KAISERSLAUTERN. Am Sonntag gedachte der 1. FC Kaiserslautern seiner verstorbenen Mitglieder. Es war Totensonntag, und Trauer bietet die Möglichkeit mit sich ins Reine zu kommen. Doch der 1. FC Kaiserslautern kommt nicht zur Ruhe. Am Sonnabend setzten die Entlassung von Trainer Michael Henke und der angekündigte Rückzug des Vorstandsvorsitzenden René C. Jäggi nach der 1:3-Heimniederlage gegen den 1. FC Nürnberg den seit Jahren in der Krise taumelnden Klub neuerlichen Turbulenzen aus.Während sich Jäggi, Henke und sein Assistent Manfred Rauscher von der Mannschaft verabschiedeten, setzten die Kritiker ihre "Treibjagd" (Jäggi) gegen den Schweizer fort. "Der ehemalige FCK-Spieler Mario Basler darf in der Fernsehsendung Doppelpass im DSF in einem unwürdigen Schauspiel alles in Schutt und Asche legen, was ich hier in drei Jahren geleistet habe", schimpfte ein deprimierter Jäggi und fügte hinzu, er spüre tiefen Schmerz.Mit Anzeigen gedrohtAm Sonnabendvormittag hatte Jäggi den Aufsichtsrat in einem hitzigen Gespräch, in dem sich Aufsichtsratsmitglieder mit Anzeigen drohten, informiert, dass er bei einer Niederlage seinen Hut nehmen werde. "Es muss Platz geschaffen werden für neue, unbelastete Leute", sagte er. "Es geht um den FCK. Ich trage die Verantwortung für das, was passiert." Nach dem 0:3 vor zwei Wochen in Berlin verknüpfte Jäggi sein Schicksal vor der Mannschaft mit dem Henkes. Nach dem herzlosen Auftritt gegen Nürnberg, der die seit zehn Spielen sieglose Mannschaft auf den letzten Tabellenplatz katapultierte, warf Jäggi den Spielern vor, "nicht für den Trainer gespielt" zu haben.Jäggi glaubt zu wissen, warum er seit seinem Amtsantritt in Kaiserslautern Anfeindungen ausgesetzt ist. Negativ beeinflusst sieht Jäggi die Mannschaft von dem Spielervermittler Roger Wittmann, der auch Torjäger Halil Altintop berät. Wittmann ist zudem Schwager von Mario Basler, der zuletzt in Interviews Jäggi als "Versager" beleidigt hatte. Als Basler noch Spieler beim FCK war, versuchte er, Kollegen zu seinem Schwager zu lotsen. Auch glaubt Jäggi, dass der Aufsichtsrat Wilfried de Buhr seinen Posten wolle. De Buhr, der 1996 als Geschäftsführer des FCK und später bei anderen Profivereinen in verantwortlicher Position kläglich scheiterte, bestritt dies am Sonnabend.Als möglicher neuer Vorstandsvorsitzender wird der Name eines weiteren ehemaligen FCK-Geschäftsführers gehandelt: Klaus Fuchs, derzeit beim VfL Wolfsburg angestellt. "Der Verein muss aufpassen, wem er die Verantwortung übergibt", sagt Jäggi. "Mich wollte man nicht mehr. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass es diesen Verein überhaupt noch gibt. Jetzt ist das Kapitel Jäggi beendet." Er bleibt vorerst aber noch Chef des lokalen WM-Organisationskomitees.Jäggis Vorschlag, bis zur Mitgliederversammlung am 14. Dezember einen Notvorstand einzurichten, lehnte der Aufsichtsrat ab. Jäggi bleibt nun im Amt bis zur Mitgliederversammlung, in der auch ein neuer Aufsichtsrat gewählt wird, der dann den neuen Vorstandsvorsitzenden beruft.Es ist unbestritten, dass der Sanierer Jäggi den 1. FC Kaiserslautern vor dem wirtschaftlichen Ruin gerettet hat. Sportlich aber ist Jäggi gescheitert. Nach Erik Gerets, Kurt Jara und Hans-Werner-Moser war Michael Henke der vierte Trainer, der sich an dieser sinnlos zusammengestellten Mannschaft vergeblich versuchte.Henke schleppte die Altlasten des Klubs mit auf seinem Weg. Zuletzt verlor er dann den Überblick. Er ist an seiner Unerfahrenheit als Chefcoach gescheitert. Zu schnell reagierte er auf Fehlleistungen und brachte so viele Spieler der zerstrittenen Mannschaft gegen sich auf. Endgültig an Autorität verlor Henke, als er beim Pokalsieg des FCK in Erfurt einen gegnerischen Spieler als "Scheiß-Ossi" beschimpfte.Zusätzlich für Unruhe sorgte die Entlassung von Ciriaco Sforza. Der 35-Jährige hatte Jäggi auf die Anti-Henke-Haltung im Kader aufmerksam gemacht und die Ablösung des Trainers gefordert. Henke betonte, dass Sforza unter ihm nicht in den Kader zurückkehren wird. Der Spieler Sforza ist nun wieder denkbar. Als Trainer sind Klaus Toppmöller und Wolfgang Wolf im Gespräch. Vorerst betreuen Torwarttrainer Gerry Ehrmann und Regenerationstrainer Kay Friedmann das Team.------------------------------Chef für drei JahreDer Anfang: Im September 2002 wird René C. Jäggi zunächst Generalbevollmächtigter des 1. FC Kaiserslautern, später Vorstandschef. Er schafft es, den Schuldenberg des Vereins abzubauen. Jäggi streitet heftig mit der früheren Führung um Jürgen Friedrich und Robert Wieschemann, die aus dem Klub ausgeschlossen werden.Das Ende: Nach dem 1:3 gegen den 1. FC Nürnberg und dem Sturz ans Tabellenende der Bundesliga entlässt Jäggi Trainer Michael Henke und tritt als Klubboss zurück.------------------------------Foto: René C. Jäggi, entnervt in Kaiserslautern------------------------------Foto: Skepsis im Blick: Michael Henke verlor auf seiner ersten Station als Cheftrainer am Ende die Übersicht.

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