Unspektakulär ging dieser Chef-Wechsel vonstatten, unmerklich für die Leser. Im Jubiläumsheft zum 25. Geburtstag im November 2004 teilte Axel Hecht, Gründer des Kunstmagazins art und seither dessen Chefredakteur, den Lesern mit, man mute ihnen keine Festschrift zu. Statt dessen lieber die gewohnten gut recherchierten Analysen, Reminiszenzen über die große weite Welt der Kunst. Was die Leser der im Silbercover erschienenen Ausgabe zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfahren, ist, dass der früher beim Stern als Kulturchef tätige art-Gründer Hecht sich auf die Herausgeber-Position zurückziehen und das bei Gruner+Jahr erscheinende Monats-Magazin einem neuen Frontmann überlassen würde: Vor 15 Tagen übernahm nun der 36-jährige Tim Sommer die Chefredaktion. Ein Ostler. Er stammt aus Freyburg in Sachsen-Anhalt, studierte Kunstgeschichte und Kunstpädagogik in Leipzig, schrieb für die Kunstrubriken der Leipziger Volkszeitung und seit 1998 als Korrespondent für art. Hecht holte Sommer 2000 fest nach Hamburg, machte ihn erst zu seinem Stellvertreter, nun zum Nachfolger.Tim Sommer gibt nicht den Rebellen. Er sehe, sagt er, dafür keinen Grund. Schließlich habe er sich für ein Magazin entschieden, das über Kunst "auf Augenhöhe" mit den Lesern - interessierten Laien wie Fachleuten - berichtet und in dem es zuerst um Künstler und ihre Arbeit geht, weniger um Thesen und Strategien von Kuratoren. Das Profil des Magazins will er somit fortschreiben: "Schließlich stehe ich seit Jahren selbst für ein Programm, das den Fokus auf zeitgenössische Kunst richtet, neue Blickwinkel auf alte Themen sucht und im Journal immer mehr und aktuellere Kunst-Informationen bieten möchte."22 Leute arbeiten an art, in allen Kunstmetropolen gibt es Korrespondenten. Langsam aber sicher verändert sich die Urmannschaft von vor über 25 Jahren; nach und nach gehen Kollegen in den Ruhestand, mählich verjüngt sich die Redaktion. Für Alt-Abonnenten ändern sich seit Jahren die Lesegewohnheiten, wenn auch nicht radikal. Das Magazin, anfangs stärker kunsthistorisch und auf klassische Moderne und Nachkriegsmoderne programmiert, wird mehr und mehr eine Galerie der Gegenwart, die Alte Meister aus heutigem Blickwinkel betrachtet. Der neue Chefredakteur räumt ein, dass art mit Kontinuität am Mainstream der Kunstentwicklung orientiert sei, zugleich aber der Leserschaft Entdeckungen und ästhetische Zumutungen präsentiere, wie sie die globale junge Kunst in rauen Mengen bereithält. Was von Anfang an das Profil bestimmte und für Tim Sommer unentbehrlich wäre, ist der Stil des Magazins, hinter den Kunstwerken immer den Künstler mit seiner Biografie, seinem Schicksal und damit seinem Verhältnis zur Welt, zur Gesellschaft aufleuchten zu lassen. Weitere Aufgabe sei es, dabei Entwicklungen der Kunstgeschichte, Innovationen, Rückgriffe, Fortschreibungen deutlich zu machen, dies in anschaulicher Sprache, von Theorie begleitet, aber nicht theorielastig, dabei solide recherchiert und spannend aufgeschrieben statt reißerisch aufgemacht.Das Vorurteil, art lese vor allem die Zahnarztgattin, und das mit Hochglanz aufgemachte Heft fände sich eher in Kanzleiwarteräumen denn in Museumsshops, auf Galerietischen oder in Uni-Büchereien, ist ad absurdum geführt. Das in Inhalt und Form in der so genannten Avantgarde-Szene gern als konservativ und risikoarm beurteilte Magazin porträtiert zunehmend die Jungen des deutschen und internationalen Kunstbetriebs, gerade auch aus dem Ostblock und der Dritten Welt. Für Künstler ist es ausgesprochen imagefördernd, in art vorgestellt zu werden; ihren Galeristen und Kuratoren gilt dies meist als Bestätigung. Während andere, dem Diskurs und oft auch dem Selbstreferentiellen des Kunstbetriebs verpflichtete Zeitschriften wie etwa "Texte zur Kunst", auf dem Markt kämpfen, läuft art anscheinend krisenlos, macht trotz schwierigen Abo-Geschäfts seit zehn Jahren Gewinn. Weder mussten Redakteure entlassen noch Honorare gekürzt werden. Ein Magazin, hinter dem sein Verlag steht wie ein Fels in der Brandung? Nun, der freundliche, mit den Künstlern sympathisierende und der weitgehend auf elitäre, theorielastige Texte verzichtende Ton ist gewollt und kommt ungebrochen an: Mit fast 75 000 Exemplaren und mehr als einer halben Million Lesern pro Heft ist art das größte Kunstmagazin Europas, es wird abonniert und am Kiosk gekauft von Kunsthistorikern, Galeristen, Künstlern, Museumsleuten, Redakteuren ebenso wie von Lehrern, Wissenschaftlern, Medizinern, Piloten oder Gastronomen. Seit der Wende gibt es Tausende Abonnenten im Osten. Dass art schon seit Mitte der Achtziger Ostkünstler vorstellte, könnte mit ein Grund sein. Und wenn sich erst herum gesprochen hat, dass der neue Chefredakteur aus Ostdeutschland kommt, wer weiß, vielleicht werden es dann noch einige mehr.------------------------------Die Auflage steigt // Das Kunstmagazin art erscheint seit 25 Jahren im Verlag Gruner+Jahr. Gründungschefredakteur war Axel Hecht, zuvor "Stern", der das Blatt noch bis vor kurzem leitete. Anfang 2005 hat sich der 60-jährige Hecht allerdings von dem Posten zurückgezogen. Sein Nachfolger ist Tim Sommer, der seit 1998 für das Magazin schreibt und unter Hecht zuletzt schon stellvertretender Chef- redakteur war. Nach den neuen IVW-Zahlen, die am Freitag vorgelegt wurden, hat art seine Auflage im vierten Quartal 2004 deutlich gesteigert. Im Durchschnitt verkaufte das Magazin pro Monat 74 960 Exemplare. Das entspricht einem Zuwachs von neun Prozent gegenüber dem Vorjahr und im Vergleich zum Vorquartal sogar um 13,3 Prozent.------------------------------Foto: (2) Links: Das erste art-Heft 1979; auf dem Titel der kolumbianische Maler Botero.Rechts: art-Cover mit einem Konterfei von Joseph Beuys (Februar 1983).------------------------------Foto: (2) Die Dezember-Ausgabe 1994 (l.) blickte auf den New Yorker Kunstbetrieb. Das am 28. Januar erscheinende Februar-Heft widmet sich dem Fotografen Gosbert Gottmann.------------------------------Foto: Tim Sommer, der Neue an der Redaktionsspitze von art

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