. Aber wer hat in Zeiten des Kalten Krieges schon an eine Wiedervereinigung Deutschlands gedacht? Und so wurde die Akte vergessen und mit ihr die Bilder. Erst jetzt, nach 64 Jahren, hat man zumindest 16 der 26 Gemälde wiedergefunden. Man sei im Kammergericht jahrelang davon ausgegangen, dass sie in den Nachkriegswirren verloren gingen, sagt Kammergerichtspräsidentin Monika Nöhre.Den Wert der Bilder hat noch niemand beziffert. Es sind meist Porträts einstiger Präsidenten des obersten Berliner Landesgerichts. Weil die schon immer in der Stadt ein hohes Ansehen genossen, wurden sie im Auftrag des Kammergerichts für die Nachwelt porträtiert, und das von namhaften Malern. Der Berliner Carl Begas zum Beispiel hat zwischen 1834 und 1850 vier Kammergerichtspräsidenten in Öl festgehalten. Von dem Berliner Hofmaler Antoine Pesne stammt ein Porträt aus dem Jahre 1730. Und auch ein Max Liebermann ist dabei. Der malte 1914 den Kammergerichtspräsidenten Wilhelm Heinroth, der in dem Haus am Kleistpark in einer 16-Zimmer-Dienstwohnung lebte - mit Festsalon, Musik- und Kaminzimmer. Von dem Historienmaler Bernhard Rode wiederum stammen drei Bilder mit Darstellungen aus der römischen Geschichte.Gegen BescheinigungDass die Bilder wieder auftauchten, ist im Grunde einem Richter im Ruhestand zu verdanken, der sich mit der Geschichte des Kammergerichts vor dem Zweiten Weltkrieg befasst. Er hat in alten Unterlagen einen Hinweis auf das Porträt von Max Liebermann gefunden. Irgendwann erzählte er Kammergerichtspräsidentin Monika Nöhre davon. Und die ließ nachforschen. Zuerst im Liebermann-Museum am Wannsee. Eine Anfrage ergab, dass sich das Heinroth-Porträt im Märkischen Museum befindet. Das wiederum teilte dem Kammergericht mit, dass im Depot noch weitere 15 Gemälde aus dem einstigen Bestand des Kammergerichts aufbewahrt werden. "Sie wurden dem Märkischen Museum 1952 vom damaligen Ost-Berliner Magistrat übergeben", sagt Angelika Reimer, Leiterin der Gemäldesammlung der Stiftung Stadtmuseum. Die Bilder seien ganz normal im Bestand geführt worden. Nur hatte eben niemand nachgeforscht. Mit den Gemälden tauchte auch die Akte in der Registratur des Gerichts wieder auf. Sie wurde bis 1970 geführt und danach ordnungsgemäß abgelegt. Die alte Akte hat die Nummer 5310 E-A 1. "Gemälde des früheren Kammergerichts" steht, von Hand geschrieben, auf dem Einband. Die Akte liegt jetzt bei Kammergerichtspräsidentin Nöhre auf dem Schreibtisch. Der erste Eintrag stammt vom 11. September 1945. 26 Gemälde, heißt es dort, holte an jenem Tag ein Bote im Kammergericht an der Elßholzstraße in West-Berlin "gegen Empfangsbescheinigung" ab, um sie in den Ostsektor zu bringen. Dann, im Zuge der Teilung Berlins und damit auch der Teilung der Berliner Justiz, verlor sich die Spur der Bilder.Der letzte Eintrag in der Akte stammt vom 12. März 1970: Der Erbe eines einstigen Gerichtspräsidenten erkundigte sich nach dem Verbleib des Porträts seines Vorfahren. Er erhielt die für solche Anfragen übliche Antwort: ". dass sämtliche noch vorhanden gewesenen Bilder bei der Spaltung der Berliner Justiz im Februar 1949 im Ostsektor der Stadt verblieben sind" und bedauerlicherweise nichts über deren Verbleib bekannt sei. Er hätte das Gemälde ohnehin nicht bekommen, da es im Auftrag des Gerichts gemalt wurde und somit Eigentum des Landes ist.Risse in der LeinwandFünf Bilder, darunter die drei Gemälde von Rode, werden derzeit in der Werkstatt von Holger Manzke restauriert. Die Leinwand ist gerissen, Farbe blättert, zum Teil wurden sie 1815 bei einer Restaurierung übermalt. Das Kammergericht hat die Kosten für die Restaurierung übernommen - aus Geldern, die Filmfirmen für Dreharbeiten in Gerichtsgebäuden zahlen.In der kommenden Woche sollen die Bilder wieder ins Kammergericht zurückkehren. Die drei Rodes kommen in einen großen Sitzungssaal an die Wand. Der Liebermann erhält einen Platz im Dienstzimmer der Kammergerichtspräsidentin. Das Bild von Pesne auch. Er malte Samuel Freiherr von Cocceji. Dieser wurde 1723 Kammergerichtspräsident, dann preußischer Justizminister und ab 1747 Großkanzler, er reformierte für Friedrich II. das preußische Justizwesen. Das Bild passe perfekt in ihr Arbeitszimmer, sagt Kammergerichtspräsidentin Nöhre. Weil dort in einer Ecke bereits eine Marmorbüste von Cocceji steht. Sie stammt aus dem Jahre 1765.------------------------------Geteilte JustizDas Kammergericht hatte von 1913 bis 1945 seinen Sitz in der Elßholzstraße. Dort gab es eine Galerie mit Porträts einstiger Präsidenten, die Bilder waren nach dem Krieg verschwunden.Nach Kriegsende zog das Gericht in die heutige Littenstraße in Mitte. Das Haus in der Elßholzstraße wurde zunächst Sitz des Alliierten Kontrollrates, von 1948 bis zur Wende war dort die alliierte Luftsicherheitszentrale.Die Berliner Justiz spaltete sich im Februar 1949. In der Littenstraße war bis zur Wende das höchste Gericht der DDR. Im Westen residierte das Kammergericht von 1951 bis 1997 in der Witzlebenstraße. Danach zog es wieder in die Schöneberger Elßholzstraße.------------------------------Foto: Restaurator Holger Manzke in seiner Werkstatt bei der Arbeit an einem Ölgemälde von Bernhard Rode.------------------------------Foto: Reproduktion des Heinroth-Porträts von Max Liebermann. Noch befindet sich das Bild im Depot.------------------------------Foto: Carl Begas malte 1845 Präsident Heinrich von Grolmann. Das Bild wird gerade restauriert.