Früher war Neco Celik Schulabbrecher und Gang-Mitglied. Jetzt ist er Film- und Theaterregisseur: Neco von der Naunynritze

Es ist elf Uhr morgens. Schon seit einer Stunde wird in einer soliden Hinterhof-Fabriketage, dem Probenraum des Kreuzberger HAU-Theaters, an "Romeo und Julia" gearbeitet. "Eselficker!" "Türkenschwein!" "Ich ramm dir deinen Halbmond in den Arsch!" Immer wieder werfen sich deutsche und türkische Schauspieler die gleichen charmanten Dinge an den Kopf. Neco Celik sitzt unauffällig an der Seite und grinst. Er liebt diese Sprache. Neco Celik ist der Regisseur. Für zweieinhalb Monate, bis zur Premiere am 8. März, residieren er und seine Schauspieler hier. An der Wand, gleich neben der Tür, hat Celik eine Unzahl an Zeitungsartikeln aufgehängt. Es geht um türkisch sprechende Imame, Kopftuch tragende Frauen und geplante Moscheebauten. "Material zum Stück" hat jemand in eiliger Krakelschrift darüber geschrieben.Neco Celik ist gläubiger Moslem und Regisseur einiger schräger Underground-Filme, die ihm den Ruf eingebracht haben, der Spike Lee von Kreuzberg zu sein. Im vergangenen Jahr hat er sein erstes Theaterstück inszeniert, "Schwarze Jungfrauen" (von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel), in dem junge Neo-Musliminnen recht heftig mit Gott, Sex und den Männern hadern. Mit seiner Inszenierung kam Celik auf die Titelseiten von "Theater Heute" und SZ-Feuilleton. Diverse Theater klopften bei ihm an, deutsch-türkische Regisseure gibt es im Schauspiel selten. Auch auf Podiumsdiskussionen über den Islam wird Celik häufig eingeladen. Denn an so einer Mischung - gläubiger Muslim & hipper Underground - besteht unbedingter Bedarf.Neco Celik, 34 Jahre, blasses Gesicht, Intellektuellenbrille, unmodische und damit fast schon wieder coole Frisur, hat aber auf die Exotenrolle "keinen Bock". Er ist zurückhaltend, extrem ernst und extrem gelassen. Die "Romeo und Julia"-Fassung, die er jetzt inszeniert, stammt wieder von Zaimoglu und Senkel. Die Montagues heißen Montagüs und kommen nicht aus Verona, sondern aus der Türkei. Die Zeitungsartikel im Probenraum haben sie für die deutschen Schauspieler aufgehängt, die mit islamischer Religion und Kultur nichts zu tun haben. Einfach, erklärt Celik, damit sie mal sehen, was täglich in den Zeitungen über diese Religion und über die Menschen, die ihr angehören, geschrieben wird: "Es geht dabei auch um sie selbst. Denn in dieser Berichterstattung tauchen sie letztlich auch auf. Es gibt immer das 'Ihr' und das 'Wir' - die Türken und die Mehrheitsgesellschaft."Neco Celik ist intelligent und genau. Er steht erst am Anfang seiner Künstlerkarriere. Das stellt er ohne Überheblichkeit auch selbst ganz trocken fest: "Ich bin noch im Prozess, aber ich bin dabei, herauszuwachsen." Heraus wächst Celik unter anderem aus seinem zweiten Job. Er ist nicht nur Künstler, er ist auch Sozialarbeiter im Jugendzentrum Naunynritze. Er hat schon den größten Teil seiner Kindheit und Jugend in der Naunynritze verbracht. Er war Schulabbrecher und Gang-Mitglied, mit Unterstützung des Jugendzentrums holte er den Hauptschulabschluss nach. Als er dann "wieder schlecht drauf kam", weil sie ihn, den Graffiti-Sprayer, bei der Berliner Universität der Künste nicht haben wollten, war die Naunynritze wieder da und besorgte ihm einen Ausbildungsplatz als Schriftgrafiker. Es war eine Sondermaßnahme für schwer erziehbare Jugendliche. Neco Celik war der einzige aus seinem Umfeld, der die drei Jahre durchhielt. Nach Abschluss der Ausbildung war er eine Ausnahme in seiner Szene, ein Vorbild, und die Naunynritze fragte, ob er nicht bei ihnen mitmachen wolle. Und weil er sowieso immer dort abhing, hat er ja gesagt.Damals, als es anfing mit dem neuen Job, las er ein Buch, das vom türkischen Leben in Deutschland erzählt. Es wurde für ihn zu einem Erweckungserlebnis. Das Buch beschreibt Gastarbeiter, die abstumpfen und sich nicht entwickeln und den Stumpfsinn an ihre Kinder weitergeben, weil sie ihr Leben auf später, auf ihre Rückkehr in die Heimat, auf eine ferne, nie eintretende Zukunft verschieben. "Auf einmal konnte ich mir erklären, warum alles so unerträglich war und so falsch", sagt Celik. "Damit hörten die quälenden Schmerzen auf." Er ist in die Wohnungen der Nachbarn gerannt und sah: "Ja, alle hatten die beschissenen gleichen Sofas und die beschissenen gleichen Schränke und die beschissenen gleichen Teppiche. Sie kannten das aus der Türkei nicht. Wie war das nur möglich, dass sie in Deutschland alle dieses gleiche Scheißzeug gekauft haben? Bullshit", sagt Celik, "das Leben unserer Eltern ist vorbei und hier rennen jetzt jede Menge stumpfsinniger Menschen herum."Damals, als er zwanzig war, hat Neco Celik auch den Islam für sich entdeckt. Durch einen Roman, in dem eine junge Frau wegen ihrer Glaubensvorstellungen mit der Familie in Konflikt gerät. Der Islam, das war damals noch kein Thema, weder in den Medien noch in der türkischen Community. Es gab einfach die sturen, oft stumpfen Traditionen, unhinterfragt. Aber Neco Celik begann sich zu fragen. Er besorgte sich Bücher, was nicht einfach war, und begriff, dass im Islam Bildung eine große Rolle spielt. Das man nicht darüber reden kann, wenn man nichts weiß. "So hat es angefangen", sagt er. "Das war meine Lektion Nummer 1." Seitdem verfolgt er sein eigenes Bildungsprogramm. Es hat ihn "geheilt", ihm Kraft gegeben - und er ist darüber zu einem Anthropologen seines eigenen Alltags geworden. Zu jemandem, der einen weiten Weg zurückgelegt hat, dabei in seinem eigenen Biotop geblieben ist und über dessen bizarre Merkwürdigkeiten jetzt Geschichten erzählt.Wie etwa in dem 2003 entstandenen "Urban Guerillas", in dem Celik Regie führte, das Drehbuch schrieb, sein eigener Produzent und Schauspieler war. "Urban Guerillas", spielt in der Kreuzberger Sprayer- und Rapper-Szene zwischen Oranienplatz und Görlitzer Bahnhof und ist überwiegend mit Laien gedreht, die ungelenk vor der Kamera agieren. Aber je länger der Film dauert, umso mehr ist die Kraft spürbar, mit der all diese versprengten, desorientierten, oft halbkriminellen Gestalten ihr Leben in den Griff zu bekommen suchen. Indem sie träumen. Vom Graffiti-Piece an der Wand, von der eigenen Punk-Band oder vom ultra-coolen Partyevent. Und indem sie diese Träume wahr zu machen versuchen. Ganz wirklich und ganz surreal geht es zu, und wenn die Kamera zu harten Beats über den Netzplan der Berliner Verkehrsbetriebe fliegt, dann ist es, als schicke Neco Celik Morsezeichen zu uns - aus der fremden Welt direkt vor unserer Haustür. Beim Nürnberger Filmfestival wurde "Urban Guerillas" mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.Damals, als Celik als ungelernter Sozialarbeiter im Jugendzentrum anfing, hatte er vom Filmen noch keine Ahnung. Er hatte auch kein pädagogisches Konzept. "Wenn die Jugendlichen langweilig drauf waren, war ich auch langweilig drauf. Wir hingen zusammen ab, man kam dabei ins Gespräch, redete auch über persönliche Sachen. Und irgendwann hatte einer eine Idee oder ich hatte eine Idee." Irgendwann, während Celik und die anderen so im Zentrum abhingen, kam einer der Naunynritzen-Jugendlichen bei einem Gang-Konflikt ums Leben. Einer, der es auf's Gymnasium geschafft hatte, einer, auf den alle stolz waren. Dass es ausgerechnet ihn traf, konnte keiner verstehen. Da ist die Idee mit dem Benefizkonzert entstanden.In der HipHop-Szene, sagt Celik, gab es die einen, die was konnten, die DJ's, Rapper, Sprayer und Breakdancer. "Und es gab welche, die konnten eigentlich nur Gewalt. Beim Benefizkonzert, da haben diejenigen, die sonst die Gewalttypen waren, die Security gemacht, und die Kreativen haben ihre Sachen vorgestellt." So hat es angefangen, etwas Positives kam ins Rollen, und im Laufe der nächsten zehn Jahre begann sich das einst berüchtigtste Jugendzentrum zu einem der kreativsten in Berlin zu entwickeln. Zu einem Ort, der Jugendlichen das Kiffen und manchmal sogar das Dealen abgewöhnt, sie dazu bringt, wieder zur Schule zu gehen. Zu einem Ort, über den viele Eltern dankbar nur Gutes zu berichten wissen. Mit dem Konzert hat es auch angefangen für Neco Celik. Auf das erste folgten bald weitere, und durch einen Freund, mit dem Celik das Konzert-Projekt startete, lernte er andere Leute kennen, Leute aus der Kreuzberger Filmszene: "Die waren eigentlich direkt nebenan. Aber man hat sich bis dahin eben nur in seinem eigenen Kreis bewegt." Cinophil war Neco Celik schon immer. 1994 hat er seinen ersten Kurzfilm gedreht, "Hall of Blame", über einen Graffiti-Sprayer natürlich.2001 gründete Celik die 36Pictures Filmproduktion. Er hat Filme in Hof und auf anderen Festivals gezeigt und auch für's Fernsehen gedreht. Die Naunynritze, von der Celik sagt, dass sie wohl immer ein Teil seines Lebens bleiben werde, stellt ihn für jedes seiner Projekte frei. Und freut sich, wenn er zurückkommt. Ob er nicht darunter leide, Künstler zu sein und immer noch im Jugendzentrum arbeiten zu müssen? Im Gegenteil, antwortet Neco Celik, inzwischen könne er das genießen. Früher hat er sich immer wieder mit den Jugendlichen schlagen müssen. Als Kinder haben sie zu ihm aufgesehen und wenn die Jungens in die Pubertät kamen, haben sie ihn herausgefordert. Denn für sie hatte er nicht die Seite gewechselt, er war weiter der "Neco aus der Gang". Aus einer berüchtigten, legendären Gang, den "Thirty-Sixer". "Ich musste mir meinen anderen Platz immer wieder primitiv erkämpfen. Hätte ich mich entzogen", sagt Neco Celik, "dann wäre jeder zweite gekommen. Also habe ich mich geschlagen." "Aber ein Erzieher, der sich schlägt", fragt er gequält, "was ist das?"Seit ein paar Jahren, seit regelmäßig Artikel über ihn in der Zeitung stehen, ist das vorbei. Er ist jetzt Neco, der Künstler. Einer, der es geschafft hat. Im November wird er in den Münchener Kammerspielen inszenieren, "Schwarze Jungfrauen" geht immer wieder auf Tournee, der nächste Film ist in Planung. "Die Gang", sagt Neco Celik, "haben wir damals gegründet, weil uns langweilig war. Wir waren wilde Jungens und hatten keine Freundinnen. Wir wollten die Mädels auf uns aufmerksam machen." Was sie nicht einkalkuliert hatten, war die Kettenreaktion, die sie auslösten. Bald gab es andere, die sie vom Thron stoßen wollten. Ein Gewaltkreislauf kam in Gang, in dem sie nur noch Schadenbegrenzung versuchen und andere Bezirke oft nicht mehr betreten konnten. "Wir sind stark. Wir sind noch stärker. So ging es ab und hörte nicht auf." Eine Weile später wird Celik über Zaimoglus "Romeo und Julia"-Version ähnliches sagen: "Es ist doch so, im Angesicht deiner Kultur wird meine Kultur wichtiger. Dadurch entsteht Ehrgeiz. Du bist kriminell? Ich bin krimineller als du! Du bist klug? Ich bin klüger! Du bist Muslim? Meine christliche Religion ist besser als deine! Das ist die Dynamik." Freundlich schaut Celik durch seine Brille. Er grinst. Und sieht dabei furchtbar müde aus.Romeo und Julia am 8., 9., 10., 12., 13. 3. im HAU 1